525.

Die Sinnlichkeit in ihren Verkleidungen: 1. als Idealismus „Plato“), der Jugend eigen, dieselbe Art von Hohlspiegelbild schaffend, wie die Geliebte im speziellen erscheint, eine Inkrustation, Vergrößerung, Verklärung, Unendlichkeit um jedes Ding legend – : 2. in der Religion der Liebe: „ein schöner, junger Mann, ein schönes Weib“, irgendwie göttlich, ein Bräutigam, eine Braut der Seele – : 3. in der Kunst, als „schmückende“ Gewalt: wie der Mann das Weib sieht, indem er ihr gleichsam alles zum Präsent macht, was es von Vorzügen gibt, so legt die Sinnlichkeit des Künstlers in ein Objekt, was er sonst noch ehrt und hochhält – dergestalt vollendet er ein Objekt („idealisiert“ es). Das Weib, unter dem Bewußtsein, was der Mann in bezug auf das Weib empfindet, kommt dessen Bemühen nach Idealisierung entgegen, indem es sich schmückt, schön geht, tanzt, zarte Gedanken äußert: insgleichen übt sie Scham, Zurückhaltung, Distanz – mit dem Instinkt dafür, daß damit das idealisierende Vermögen des Mannes wächst. (– Bei der ungeheuren Feinheit des weiblichen Instinkts bleibt die Scham keineswegs bewußte Heuchelei: sie errät, daß gerade die naive wirkliche Schamhaftigkeit den Mann am meisten verführt und zur Überschätzung drängt. Darum ist das Weib naiv – aus Feinheit des Instinkts, welcher ihr die Nützlichkeit des Unschuldigseins anrät. Ein willentliches die-Augen-über-sich-geschlossen-halten.... Überall, wo die Verstellung stärker wirkt, wenn sie unbewußt ist, wird sie unbewußt.)

526.

Was der Rausch alles vermag, der „Liebe“ heißt, und der noch etwas anderes ist als Liebe! – Doch darüber hat jedermann seine Wissenschaft. Die Muskelkraft eines Mädchens wächst, sobald nur ein Mann in seine Nähe kommt; es gibt Instrumente, dies zu messen. Bei einer noch näheren Beziehung der Geschlechter, wie sie zum Beispiel der Tanz und andere gesellschaftliche Gepflogenheiten mit sich bringen, nimmt diese Kraft dergestalt zu, um zu wirklichen Kraftstücken zu befähigen: man traut endlich seinen Augen nicht – und seiner Uhr! Hier ist allerdings einzurechnen, daß der Tanz an sich schon, gleich jeder sehr geschwinden Bewegung, eine Art Rausch für das gesamte Gefäß-, Nerven- und Muskelsystem mit sich bringt. Man hat in diesem Falle mit den kombinierten Wirkungen eines doppelten Rausches zu rechnen. – Und wie weise es mitunter ist, einen kleinen Stich zu haben!.... Es gibt Realitäten, die man nie sich eingestehen darf; dafür ist man Weib, dafür hat man alle weiblichen pudeurs.... Diese jungen Geschöpfe, die dort tanzen, sind ersichtlich jenseits aller Realität: sie tanzen nur mit lauter handgreiflichen Idealen; sie sehen sogar, was mehr ist, noch Ideale um sich sitzen: die Mütter!.... Gelegenheit, Faust zu zitieren.... Sie sehen unvergleichlich besser aus, wenn sie dergestalt ihren kleinen Stich haben, diese hübschen Kreaturen, – o wie gut sie das auch wissen! sie werden sogar liebenswürdig, weil sie das wissen! – Zuletzt inspiriert sie auch noch ihr Putz; ihr Putz ist ihr dritter kleiner Rausch: sie glauben an ihren Schneider, wie sie an ihren Gott glauben: – und wer widerriete ihnen diesen Glauben! Dieser Glaube macht selig! Und die Selbstbewunderung ist gesund! – Selbstbewunderung schützt vor Erkältung. Hat sich je ein hübsches Weib erkältet, das sich gut bekleidet wußte? Nun und nimmermehr! Ich setze selbst den Fall, daß es kaum bekleidet war.

527.

