Der anscheinend verrückte Gedanke, daß einer die Handlung, die er dem andern erweist, höher halten soll, als die sich selbst erwiesene, dieser andere ebenso wieder usw. (daß man nur Handlungen gutheißen soll, weil einer dabei nicht sich selbst im Auge hat, sondern das Wohl des andern) hat seinen Sinn: nämlich als Instinkt des Gemeinsinns, auf der Schätzung beruhend, daß am einzelnen überhaupt wenig gelegen ist, aber sehr viel an allen zusammen, vorausgesetzt, daß sie eben eine Gemeinschaft bilden, mit einem Gemeingefühl und Gemeingewissen. Also eine Art Übung in einer bestimmten Richtung des Blicks, Wille zu einer Optik, welche sich selbst zu sehen unmöglich machen will.
Mein Gedanke: es fehlen die Ziele, und diese müssen Einzelne sein! Wir sehen das allgemeine Treiben: jeder Einzelne wird geopfert und dient als Werkzeug. Man gehe durch die Straße, ob man nicht lauter „Sklaven“ begegnet. Wohin? Wozu?
171.
„Wollen“: ist gleich Zweck-Wollen. „Zweck“ enthält eine Wertschätzung. Woher stammen die Wertschätzungen? Ist eine feste Norm von „angenehm und schmerzhaft“ die Grundlage?
Aber in unzähligen Fällen machen wir erst eine Sache schmerzhaft, dadurch, daß wir unsere Wertschätzung hineinlegen.
Umfang der moralischen Wertschätzungen: sie sind fast in jedem Sinneseindruck mitspielend. Die Welt ist uns gefärbt dadurch.
Wir haben die Zwecke und die Werte hineingelegt: wir haben eine ungeheure latente Kraftmasse dadurch in uns: aber in der Vergleichung der Werte ergibt sich, daß Entgegengesetztes als wertvoll galt, daß viele Gütertafeln existierten (also nichts „an sich“ wertvoll).
Bei der Analyse der einzelnen Gütertafeln ergab sich ihre Aufstellung als die Aufstellung von Existenzbedingungen beschränkter Gruppen (und oft irrtümlicher): zur Erhaltung.
Bei der Betrachtung der jetzigen Menschen ergab sich, daß wir sehr verschiedene Werturteile handhaben, und daß keine schöpferische Kraft mehr darin ist, – die Grundlage: „die Bedingung der Existenz“ fehlt dem moralischen Urteile jetzt. Es ist viel überflüssiger, es ist lange nicht so schmerzhaft. – Es wird willkürlich. Chaos.
Wer schafft das Ziel, das über der Menschheit stehen bleibt und auch über dem Einzelnen? Ehemals wollte man mit der Moral erhalten: aber niemand will jetzt mehr erhalten, es ist nichts daran zu erhalten. Also eine versuchende Moral: sich ein Ziel geben.