Was sind unsere Wertschätzungen und moralischen Gütertafeln selber wert? Was kommt bei ihrer Herrschaft heraus? Für wen? in bezug worauf? – Antwort: für das Leben. Aber was ist Leben? Hier tut also eine neue, bestimmtere Fassung des Begriffs „Leben“ not. Meine Formel dafür lautet: Leben ist Wille zur Macht.
Was bedeutet das Wertschätzen selbst? Weist es auf eine andere, metaphysische Welt zurück oder hinab? (wie noch Kant glaubte, der vor der großen historischen Bewegung steht.) Kurz: wo ist es entstanden? Oder ist es nicht „entstanden“? – Antwort: das moralische Wertschätzen ist eine Auslegung, eine Art zu interpretieren. Die Auslegung selbst ist ein Symptom bestimmter physiologischer Zustände, ebenso eines bestimmten geistigen Niveaus von herrschenden Urteilen: Wer legt aus? – Unsre Affekte.
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Wessen Wille zur Macht ist die Moral? – Das Gemeinsame in der Geschichte Europas seit Sokrates ist der Versuch, die moralischen Werte zur Herrschaft über alle anderen Werte zu bringen: so daß sie nicht nur Führer und Richter des Lebens sein sollen, sondern auch 1. der Erkenntnis, 2. der Künste, 3. der staatlichen und gesellschaftlichen Bestrebungen. „Besserwerden“ als einzige Aufgabe, alles übrige dazu Mittel (oder Störung, Hemmung, Gefahr: folglich bis zur Vernichtung zu bekämpfen....). – Eine ähnliche Bewegung in China. Eine ähnliche Bewegung in Indien.
Was bedeutet dieser Wille zur Macht seitens der moralischen Werte, der in den ungeheuren Entwicklungen sich bisher auf der Erde abgespielt hat?
Antwort: – drei Mächte sind hinter ihm versteckt:
1. der Instinkt der Herde gegen die Starken und Unabhängigen; 2. der Instinkt der Leidenden und Schlechtweggekommenen gegen die Glücklichen; 3. der Instinkt der Mittelmäßigen gegen die Ausnahmen. – Ungeheurer Vorteil dieser Bewegung, wieviel Grausamkeit, Falschheit und Borniertheit auch in ihr mitgeholfen hat (: denn die Geschichte vom Kampf der Moral mit den Grundinstinkten des Lebens ist selbst die größte Immoralität, die bisher auf Erden dagewesen ist....).
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Die ganze Moral Europas hat den Nutzen der Herde auf dem Grunde: die Trübsal aller höheren, seltneren Menschen liegt darin, daß alles, was sie auszeichnet, ihnen mit dem Gefühl der Verkleinerung und Verunglimpfung zum Bewußtsein kommt. Die Stärken des jetzigen Menschen sind die Ursachen der pessimistischen Verdüsterung: die Mittelmäßigen sind, wie die Herde ist, ohne viel Frage und Gewissen, – heiter. (Zur Verdüsterung der Starken: Pascal, Schopenhauer.)
Je gefährlicher eine Eigenschaft der Herde scheint, um so gründlicher wird sie in die Acht getan.