Wiederherstellung der „Natur“: eine Handlung an sich ist vollkommen leer an Wert: es kommt alles darauf an, wer sie tut. Ein und dasselbe „Verbrechen“ kann im einen Fall das höchste Vorrecht, im andern das Brandmal sein. Tatsächlich ist es die Selbstsucht der Urteilenden, welche eine Handlung, respektive ihren Täter, auslegt im Verhältnis zum eigenen Nutzen oder Schaden (– oder im Verhältnis zur Ähnlichkeit oder Nichtverwandtschaft mit sich).

113.

Moral als Versuch, den menschlichen Stolz herzustellen. – Die Theorie vom „freien Willen“ ist antireligiös. Sie will dem Menschen ein Anrecht schaffen, sich für seine hohen Zustände und Handlungen als Ursache denken zu dürfen: sie ist eine Form des wachsenden Stolzgefühls.

Der Mensch fühlt seine Macht, sein „Glück“, wie man sagt: es muß „Wille“ sein vor diesem Zustand, – sonst gehört er ihm nicht an. Die Tugend ist der Versuch, ein Faktum von Wollen und Gewollt-haben als notwendiges Antezedenz vor jedes hohe und starke Glücksgefühl zu setzen: – wenn regelmäßig der Wille zu gewissen Handlungen im Bewußtsein vorhanden ist, so darf ein Machtgefühl als dessen Wirkung ausgelegt werden. – Das ist eine bloße Optik der Psychologie: immer unter der falschen Voraussetzung, daß uns nichts zugehört, was wir nicht als gewollt im Bewußtsein haben. Die ganze Verantwortlichkeitslehre hängt an dieser naiven Psychologie, daß nur der Wille Ursache ist, und daß man wissen muß, gewollt zu haben, um sich als Ursache glauben zu dürfen.

Kommt die Gegenbewegung: die der Moralphilosophen, immer noch unter dem gleichen Vorurteil, daß man nur für etwas verantwortlich ist, das man gewollt hat. Der Wert des Menschen, als moralischer Wert angesetzt: folglich muß seine Moralität eine causa prima sein; folglich muß ein Prinzip im Menschen sein, ein „freier Wille“ als causa prima. – Hier ist immer der Hintergedanke: wenn der Mensch nicht causa prima ist als Wille, so ist er unverantwortlich, – folglich gehört er gar nicht vor das moralische Forum, – die Tugend oder das Laster wären automatisch und machinal....

In summa: damit der Mensch vor sich Achtung haben kann, muß er fähig sein, auch böse zu werden.

114.

Die Schauspielerei als Folge der Moral des „freien Willens“. – Es ist ein Schritt in der Entwicklung des Machtgefühls selbst, seine hohen Zustände (seine Vollkommenheit) selber auch verursacht zu haben, – folglich, schloß man sofort, gewollt zu haben....

(Kritik: Alles vollkommene Tun ist gerade unbewußt und nicht mehr gewollt; das Bewußtsein drückt einen unvollkommenen und oft krankhaften Personalzustand aus. Die persönliche Vollkommenheit als bedingt durch Willen, als Bewußtsein, als Vernunft mit Dialektik, ist eine Karikatur, eine Art von Selbstwiderspruch.... Der Grad von Bewußtheit macht ja die Vollkommenheit unmöglich.. Form der Schauspielerei.)