Hierüber scheint kein Fehlgriff möglich: trotzdem enthält die Geschichte die schauerliche Tatsache, daß die Erschöpften immer verwechselt worden sind mit den Vollsten – und die Vollsten mit den Schädlichsten.

Der Arme an Leben, der Schwache, verarmt noch das Leben: der Reiche an Leben, der Starke, bereichert es.... Der erste ist dessen Parasit: der zweite ein Hinzu-Schenkender.... Wie ist eine Verwechslung möglich?....

Wenn der Erschöpfte mit der Geberde der höchsten Aktivität und Energie auftrat (wenn die Entartung einen Exzeß der geistigen oder nervösen Entladung bedingte), dann verwechselte man ihn mit dem Reichen... Er erregte Furcht... Der Kultus des Narren ist immer auch der Kultus des An-Leben-Reichen, des Mächtigen. Der Fanatiker, der Besessene, der religiöse Epileptiker, alle Exzentrischen sind als höchste Typen der Macht empfunden worden: als göttlich.

Diese Art Stärke, die Furcht erregt, galt vor allem als göttlich: von hier nahm die Autorität ihren Ausgangspunkt, hier interpretierte, hörte, suchte man Weisheit.... Hieraus entwickelte sich überall beinahe ein Wille zur „Vergöttlichung“, das heißt, zur typischen Entartung von Geist, Leib und Nerven: ein Versuch, den Weg zu dieser höheren Art Sein zu finden. Sich krank, sich toll machen, die Symptome der Zerrüttung provozieren – das hieß stärker, übermenschlicher, furchtbarer, weiser werden: – man glaubte damit so reich an Macht zu werden, daß man abgeben konnte. Überall, wo angebetet worden ist, suchte man einen, der abgeben kann.

Hier war irreführend die Erfahrung des Rausches. Dieser vermehrt im höchsten Grade das Gefühl der Macht, folglich, naiv beurteilt, die Macht. – Auf der höchsten Stufe der Macht mußte der Berauschteste stehen, der Ekstatische. (– Es gibt zwei Ausgangspunkte des Rausches: die übergroße Fülle des Lebens und einen Zustand von krankhafter Ernährung des Gehirns.)

51.

Zu begreifen: – Daß alle Art Verfall und Erkrankung fortwährend an den Gesamt-Werturteilen mitgearbeitet hat: daß in den herrschend gewordenen Werturteilen die décadence sogar zum Übergewicht gekommen ist: daß wir nicht nur gegen die Folgezustände alles gegenwärtigen Elends von Entartung zu kämpfen haben, sondern alle bisherige décadence rückständig, das heißt lebendig geblieben ist. Eine solche Gesamtabirrung der Menschheit von ihren Grundinstinkten, eine solche Gesamt-décadence des Werturteils ist das Fragezeichen par excellence, das eigentliche Rätsel, das das Tier „Mensch“ dem Philosophen aufgibt. –

52.

Schwäche des Willens: das ist ein Gleichnis, das irreführen kann. Denn es gibt keinen Willen, und folglich weder einen starken, noch schwachen Willen. Die Vielheit und Disgregation der Antriebe, der Mangel an System unter ihnen resultiert als „schwacher Wille“; die Koordination derselben unter der Vorherrschaft eines einzelnen resultiert als „starker Wille“; – im ersteren Falle ist es das Oszillieren und der Mangel an Schwergewicht; im letzteren die Präzision und Klarheit der Richtung.

53.