Einmal zeigte er mir das Gerippe der Tragflächen, dann den Propeller, dann wieder Seiten- und Höhensteuer. Er sah bleich und übernächtig aus, da er die Nächte an seiner Erfindung bastelte und studierte. Am Tage schlief er mehrere Stunden, und mancher Kunde, der die Werkstatt verschlossen fand, kam nicht wieder.

Eines Tages trat ich im Vorbeigehen bei ihm ein und fand ihn in dem kleinen Nebenraum, der jetzt sauber hergerichtet war. Der Tisch war mit einem weißen Tuch gedeckt, und darauf stand das fertige Modell seines Luftschiffs. Freunde und Bekannte standen um den Tisch herum, und Meister Hanns erklärte alles und beantwortete alle Fragen bereitwillig. Jeder fand das Modell bis aufs kleinste und feinste ausgeführt, lobte ihn und wünschte ihm Erfolg. Als ich allein bei ihm zurückblieb, schaute er mich lächelnd an wie ein glückliches Kind. Die Hände auf dem Rücken, spazierte er, liebevoll sein Werk bestaunend, um den Tisch. Spähend rückte er an einem der Verbindungsdrähte und probierte die Beweglichkeit der Tragflächen. Dabei erzählte er mir von seinen weiteren Plänen. Er habe bereits an verschiedene Gesellschaften geschrieben, die sich mit dem Bau von Flugzeugen befaßten. Sie hätten geantwortet, daß sie ihren Vertreter schicken wollten. Dann suche er auch einen Geldmann, damit er den Bau seiner Luftschiffe selbständig betreiben könne. Das wäre ihm am liebsten; denn bei einer Gesellschaft wäre er denn doch nur deren Angestellter. Auch einen Fluglehrer, einen Offizier, habe er kennengelernt, der sich für sein Modell interessiere. Überhaupt läge ihm jetzt etwas daran, daß er und seine Erfindung bekannt würden. Man würde nicht beachtet, wenn man still und bescheiden im Hintergrund bliebe. Nein, Radau und Reklame müßte man machen, um gesehen und gehört zu werden. Man müßte im Munde der Leute sein, damit sie immer etwas zu reden hätten. Wenn auch nur die Hälfte von dem, was sie erzählten, wahr wäre, dürfe man sich nicht daran stoßen. Es gäbe immer Krähen, die krächzten, wenn einer höher als sie flöge. Nach einer Pause setzte er hinzu, daß er seine Werkstatt irgendeinem armen Kerl schenken wolle.

Beim Hinausgehen wies er auf ein altes hinfälliges, zweisitziges Auto, das er für eine Schuld angenommen hatte und das nun schon mehrere Monate im Hof stand. Es war ein jämmerlicher Kasten. Hanns meinte, er gäbe zu, daß einem neunundneunzig Pfennige an einer Mark fehlten, wenn man den Kasten ansähe. Das hindere ihn aber alles nicht, den alten Kasten wieder aufzufrischen, damit nach dem Flugplatz zu fahren, um dem Offizier das Modell zu zeigen. Es sähe doch gleich ganz anders aus, wenn er in einem Auto ankäme. Ein paar Wochen würde die Reparatur allerdings in Anspruch nehmen. Aber der Motor wäre noch gut, und der wäre ja die Seele. Ob ich mitfahren wolle, frug er noch. Ich sagte zu, und wir setzten einen Tag fest.

An dem bestimmten Tage stand er auf dem Hofe. Er trug gelbe glänzende Gamaschen und einen hellbraunen Staubmantel. Seine Mütze schwenkend und auf sein Äußeres deutend, lachte er mir zu: »Es sieht besser aus.«

Sein Auto war in einem ganz leidlichen Zustand. Er habe den Motor vollständig auseinandergenommen, jeden einzelnen Teil gereinigt und geölt, die Schläuche der Gummireifen geflickt, das Segeltuchverdeck ausgebessert und so noch allerhand –. Er habe schon eine Probefahrt gemacht. Es wäre ein Staat, wie die Karre laufe; wie ein Teckchen, setzte er hinzu und zog mit einer stolzen Bewegung ein Paar neue Stulpenhandschuhe an. Auch für mich hatte er einen Staubmantel und eine Autobrille aufgetrieben. Er übergab mir beides und sagte wieder lachend: »Es sieht immer besser aus.« Auf dem Reparaturkasten, der sich an der hinteren Seite des Wagens befand, hatte er sein Modell fein säuberlich verpackt und festgebunden. Ich bekam die Rolle mit den Zeichnungen in die Hand, da er ja den Wagen steuern wollte.

Nun war alles bereit. Hanns ging an die Stirn des Wagens und kurbelte den Motor an. Fünf- bis sechsmal riß er die Kurbel herum. Er zog seine Stulpenhandschuhe aus und versuchte es wieder. Er schwitzte bereits. Nun versuchte ich's. Auch mir gelang es nicht. Hanns schob mich beiseite und riß mit aller Kraft an der Kurbel. Endlich, unter einem donnerähnlichen Krach, kam der Motor in Gang und bullerte darauf los. Er machte aber seinem Ingrimm noch in fauchenden, platzenden Ausbrüchen Luft. Der ganze Wagen schütterte und hüpfte unter der Arbeit des Motors. Wir sprangen in den Wagen, und hupend ging's zum Tore hinaus. Der Motor hielt sich brav, und so brachten wir die Stadt bald hinter uns.

»Wenn er sich erst einmal warmgelaufen hat, läuft er –! Wie ein Teckchen.« So schrie mir Hanns zu.

Solange wir gerade glatte Straßen hatten, ging es noch.

Aber o weh! Da machte die Straße eine Steigung. Der Motor lärmte, rasselte wie eine Kette, die in einem verrosteten Blecheimer herumgeschüttelt wird, schnaubte kurzatmig und stand. Hanns sprang hinaus. Er riß wieder an der Kurbel. Alles umsonst. Manchmal schien das verheißungsvolle Bullern wieder gleichmäßig einsetzen zu wollen. Aber die »Seele« brachte keine Schwungkraft mehr auf. Wir untersuchten nun den Motor, um zu entdecken, woran die Stockung wohl liegen könne. Da mußte aber erst das Modell wieder losgebunden werden, damit wir in den Werkzeugkasten gelangen konnten. Nach stundenlangem Herumhantieren, Schrauben und Hämmern gelang es endlich, den Motor wieder in Gang zu setzen. Wir sausten los, als gälte es, die Landstraße zu verschlucken. Ich machte mich mit dem Gedanken vertraut, daß es sehr spaßig aussehen müsse, wenn der Wagen in voller Fahrt mitten auseinanderfiele und die Vorderräder mit dem Motor weiterfegten.

Als wir auf dem Flugplatz angelangt waren, wurde das Modell aufgestellt, und Hanns machte sich auf, den ihm bekannten Fluglehrer zu suchen. Er kam auch bald inmitten einer Gruppe von Herren wieder. Teils waren es Flugschüler, teils Offiziere. Lebhaft wurde debattiert und hin- und hergesprochen. Von allem Möglichen und Unmöglichen.