Auf dieser Stufe der Entwicklung, auf der die Sterne eben aus Nebeln hervortreten, erreichen sie ihren größten Glanz und ihre höchste Temperatur, die man auf 20 000 Grad schätzt. In ihrer weiten Atmosphäre glüht neben dem Wasserstoff vor allem das Helium in so herrschendem Maß, daß man diese heißesten Sterne auch Heliumsterne nennt. Kühlt sich die Atmosphäre dieser Sterne ab, so daß ihr eigenes Licht schwächer wird als das des inneren Kernes, so fängt die Gashülle in der beschriebenen Weise die einzelnen Wellen des Kernlichtes ab, und es erscheinen die dunklen Fraunhoferschen Linien im Spektralband. Zuerst wenig und schwach und fast nur Wasserstofflinien ([Abb. 16b]). Dem Auge erscheint ihr Licht strahlend weiß. Sirius, Wega in der Leier, Deneb im Schwan, Atair im Adler, Regulus im Löwen, Prokyon im Kleinen Hund gehören dieser nach dem Vorschlag des verstorbenen Potsdamer Astronomen Vogel als 1. Spektralklasse zusammengefaßten Gruppe an, die man nach ihrem glänzendsten Vertreter als Klasse der Siriussterne bezeichnet. ([Abb. 18d]). Fast alle jene zahllosen kleinen Sterne, die den Nebelschimmer der Milchstraße erzeugen, sind heiße Sonnen der ersten Spektralklasse, vielleicht darum in der Milchstraße so zahlreich erscheinend, weil sie hier wirklich in der Überzahl sind, vielleicht auch nur darum, weil aus jenen Fernen nur ihr strahlendes Licht, aber nicht mehr das der schwächeren kälteren Sterne zu uns dringt. Die Temperatur dieser Siriussterne in Weißglut beträgt ungefähr 12 000 Grad.

Abb. 18. Entwicklungsgeschichte der Sterne.

Die zunehmende Verdichtung und hierdurch bedingte Wärmeerzeugung der Sterne vermag der Abkühlung durch die Weltraumkälte nicht die Wagschale zu halten. Die Sonnen kühlen sich unaufhaltsam ab ([Abb. 18e]). Ist die Temperatur eines weißen Sternes der ersten Klasse um abermals ungefähr die Hälfte auf 6000 Grad gefallen, so treten neue Elemente in der glühenden Atmosphäre auf. Neben dem noch immer überwiegenden Wasserstoff erscheint vor allem das Kalzium, dessen Verbindungen als Kalk am Aufbau der Weltkörper großen Anteil haben, daneben durch Tausende schwarzer Spektrallinien sich ankündend Eisen, Nickel, Kobalt, Titan, Mangan, Chrom, Kohle, Magnesium, Natrium, Silizium, Aluminium, Strontium, Baryum, Kupfer, Zink, Silber, Zinn, Blei, Kalium und andere Metalle. Das Spektrum dieser Sterne, die nicht mehr weiß, sondern schon blasser in gelbem Lichtton leuchten, stimmt so völlig mit dem unserer ebenfalls gelben Sonne überein, daß man sie als 2. Spektralklasse oder Sonnensterne bezeichnet ([Abb. 16c]). Während die heißen weißen Sterne der ersten Klasse vornehmlich in dem weiten Bogen der Milchstraße angehäuft scheinen, stehen die gelben kühleren Sterne in ihrer Mehrzahl uns näher. Arktur, Aldebaran, der Mittelstern im Perseus, Pollux sind Sonnensterne; das Spektrum der Kapella im Fuhrmann gleicht sogar bis in die feinsten Einzelheiten seiner 20 000 dunklen Linien so vollkommen dem unseres Zentralgestirns, daß man die Kapella geradezu als Bruderstern unserer Sonne bezeichnen muß, und kaum ein Zweifel an der innigsten Verwandtschaft dieser beiden Sterne bestehen kann. Wahrscheinlich ging unser Sonnensystem unter denselben Umständen aus der gleichen Nebelmaterie hervor wie die Welt der Kapella, die wir als unsere Schwesterwelt im All verehren können, wenngleich ihr entgegengesetzter Lauf sie von uns um die Weite von 40 Lichtjahren entfernte. Offenbar bilden die gelben Sonnensterne im Gegensatz zu den weißen Milchstraßensternen jenen großen Haufen, in dessen Mitte sich unsere Sonne mit ungefähr 400 Nachbarwelten befindet. Aus großer Ferne betrachtet, würden wir unsere Sonne wahrscheinlich inmitten dieses Sternenhaufens sehen, dessen Glieder Kapella, Arktur, Aldebaran, Pollux und viele andere wären, und in dem die Sterne sich ebenso an Größe, Alter und Beschaffenheit gleichen, wie die Sterne der Plejaden und der Hyaden oder des Sternenhaufens im Herkules und im Centaurn.

