„Unlust“ und „Lust“ sind die denkbar dümmsten Ausdrucksmittel von Urteilen: womit natürlich nicht gesagt ist, daß die Urteile, welche hier auf diese Art lauten werden, dumm sein müßten. Das Weglassen aller Begründung und Logizität, ein Ja oder Nein in der Reduktion auf ein leidenschaftliches Habenwollen oder Wegstoßen, eine imperativische Abkürzung, deren Nützlichkeit unverkennbar ist: das ist Lust und Unlust. Ihr Ursprung ist in der Zentralsphäre des Intellekts; ihre Voraussetzung ist ein unendlich beschleunigtes Wahrnehmen, Ordnen, Subsummieren, Nachrechnen, Folgern: Lust und Unlust sind immer Schlußphänomene, keine „Ursachen“.

Die Entscheidung darüber, was Unlust und Lust erregen soll, ist vom Grade der Macht abhängig: dasselbe, was in Hinsicht auf ein geringes Quantum Macht als Gefahr und Nötigung zu schnellster Abwehr erscheint, kann bei einem Bewußtsein größerer Machtfülle eine wollüstige Reizung, ein Lustgefühl als Folge haben.

Alle Lust- und Unlustgefühle setzen bereits ein Messen nach Gesamtnützlichkeit, Gesamtschädlichkeit voraus: also eine Sphäre, wo das Wollen eines Ziels (Zustandes) und ein Auswählen der Mittel dazu stattfindet. Lust und Unlust sind niemals „ursprüngliche Tatsachen“.

Lust- und Unlustgefühle sind Willensreaktionen (Affekte), in denen das intellektuelle Zentrum den Wert gewisser eingetretener Veränderungen zum Gesamtwert fixiert, zugleich als Einleitung von Gegenaktionen.

319.

Wie weit unser Intellekt eine Folge von Existenzbedingungen ist – : wir hätten ihn nicht, wenn wir ihn nicht nötig hätten, und hätten ihn nicht so, wenn wir ihn nicht so nötig hätten, wenn wir auch anders leben könnten.

2. Erkenntnis.

a. Allgemeines.
320.