Es ist der Reichtum an Person, die Fülle in sich, das Überströmen und Abgeben, das instinktive Wohlsein und Jasagen zu sich, was die großen Opfer und die große Liebe macht: es ist die starke und göttliche Selbstigkeit, aus der diese Affekte wachsen, so gewiß wie auch das Herrwerdenwollen, Übergreifen, die innere Sicherheit, ein Recht auf alles zu haben. Die nach gemeiner Auffassung entgegengesetzten Gesinnungen sind vielmehr eine Gesinnung; und wenn man nicht fest und wacker in seiner Haut sitzt, so hat man nichts abzugeben und Hand auszustrecken und Schutz und Stab zu sein....
Wie hat man diese Instinkte so umdeuten können, daß der Mensch als wertvoll empfindet, was seinem Selbst entgegengeht? wenn er sein Selbst einem anderen Selbst preisgibt! O über die psychologische Erbärmlichkeit und Lügnerei, welche bisher in Kirche und kirchlich angekränkelter Philosophie das große Wort geführt hat!
Wenn der Mensch sündhaft ist durch und durch, so darf er sich nur hassen. Im Grunde dürfte er auch seine Mitmenschen mit keiner andern Empfindung behandeln wie sich selbst; Menschenliebe bedarf einer Rechtfertigung, – sie liegt darin, daß Gott sie befohlen hat. – Hieraus folgt, daß alle die natürlichen Instinkte des Menschen (zur Liebe usw.) ihm an sich unerlaubt scheinen und erst nach ihrer Verleugnung auf Grund eines Gehorsams gegen Gott wieder zu Recht kommen.... Pascal, der bewunderungswürdige Logiker des Christentums, ging so weit! man erwäge sein Verhältnis zu seiner Schwester. „Sich nicht lieben machen“ schien ihm christlich.
145.
Alle die Triebe und Mächte, welche von der Moral gelobt werden, ergeben sich mir als essentiell gleich mit den von ihr verleumdeten und abgelehnten: zum Beispiel Gerechtigkeit als Wille zur Macht, Wille zur Wahrheit als Mittel des Willens zur Macht.
Kritik des „guten Menschen“, des Heiligen usw.
146.
Der „gute Mensch“. Oder: die Hemiplegie der Tugend. – Für jede starke und Natur gebliebene Art Mensch gehört Liebe und Haß, Dankbarkeit und Rache, Güte und Zorn, Ja-tun und Nein-tun zu einander. Man ist gut um den Preis, daß man auch böse zu sein weiß; man ist böse, weil man sonst nicht gut zu sein verstünde. Woher nun jene Erkrankung und ideologische Unnatur, welche diese Doppelheit ablehnt –, welche als das Höhere lehrt, nur halbseitig tüchtig zu sein? Woher die Hemiplegie der Tugend, die Erfindung des guten Menschen?.... Die Forderung geht dahin, daß der Mensch sich an jenen Instinkten verschneide, mit denen er feind sein kann, schaden kann, zürnen kann, Rache heischen kann.... Diese Unnatur entspricht dann jener dualistischen Konzeption eines bloß guten und eines bloß bösen Wesens (Gott, Geist, Mensch), in ersterem alle positiven, in letzterem alle negativen Kräfte, Absichten, Zustände summierend. – Eine solche Wertungsweise glaubt sich damit „idealistisch“; sie zweifelt nicht daran, eine höchste Wünschbarkeit in der Konzeption „des Guten“ angesetzt zu haben. Geht sie auf ihren Gipfel, so denkt sie sich einen Zustand aus, wo alles Böse annulliert ist und wo in Wahrheit nur die guten Wesen übrig geblieben sind. Sie hält es also nicht einmal für ausgemacht, daß jener Gegensatz von Gut und Böse sich gegenseitig bedinge; umgekehrt, letzteres soll verschwinden und ersteres soll übrig bleiben, das eine hat ein Recht zu sein, das andere sollte gar nicht da sein.... Was wünscht da eigentlich? – –