„Wahrheit“: das bezeichnet innerhalb meiner Denkweise nicht notwendig einen Gegensatz zum Irrtum, sondern in den grundsätzlichsten Fällen nur eine Stellung verschiedener Irrtümer zueinander: etwa, daß der eine älter, tiefer als der andre ist, vielleicht sogar unausrottbar, insofern ein organisches Wesen unserer Art nicht ohne ihn leben könnte; während andere Irrtümer uns nicht dergestalt als Lebensbedingungen tyrannisieren, vielmehr, gemessen an solchen „Tyrannen“, beseitigt und „widerlegt“ werden können.
Eine Annahme, die unwiderlegbar ist, – warum sollte sie deshalb schon „wahr“ sein? Dieser Satz empört vielleicht die Logiker, welche ihre Grenzen als Grenzen der Dinge ansetzen: aber diesem Logikeroptimismus habe ich schon lange den Krieg erklärt.
274.
Das Feststellen zwischen „wahr“ und „unwahr“, das Feststellen überhaupt von Tatbeständen ist grundverschieden von dem schöpferischen Setzen, vom Bilden, Gestalten, Überwältigen, Wollen, wie es im Wesen der Philosophie liegt. Einen Sinn hineinlegen – diese Aufgabe bleibt unbedingt immer noch übrig, gesetzt, daß kein Sinn darin liegt. So steht es mit Tönen, aber auch mit Volksschicksalen: sie sind der verschiedensten Ausdeutung und Richtung zu verschiedenen Zielen fähig.
Die noch höhere Stufe ist ein Ziel setzen und daraufhin das Tatsächliche einformen: also die Ausdeutung der Tat, und nicht bloß die begriffliche Umdichtung.
275.
Es gibt weder „Geist“, noch Vernunft, noch Denken, noch Bewußtsein, noch Seele, noch Wille, noch Wahrheit: alles Fiktionen, die unbrauchbar sind. Es handelt sich nicht um „Subjekt und Objekt“, sondern um eine bestimmte Tierart, welche nur unter einer gewissen relativen Richtigkeit, vor allem Regelmäßigkeit ihrer Wahrnehmungen (so daß sie Erfahrung kapitalisieren kann) gedeiht....
Die Erkenntnis arbeitet als Werkzeug der Macht. So liegt es auf der Hand, daß sie wächst mit jedem Mehr von Macht....
Sinn der „Erkenntnis“: hier ist, wie bei „gut“ oder „schön“, der Begriff streng und eng anthropozentrisch und biologisch zu nehmen. Damit eine bestimmte Art sich erhält und wächst in ihrer Macht, muß sie in ihrer Konzeption der Realität so viel Berechenbares und Gleichbleibendes erfassen, daß daraufhin ein Schema ihres Verhaltens konstruiert werden kann. Die Nützlichkeit der Erhaltung – nicht irgendein abstrakt-theoretisches Bedürfnis, nicht betrogen zu werden – steht als Motiv hinter der Entwicklung der Erkenntnisorgane...., sie entwickeln sich so, daß ihre Beobachtung genügt, uns zu erhalten. Anders: das Maß des Erkennenwollens hängt ab von dem Maß des Wachsens des Willens zur Macht der Art: eine Art ergreift so viel Realität, um über sie Herr zu werden, um sie in Dienst zu nehmen.