575.
Daß man sein Leben, seine Gesundheit, seine Ehre aufs Spiel setzt, das ist die Folge des Übermutes und eines überströmenden, verschwenderischen Willens: nicht aus Menschenliebe, sondern weil jede große Gefahr unsre Neugierde in bezug auf das Maß unsrer Kraft, unsres Mutes herausfordert.
576.
„Sein Leben lassen für eine Sache“ – großer Effekt. Aber man läßt für vieles sein Leben: die Affekte samt und sonders wollen ihre Befriedigung. Ob es das Mitleid ist oder der Zorn oder die Rache – daß das Leben daran gesetzt wird, verändert nichts am Werte. Wie viele haben ihr Leben für die hübschen Weiblein geopfert – und selbst, was schlimmer ist, ihre Gesundheit! Wenn man das Temperament hat, so wählt man instinktiv die gefährlichen Dinge: zum Beispiel die Abenteuer der Spekulation, wenn man Philosoph, oder der Immoralität, wenn man tugendhaft ist. Die eine Art Mensch will nichts riskieren, die andre will riskieren. Sind wir anderen Verächter des Lebens? Im Gegenteil, wir suchen instinktiv ein potenziertes Leben, das Leben in der Gefahr.... Damit, nochmals gesagt, wollen wir nicht tugendhafter sein als die anderen. Pascal zum Beispiel wollte nichts riskieren und blieb Christ: das war vielleicht tugendhaft. – Man opfert immer.
577.
„Seinem Gefühle folgen?“ – Daß man, einem generösen Gefühle nachgebend, sein Leben in Gefahr bringt, und unter dem Impuls eines Augenblicks: das ist wenig wert und charakterisiert nicht einmal. In der Fähigkeit dazu sind sich alle gleich – und in der Entschlossenheit dazu übertrifft der Verbrecher, Bandit und Korse einen honetten Menschen gewiß.
Die höhere Stufe ist, auch diesen Andrang bei sich zu überwinden und die heroische Tat nicht auf Impulse hin zu tun, – sondern kalt, raisonnable, ohne das stürmische Überwallen von Lustgefühlen dabei.... Dasselbe gilt vom Mitleid: es muß erst habituell durch die raison durchgesiebt sein; im anderen Falle ist es so gefährlich wie irgendein Affekt.
Die blinde Nachgiebigkeit gegen einen Affekt, sehr gleichgültig, ob es ein generöser und mitleidiger oder feindseliger ist, ist die Ursache der größten Übel.
Die Größe des Charakters besteht nicht darin, daß man diese Affekte nicht besitzt, – im Gegenteil, man hat sie im furchtbarsten Grade: aber daß man sie am Zügel führt.... und auch das noch ohne Lust an dieser Bändigung, sondern bloß, weil....