Aufrichtung der Herrschaft: zu diesem Zwecke die Herrschaft von Begriffen, welche in der Priesterschaft ein non plus ultra von Macht ansetzen. Die Macht durch die Lüge – in Einsicht darüber, daß man sie nicht physisch, militärisch besitzt.... Die Lüge als Supplement der Macht, – ein neuer Begriff der „Wahrheit“.
Man irrt sich, wenn man hier unbewußte und naive Entwicklung voraussetzt, eine Art Selbstbetrug.... Die Fanatiker sind nicht die Erfinder solcher durchdachten Systeme der Unterdrückung.... Hier hat die kaltblütigste Besonnenheit gearbeitet; dieselbe Art Besonnenheit, wie sie ein Plato hatte, als er sich seinen „Staat“ ausdachte. – „Man muß die Mittel wollen, wenn man das Ziel will“ – über diese Politikereinsicht waren alle Gesetzgeber bei sich klar.
Wir haben das klassische Muster als spezifisch arisch: wir dürfen also die bestausgestattete und besonnenste Art Mensch verantwortlich machen für die grundsätzlichste Lüge, die je gemacht worden ist.... Man hat das nachgemacht, überall beinahe: der arische Einfluß hat alle Welt verdorben....
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Der Philosoph als Weiterentwicklung des priesterlichen Typus: – hat dessen Erbschaft im Leibe; – ist, selbst noch als Rival, genötigt, um dasselbe mit denselben Mitteln zu ringen wie der Priester seiner Zeit; – er aspiriert zur höchsten Autorität.
Was gibt Autorität, wenn man nicht die physische Macht in den Händen hat (keine Heere, keine Waffen überhaupt....)? Wie gewinnt man namentlich die Autorität über die, welche die physische Gewalt und die Autorität besitzen? (Sie konkurrieren mit der Ehrfurcht vor dem Fürsten, vor dem siegreichen Eroberer, dem weisen Staatsmann.)
Nur indem sie den Glauben erwecken, eine höhere, stärkere Gewalt in den Händen zu haben, – Gott –. Es ist nichts stark genug: man hat die Vermittlung und die Dienste der Priester nötig. Sie stellen sich als unentbehrlich dazwischen: – sie haben als Existenzbedingung nötig, 1. daß an die absolute Überlegenheit ihres Gottes, daß an ihren Gott geglaubt wird, 2. daß es keine andern, keine direkten Zugänge zu Gott gibt. Die zweite Forderung allein schafft den Begriff der „Heterodoxie“; die erste den des „Ungläubigen“ (das heißt, der an einen andern Gott glaubt –).