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Inwiefern die Dialektik und der Glaube an die Vernunft noch auf moralischen Vorurteilen ruht. Bei Plato sind wir als einstmalige Bewohner einer intelligiblen Welt des Guten noch im Besitz eines Vermächtnisses jener Zeit: die göttliche Dialektik, als aus dem Guten stammend, führt zu allem Guten (– also gleichsam „zurück“ –). Auch Descartes hatte einen Begriff davon, daß in einer christlich-moralischen Grunddenkweise, welche an einen guten Gott als Schöpfer der Dinge glaubt, die Wahrhaftigkeit Gottes erst uns unsre Sinnesurteile verbürgt. Abseits von einer religiösen Sanktion und Verbürgung unsrer Sinne und Vernünftigkeit – woher sollten wir ein Recht auf Vertrauen gegen das Dasein haben! Daß das Denken gar ein Maß des Wirklichen sei, – daß, was nicht gedacht werden kann, nicht ist, – ist ein plumpes non plus ultra einer moralistischen Vertrauensseligkeit (auf ein essentielles Wahrheitsprinzip im Grund der Dinge), an sich eine tolle Behauptung, der unsre Erfahrung in jedem Augenblick widerspricht. Wir können gerade gar nichts denken, inwiefern es ist....

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Die große Vernunft in aller Erziehung zur Moral war immer, daß man hier die Sicherheit eines Instinkts zu erreichen suchte: so daß weder die gute Absicht noch die guten Mittel als solche erst ins Bewußtsein traten. So wie der Soldat exerziert, so sollte der Mensch handeln lernen. In der Tat gehört dieses Unbewußtsein zu jeder Art Vollkommenheit: selbst noch der Mathematiker handhabt seine Kombinationen unbewußt....

Was bedeutet nun die Reaktion des Sokrates, welcher die Dialektik als Weg zur Tugend anempfahl und sich darüber lustig machte, wenn die Moral sich nicht logisch zu rechtfertigen wußte?.... Aber eben das Letztere gehört zu ihrer Güte, – ohne Unbewußtheit taugt sie nichts!.... Scham erregen war ein notwendiges Attribut des Vollkommenen!....

Es bedeutet exakt die Auflösung der griechischen Instinkte, als man die Beweisbarkeit als Voraussetzung der persönlichen Tüchtigkeit in der Tugend voranstellte. Es sind selbst Typen der Auflösung, alle diese großen „Tugendhaften“ und Wortemacher.

In praxi bedeutet es, daß die moralischen Urteile aus ihrer Bedingtheit, aus der sie gewachsen sind und in der allein sie Sinn haben, aus ihrem griechischen und griechisch-politischen Grund und Boden ausgerissen werden und, unter dem Anschein von Sublimierung, entnatürlicht werden. Die großen Begriffe „gut“, „gerecht“ werden losgemacht von den Voraussetzungen, zu denen sie gehören, und als frei gewordene „Ideen“ Gegenstände der Dialektik. Man sucht hinter ihnen eine Wahrheit, man nimmt sie als Entitäten oder als Zeichen von Entitäten: man erdichtet eine Welt, wo sie zu Hause sind, wo sie herkommen....

In summa: der Unfug ist auf seiner Spitze bereits bei Plato.... Und nun hatte man nötig, auch den abstrakt-vollkommenen Menschen hinzu zu erfinden: – gut, gerecht, weise, Dialektiker – kurz, die Vogelscheuche des antiken Philosophen: eine Pflanze, aus jedem Boden losgelöst; eine Menschlichkeit ohne alle bestimmten regulierenden Instinkte; eine Tugend, die sich mit Gründen „beweist“. Das vollkommen absurde „Individuum“ an sich! die Unnatur höchsten Ranges....

Kurz, die Entnatürlichung der Moralwerte hatte zur Konsequenz, einen entartenden Typus des Menschen zu schaffen, – „den Guten“, „den Glücklichen“, „den Weisen“. – Sokrates ist ein Moment der tiefsten Perversität in der Geschichte der Werte.

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