96.

Die gelobten Zustände und Begierden: – friedlich, billig, mäßig, bescheiden, ehrfürchtig, rücksichtsvoll, tapfer, keusch, redlich, treu, gläubig, gerade, vertrauensvoll, hingebend, mitleidig, hilfreich, gewissenhaft, einfach, mild, gerecht, freigebig, nachsichtig, gehorsam, uneigennützig, neidlos, gütig, arbeitsam –

Zu unterscheiden: inwiefern solche Eigenschaften bedingt sind als Mittel zu einem bestimmten Willen und Zweck (oft einem „bösen“ Zweck); oder als natürliche Folgen eines dominierenden Affektes (zum Beispiel Geistigkeit): oder Ausdruck einer Notlage, will sagen: als Existenzbedingung (zum Beispiel Bürger, Sklave, Weib usw.).

Summa: sie sind allesamt nicht um ihrer selber willen als „gut“ empfunden, sondern bereits unter dem Maßstab der „Gesellschaft“, „Herde“, als Mittel zu deren Zwecken, als notwendig für deren Aufrechterhaltung und Förderung, als Folge zugleich eines eigentlichen Herdeninstinktes im einzelnen: somit im Dienste eines Instinktes, der grundverschieden von diesen Tugendzuständen ist. Denn die Herde ist nach außen hin feindselig, selbstsüchtig, unbarmherzig, voller Herrschsucht, Mißtrauen usw.

Im „Hirten“ kommt der Antagonismus heraus: er muß die entgegengesetzten Eigenschaften der Herde haben.

Todfeindschaft der Herde gegen die Rangordnung: ihr Instinkt zugunsten der Gleichmacher (Christus). Gegen die starken Einzelnen (les souverains) ist sie feindselig, unbillig, maßlos, unbescheiden, frech, rücksichtslos, feig, verlogen, falsch, unbarmherzig, versteckt, neidisch, rachsüchtig.

97.

Zur Kritik der Herdentugenden. – Die inertia tätig 1. im Vertrauen, weil Mißtrauen Spannung, Beobachtung, Nachdenken nötig macht; – 2. in der Verehrung, wo der Abstand der Macht groß ist und Unterwerfung notwendig: um nicht zu fürchten, wird versucht zu lieben, hochzuschätzen und die Machtverschiedenheit als Wertverschiedenheit auszudeuten: so daß das Verhältnis nicht mehr revoltiert; – 3. im Wahrheitssinn. Was ist wahr? Wo eine Erklärung gegeben ist, die uns das Minimum von geistiger Kraftanstrengung macht (überdies ist Lügen sehr anstrengend); – 4. in der Sympathie. Sich gleichsetzen, versuchen, gleich zu empfinden, ein vorhandenes Gefühl anzunehmen, ist eine Erleichterung: es ist etwas Passives gegen das Aktivum gehalten, welches die eigensten Rechte des Werturteils sich wahrt und beständig betätigt (letzteres gibt keine Ruhe); – 5. in der Unparteilichkeit und Kühle des Urteils: man scheut die Anstrengung des Affekts und stellt sich lieber abseits, „objektiv“; – 6. in der Rechtschaffenheit: man gehorcht lieber einem vorhandenen Gesetz, als daß man sich und anderen befiehlt: die Furcht vor dem Befehlen – : lieber sich unterwerfen als reagieren; – 7. in der Toleranz: die Furcht vor dem Ausüben des Rechts, des Richtens.

98.

Moral der Wahrhaftigkeit in der Herde. „Du sollst erkennbar sein, dein Inneres durch deutliche und konstante Zeichen ausdrücken, – sonst bist du gefährlich: und wenn du böse bist, ist die Fähigkeit, dich zu verstellen, das Schlimmste für die Herde. Wir verachten den Heimlichen, Unerkennbaren. – Folglich mußt du dich selber für erkennbar halten; du darfst dir nicht verborgen sein, du darfst nicht an deinen Wechsel glauben.“ Also: die Forderung der Wahrhaftigkeit setzt die Erkennbarkeit und die Beharrlichkeit der Person voraus. Tatsächlich ist es Sache der Erziehung, das Herdenmitglied zu einem bestimmten Glauben über das Wesen des Menschen zu bringen: sie macht erst diesen Glauben und fordert dann daraufhin „Wahrhaftigkeit“.