(Das christliche Ideal ist ein Zwischengebilde zwischen dem zweiten und dritten, bald mit dieser, bald mit jener Gestalt überwiegend.)

Die drei Ideale: A. Entweder eine Verstärkung des Lebens (– heidnisch), oder B. eine Verdünnung des Lebens (– anämisch), oder C. eine Verleugnung des Lebens (– widernatürlich). Die „Vergöttlichung“ gefühlt: in der höchsten Fülle, – in der zartesten Auswahl, – in der Zerstörung und Verachtung des Lebens.

139.

Der Affekt, die große Begierde, die Leidenschaften der Macht, der Liebe, der Rache, des Besitzes – : die Moralisten wollen sie auslöschen, herausreißen, die Seele von ihnen „reinigen“.

Die Logik ist: die Begierden richten oft großes Unheil an, – folglich sind sie böse, verwerflich. Der Mensch muß los von ihnen kommen: eher kann er nicht ein guter Mensch sein....

Das ist dieselbe Logik wie: „ärgert dich ein Glied, so reiße es aus“. In dem besonderen Fall, wie es jene gefährliche „Unschuld vom Lande“, der Stifter des Christentums, seinen Jüngern zur Praxis empfahl, im Fall der geschlechtlichen Irritabilität, folgt leider dies nicht nur, daß ein Glied fehlt, sondern daß der Charakter des Menschen entmannt ist.... Und das Gleiche gilt von dem Moralistenwahnsinn, welcher, statt der Bändigung, die Exstirpation der Leidenschaften verlangt. Ihr Schluß ist immer: erst der entmannte Mensch ist der gute Mensch.

Die großen Kraftquellen, jene oft so gefährlich und überwältigend hervorströmenden Wildwasser der Seele, statt ihre Macht in Dienst zu nehmen und zu ökonomisieren, will diese kurzsichtigste und verderblichste Denkweise, die Moraldenkweise, versiegen machen.

140.

Die Intoleranz der Moral ist ein Ausdruck von der Schwäche des Menschen: er fürchtet sich vor seiner „Unmoralität“, er muß seine stärksten Triebe verneinen, weil er sie noch nicht zu benutzen weiß. So liegen die fruchtbarsten Striche der Erde am längsten unbebaut: – die Kraft fehlt, die hier Herr werden könnte....

141.