106.

Das Nachdenken über das Allgemeinste ist immer rückständig: die letzten „Wünschbarkeiten“ über den Menschen zum Beispiel sind von den Philosophen eigentlich niemals als Problem genommen worden. Die „Verbesserung“ des Menschen wird von ihnen allen naiv angesetzt, wie als ob wir durch irgendeine Intuition über das Fragezeichen hinausgehoben wären, warum gerade „verbessern“? Inwiefern ist es wünschbar, daß der Mensch tugendhafter wird? oder klüger? oder glücklicher? Gesetzt, daß man nicht schon das „Warum?“ des Menschen überhaupt kennt, so hat jede solche Absicht keinen Sinn; und wenn man das eine will, wer weiß? vielleicht darf man dann das andere nicht wollen? Ist die Vermehrung der Tugendhaftigkeit zugleich verträglich mit einer Vermehrung der Klugheit und Einsicht? Dubito; ich werde nur zu viel Gelegenheit haben, das Gegenteil zu beweisen. Ist die Tugendhaftigkeit als Ziel im rigorosen Sinne nicht tatsächlich bisher im Widerspruch mit dem Glücklichwerden gewesen? braucht sie andererseits nicht das Unglück, die Entbehrung und Selbstmißhandlung als notwendiges Mittel? Und wenn die höchste Einsicht das Ziel wäre, müßte man nicht eben damit die Steigerung des Glücks ablehnen? und die Gefahr, das Abenteuer, das Mißtrauen, die Verführung als Weg zur Einsicht wählen?.. Und will man Glück, nun, so muß man vielleicht zu den „Armen des Geistes“ sich gesellen.

107.

Es fehlt das Wissen und Bewußtsein davon, welche Umdrehungen bereits das moralische Urteil durchgemacht hat und wie wirklich mehrere Male schon im gründlichsten Sinne „Böse“ auf „Gut“ umgetauft worden ist. Auf eine dieser Verschiebungen habe ich mit dem Gegensatze „Sittlichkeit der Sitte“ hingewiesen. Auch das Gewissen hat seine Sphäre vertauscht: es gab einen Herden-Gewissensbiß.

108.

Die Vorherrschaft der moralischen Werte. – Folgen dieser Vorherrschaft: die Verderbnis der Psychologie usw., das Verhängnis überall, das an ihr hängt. Was bedeutet diese Vorherrschaft? Worauf weist sie hin? –

Auf eine gewisse größere Dringlichkeit eines bestimmten Ja und Nein auf diesem Gebiete. Man hat alle Arten Imperative darauf verwendet, um die moralischen Werte als fest erscheinen zu lassen: sie sind am längsten kommandiert worden: – sie scheinen instinktiv, wie innere Kommandos. Es drücken sich Erhaltungsbedingungen der Sozietät darin aus, daß die moralischen Werte als undiskutierbar empfunden werden. Die Praxis: das will heißen, die Nützlichkeit, untereinander sich über die obersten Werte zu verstehen, hat hier eine Art Sanktion erlangt. Wir sehen alle Mittel angewendet, wodurch das Nachdenken und die Kritik auf diesem Gebiete lahmgelegt wird: – welche Attitüde nimmt noch Kant an! Nicht zu reden von denen, welche es als unmoralisch ablehnen, hier zu „forschen“ –

109.

Was ist das Kriterium der unmoralischen Handlung? 1. ihre Uneigennützigkeit, 2. ihre Allgemeingültigkeit usw. Aber das ist Stubenmoralistik. Man muß die Völker studieren und zusehen, was jedesmal das Kriterium ist und was sich darin ausdrückt: ein Glaube „ein solches Verhalten gehört zu unseren ersten Existenzbedingungen“. Unmoralisch heißt „untergang-bringend“. Nun sind alle diese Gemeinschaften, in denen diese Gesetze gefunden wurden, zugrunde gegangen: einzelne dieser Sätze sind immer von neuem unterstrichen worden, weil jede neu sich bildende Gemeinschaft sie wieder nötig hatte, zum Beispiel „du sollst nicht stehlen“. Zu Zeiten, wo das Gemeingefühl für die Gesellschaft (zum Beispiel im imperium Romanum) nicht verlangt werden konnte, warf sich der Trieb aufs „Heil der Seele“, religiös gesprochen: oder „das größte Glück“, philosophisch geredet. Denn auch die griechischen Moralphilosophen empfanden nicht mehr mit ihrer πόλις.

110.