90.

Die drei Behauptungen:

Das Unvornehme ist das Höhere (Protest des „gemeinen Mannes“);

das Widernatürliche ist das Höhere (Protest der Schlechtweggekommenen);

das Durchschnittliche ist das Höhere (Protest der Herde, der „Mittleren“).

In der Geschichte der Moral drückt sich also ein Wille zur Macht aus, durch den bald die Sklaven und Unterdrückten, bald die Mißratenen und An-sich-Leidenden, bald die Mittelmäßigen den Versuch machen, die ihnen günstigsten Werturteile durchzusetzen.

Insofern ist das Phänomen der Moral vom Standpunkt der Biologie aus höchst bedenklich. Die Moral hat sich bisher entwickelt auf Unkosten: der Herrschenden und ihrer spezifischen Instinkte, der Wohlgeratenen und schönen Naturen, der Unabhängigen und Privilegierten in irgendeinem Sinne.

Die Moral ist also eine Gegenbewegung gegen die Bemühungen der Natur, es zu einem höheren Typus zu bringen. Ihre Wirkung ist: Mißtrauen gegen das Leben überhaupt (insofern dessen Tendenzen als „unmoralisch“ empfunden werden), – Sinnlosigkeit, Widersinn (insofern die obersten Werte als im Gegensatz zu den obersten Instinkten empfunden werden), – Entartung und Selbstzerstörung der „höheren Naturen“, weil gerade in ihnen der Konflikt bewußt wird.

91.

„Die guten Leute sind alle schwach: sie sind gut, weil sie nicht stark genug sind, böse zu sein“, sagte der Latukahäuptling Comorro zu Baker.