Will man den erstaunlichsten Beweis dafür, wie weit die Transfigurationskraft des Rausches geht? – Die „Liebe“ ist dieser Beweis: Das, was Liebe heißt in allen Sprachen und Stummheiten der Welt. Der Rausch wird hier mit der Realität in einer Weise fertig, daß im Bewußtsein des Liebenden die Ursache ausgelöscht und etwas anderes sich an ihrer Stelle zu finden scheint, – ein Zittern und Aufglänzen aller Zauberspiegel der Circe.... Hier macht Mensch und Tier keinen Unterschied; noch weniger Geist, Güte, Rechtschaffenheit. Man wird fein genarrt, wenn man fein ist; man wird grob genarrt, wenn man grob ist: aber die Liebe, und selbst die Liebe zu Gott, die Heiligenliebe „erlöster Seelen“, bleibt in der Wurzel eins: ein Fieber, das Gründe hat, sich zu transfigurieren, ein Rausch, der gut tut, über sich zu lügen.... Und jedenfalls lügt man gut, wenn man liebt, vor sich und über sich: man scheint sich transfiguriert, stärker, reicher, vollkommener, man ist vollkommener.... Wir finden hier die Kunst als organische Funktion: wir finden sie eingelegt in den engelhaftesten Instinkt „Liebe“: wir finden sie als größtes Stimulans des Lebens, – Kunst somit als sublim zweckmäßig auch noch darin, daß sie lügt.... Aber wir würden irren, bei ihrer Kraft, zu lügen, stehenzubleiben: sie tut mehr als bloß imaginieren: sie verschiebt selbst die Werte. Und nicht nur, daß sie das Gefühl der Werte verschiebt: der Liebende ist mehr wert, ist stärker. Bei den Tieren treibt dieser Zustand neue Waffen, Pigmente, Farben und Formen heraus: vor allem neue Bewegungen, neue Rhythmen, neue Locktöne und Verführungen. Beim Menschen ist es nicht anders. Sein Gesamthaushalt ist reicher als je, mächtiger, ganzer als im Nichtliebenden. Der Liebende wird Verschwender: er ist reich genug dazu. Er wagt jetzt, wird Abenteurer, wird ein Esel an Großmut und Unschuld; er glaubt wieder an Gott, er glaubt an die Tugend, weil er an die Liebe glaubt: und andererseits wachsen diesem Idioten des Glücks Flügel und neue Fähigkeiten, und selbst zur Kunst tut sich ihm die Tür auf. Rechnen wir aus der Lyrik in Ton und Wort die Suggestion jenes intestinalen Fiebers ab: was bleibt von der Lyrik und Musik übrig?.... L'art pour l'art vielleicht: das virtuose Gequak kaltgestellter Frösche, die in ihrem Sumpfe desperieren.... Den ganzen Rest schuf die Liebe....

528.

Alle Kunst wirkt als Suggestion auf die Muskeln und Sinne, welche ursprünglich beim naiven künstlerischen Menschen tätig sind: sie redet immer nur zu Künstlern, – sie redet zu dieser Art von feiner Beweglichkeit des Leibes. Der Begriff „Laie“ ist ein Fehlgriff. Der Taube ist keine Spezies des Guthörigen.

Alle Kunst wirkt tonisch, mehrt die Kraft, entzündet die Lust (das heißt das Gefühl der Kraft), regt alle die feineren Erinnerungen des Rausches an, – es gibt ein eigenes Gedächtnis, das in solche Zustände hinunterkommt: eine ferne und flüchtige Welt von Sensationen kehrt da zurück.

Das Häßliche, das heißt der Widerspruch zur Kunst, das, was ausgeschlossen wird von der Kunst, ihr Nein: – jedesmal, wenn der Niedergang, die Verarmung an Leben, die Ohnmacht, die Auflösung, die Verwesung von fern nur angeregt wird, reagiert der ästhetische Mensch mit seinem Nein. Das Häßliche wirkt depressiv: es ist der Ausdruck einer Depression. Es nimmt Kraft, es verarmt, es drückt.. Das Häßliche suggeriert Häßliches; man kann an seinen Gesundheitszuständen erproben, wie unterschiedlich das Schlechtbefinden auch die Fähigkeit der Phantasie des Häßlichen steigert. Die Auswahl wird anders, von Sachen, Interessen, Fragen. Es gibt einen dem Häßlichen nächstverwandten Zustand auch im Logischen: – Schwere, Dumpfheit. Mechanisch fehlt dabei das Gleichgewicht: das Häßliche hinkt, das Häßliche stolpert: – Gegensatz einer göttlichen Leichtfertigkeit des Tanzenden.