Alle Tugenden physiologische Zustände: namentlich die organischen Hauptfunktionen als notwendig, als gut empfunden. Alle Tugenden sind eigentlich verfeinerte Leidenschaften und erhöhte Zustände.
Mitleid und Liebe zur Menschheit als Entwicklung des Geschlechtstriebes. Gerechtigkeit als Entwicklung des Rachetriebes. Tugend als Lust am Widerstande, Wille zur Macht. Ehre als Anerkennung des Ähnlichen und Gleichmächtigen.
103.
Einsicht: bei aller Wertschätzung handelt es sich um eine bestimmte Perspektive: Erhaltung des Individuums, einer Gemeinde, einer Rasse, eines Staates, einer Kirche, eines Glaubens, einer Kultur. – Vermöge des Vergessens, daß es nur ein perspektivisches Schätzen gibt, wimmelt alles von widersprechenden Schätzungen und folglich von widersprechenden Antrieben in einem Menschen. Das ist der Ausdruck der Erkrankung am Menschen, im Gegensatz zum Tiere, wo alle vorhandenen Instinkte ganz bestimmten Aufgaben genügen.
Dies widerspruchsvolle Geschöpf hat aber an seinem Wesen eine große Methode der Erkenntnis: er fühlt viele Für und Wider, er erhebt sich zur Gerechtigkeit – zum Begreifen jenseits des Gut- und Böseschätzens.
Der weiseste Mensch wäre der reichste an Widersprüchen, der gleichsam Tastorgane für alle Arten Mensch hat: und zwischeninnen seine großen Augenblicke grandiosen Zusammenklangs – der hohe Zufall auch in uns! Eine Art planetarischer Bewegung –
104.
Welche Werte bisher obenauf waren.
Moral als oberster Wert in allen Phasen der Philosophie (selbst bei den Skeptikern). Resultat: diese Welt taugt nichts, es muß eine „wahre Welt“ geben.
Was bestimmt hier eigentlich den obersten Wert? Was ist eigentlich Moral? Der Instinkt der décadence, es sind die Erschöpften und Enterbten, die auf diese Weise Rache nehmen und die Herren machen....