Abb. 19. Entstehung des Lichtwechsels des Sternes Mira Ceti nach Zoellner.

Wie das Eisen, das weißglühend aus dem Feuer geholt wird, zuerst in Gelbglut übergeht und dann rot und röter glüht und verglüht, wie die Sonne, wenn sie sich dem Untergange nähert, im Dunst der Atmosphäre immer blasser, gelber, röter strahlt und schließlich als glutroter Sonnenball den Horizont berührt, so verglühen die Sonnen im All auf ihrer Lebensbahn. Rot ist die Farbe des Sternenalters. Schon der rötliche Arktur ist älter, kälter als die Sonne, sein Spektrum ist linienreicher, verwaschener. Der rötliche Stern Beteigeuze* in der linken oberen Ecke des Orionbildes ist der auffallendste Vertreter dieser Klasse der alternden roten Sterne. ([Abb. 16d] u. [18f]). Höchst bemerkenswert ist, daß man in der Gashülle dieser roten Sterne nicht nur freie Elemente, sondern sogar die Verbindungen dieser Elemente und unter diesen Kohlenstoffverbindungen nachgewiesen hat, dieselben Kohlenstoffverbindungen, aus denen bei weiterer Entwicklung auf unserer Erde das Leben, die höchste Form des uns bekannten kosmischen Daseins, entstanden ist.

Auch unsere Sonne zeigt Spuren des nahenden Alters, sozusagen Falten und Runzeln auf ihrem strahlenden Antlitz, das sind die Sonnenflecken. Sonnenflecke sind dunkle, in ihrem Wesen noch keineswegs aufgeklärte Stellen der Sonnenoberfläche, an denen wir jedenfalls, wie die Spektralanalyse beweist, die Sonnenmaterie in einem vorgeschritteneren Zustand der Abkühlung vor uns sehen. Das Spektrum der roten Sterne stimmt mit dem der Sonnenflecken so vollkommen überein, daß man diese geradezu als Sonnenfleckensterne bezeichnen kann. Unter zunehmender Erkaltung der Sonne und Ausbreitung der Flecken müssen schließlich ungeheure Schollen die Oberfläche solcher Sterne bedecken, ganze Kontinente erkalteter Materie müssen auf den glühenden Feuermeeren dieser Sonnen schwimmen ([Abb. 18g]). Sind diese Massen unregelmäßig verteilt wie Meere und Festländer auf unserer Erde, und dreht sich solch ein Stern wie unsere Sonne um seine Achse, so wenden sich uns bald die leuchtenden Meere, bald die dunklen Schollen zu, die Helligkeit dieses Sternes wird also wechseln. Dieser Lichtwechsel wird zwar auch gemäß der Umdrehungszeit des Sternes in ziemlich regelmäßigen Zeitabständen eintreten, aber je nach der Form der Schlackenkontinente in unregelmäßiger Folge und keineswegs in jener mathematischen Kurve wie bei den Algolsternen ablaufen, die von Planeten verfinstert werden. Tatsächlich finden sich auffallend viele unregelmäßig veränderliche Sterne gerade unter den roten Sternen. Seit Jahrhunderten berühmt ist die Mira Ceti*, der Wunderstern im Walfisch, dessen Helligkeit in einer Periode von ungefähr 11 Monaten zwischen 2. und 9. Größe in unregelmäßiger Kurve schwankt ([Abb. 19]).

Schließlich ist die ganze Sonnenoberfläche von Flecken überdeckt, verdunkelt, erkaltet, – der Stern ist erloschen; als dunkler toter Körper kreist er durch das All ([Abb. 18h]). Da man als sicher annehmen muß, daß der Glutzustand im Leben eines Sternes, so wie die Jugend im Menschendasein, nur den kürzeren Teil seiner Entwicklung darstellt, so treiben gewiß mehr erloschene Sonnen als leuchtende im Raum. Wenn sich uns 100 Millionen strahlende Sterne durch ihren Glanz offenbaren, so mögen Milliarden nichtleuchtender Sonnen das All bevölkern, unsichtbar für Menschenblicke, unerforschbar für die Wissenschaft, bis der Fleiß der Astronomen auch diese durch Zahl und Formel aus dem Dunkel hebt, so wie Adams und Leverrier den unentdeckten Neptun, wie Bessel und Peters die unsichtbaren Trabanten des Sirius und Prokyon, wie Vogel und Scheiner die dunkle Dreiwelt des Algol, ohne daß ein Menschenauge sie gesehen, nach Größe, Zahl, Gewicht und Bahn berechnet haben.