Ebenso fremd ist ihm das verschwundene Individuum, das Untertauchen in einen großen Typus, das Nicht-Person-sein-wollen: worin die Auszeichnung und der Eifer vieler hohen Menschen früher bestand (die größten Dichter darunter); oder „Stadt-sein“ wie in Griechenland; Jesuitismus, preußisches Offizierkorps und Beamtentum; oder Schüler-sein und Fortsetzer großer Meister: wozu ungesellschaftliche Zustände und der Mangel der kleinen Eitelkeit nötig ist.

463.
Morphologie der Selbstgefühle.

Erster Gesichtspunkt: inwiefern die Mitgefühls- und Gemeinschaftsgefühle die niedrigere, die vorbereitende Stufe sind, zur Zeit, wo das Personalselbstgefühl, die Initiative der Wertsetzung im einzelnen noch gar nicht möglich ist.

Zweiter Gesichtspunkt: inwiefern die Höhe des Kollektivselbstgefühls, der Stolz auf die Distanz des Clans, das Sich-ungleich-fühlen, die Abneigung gegen Vermittlung, Gleichberechtigung, Versöhnung eine Schule des Individualselbstgefühls ist: namentlich insofern sie den Einzelnen zwingt, den Stolz des Ganzen zu repräsentieren: – er muß reden und handeln mit einer extremen Achtung vor sich, insofern er die Gemeinschaft in Person darstellt. Insgleichen: wenn das Individuum sich als Werkzeug und Sprachrohr der Gottheit fühlt.

Dritter Gesichtspunkt: inwiefern diese Formen der Entselbstung tatsächlich der Person eine ungeheure Wichtigkeit geben: insofern höhere Gewalten sich ihrer bedienen: religiöse Scheu vor sich selbst Zustand des Propheten, Dichters.

Vierter Gesichtspunkt: inwiefern die Verantwortlichkeit für das Ganze dem Einzelnen einen weiten Blick, eine strenge und furchtbare Hand, eine Besonnenheit und Kälte, eine Großartigkeit der Haltung und Gebärde anerzieht und erlaubt, welche er nicht um seiner selbst willen sich zugestehen würde.

In summa: die Kollektivselbstgefühle sind die große Vorschule der Personalsouveränität. Der vornehme Stand ist der, welcher die Erbschaft dieser Übung macht.

464.
Die maskierten Arten des Willens zur Macht:

1. Verlangen nach Freiheit, Unabhängigkeit, auch nach Gleichgewicht, Frieden, Koordination. Auch der Einsiedler, die „Geistesfreiheit“. In niedrigster Form: Wille überhaupt, dazusein, „Selbsterhaltungstrieb“.

2. Die Einordnung, um im größeren Ganzen dessen Willen zur Macht zu befriedigen: die Unterwerfung, das Sich-unentbehrlich-machen, -nützlich-machen bei dem, der die Gewalt hat; die Liebe, als ein Schleichweg zum Herzen des Mächtigeren, – um über ihn zu herrschen.