518.

Man ist um den Preis Künstler, daß man das, was alle Nichtkünstler „Form“ nennen, als Inhalt, als „die Sache selbst“ empfindet. Damit gehört man freilich in eine verkehrte Welt: denn nunmehr wird einem der Inhalt zu etwas bloß Formalem, – unser Leben eingerechnet.

519.

Zur Charakteristik des nationalen Genius in Hinsicht auf Fremdes und Entlehntes. –

Der englische Genius vergröbert und vernatürlicht alles, was er empfängt;

der französische verdünnt, vereinfacht, logisiert, putzt auf;

der deutsche vermischt, vermittelt, verwickelt, vermoralisiert;

der italienische hat bei weitem den freiesten und feinsten Gebrauch vom Entlehnten gemacht und hundertmal mehr hineingesteckt als herausgezogen: als der reichste Genius, der am meisten zu verschenken hatte.

520.

Wenn man unter Genie eines Künstlers die höchste Freiheit unter dem Gesetz, die göttliche Leichtigkeit, Leichtfertigkeit im schwersten versteht, so hat Offenbach noch mehr Anrecht auf den Namen „Genie“ als Wagner. Wagner ist schwer, schwerfällig: nichts ist ihm fremder als Augenblicke übermütigster Vollkommenheit, wie sie dieser Hanswurst Offenbach fünf-, sechsmal fast in jeder seiner bouffonneries erreicht. Aber vielleicht darf man unter Genie etwas anderes verstehen. –