Abb. 28. Photographie des Andromedanebels.

Wer kann von nun an ohne tieferes Gefühl zu diesem Wolkenpünktchen am Himmel aufschauen? Der Andromedanebel ein Weltsystem wie unsere Milchstraße! 100 Millionen Sonnen kreisen in ihm wie in unserer Milchstraße, jede einer Schar von Planeten und Monden Licht und Wärme spendend, Planeten, auf denen Wesen wohnen wie auf unserer Erde oder gewohnt haben wie auf Neptun und Uranus oder einst wohnen werden, wie vielleicht auf Jupiter und Venus! Auf wieviel Myriaden sonnenbeschienener Planeten dieses Weltsystems mögen Wesen wohnen auf der gleichen Stufe der geistigen und körperlichen Entwicklung wie auf unserem Erdball, auf wievielen mögen naive Wesen hinausschauen in die Nacht und Märchen und Legenden spinnen über die leuchtende Pracht zu ihren Häupten, wie es unsere Vorfahren getan. Auf wieviel anderen mögen forschende Wesen ansässig sein, die mit Instrumenten, mit Fernrohrlinsen, Prismenapparaten ins Universum lugen und unsere Milchstraßenwelt als ein Wölkchen am Firmament erblicken, unseren großen himmelfüllenden Sonnenkranz, unsere weltumspannende Milchstraßenherrlichkeit – ein Wölkchen in dunkler Nacht!

Der Andromedanebel ist das einzige Gebilde, von dem man mit einer Wahrscheinlichkeit, die fast an Gewißheit grenzt, behaupten kann, daß es ein fernes Milchstraßensystem darstellt. Hier müßte alles trügen, wenn wir nicht eine Milchstraßenwelt vor uns sehen. Weit weniger sicher erscheint uns die Milchstraßennatur des Spiralnebels im Großen Bären, der ebenfalls aus Sonnen und Nebeln zusammengesetzt ist und unzweifelhaft jenes Bild darbietet, das eine Milchstraßenspirale in voller Flächenansicht uns vor Augen führen würde ([Abb. 29]).

Von einem Nebelzentrum laufen sternbesäte Spiralen in harmonischen Windungen nach allen Seiten aus wie die Feuerarme einer kreisenden Rakete, bis sie in immer schwächeren Läufen sich in Nacht und Nichts verlieren. Aber im Gegensatz zu dem dämmerig schimmernden Andromedanebel, in dem alle Teile der breiten Spiralen in gleichmäßiger Mattheit verschwimmen, ist dieser Nebel so plastisch reich an Einzelheiten, an scharfen Kontrasten zwischen Lichtknoten und dunklen Stellen, an Übergängen und Ausläufern, Nebelschweifen und Wolkenbrücken, daß man sich des Gefühls – nur das Gefühl vermag hier zu entscheiden – nicht erwehren kann, dieses Gebilde ist uns unverhältnismäßig näher als der Andromedanebel, schwebt innerhalb unserer Milchstraße und ist kein Weltsystem, sondern ein Sternnebel, aus dem sich die Sonnen eines engen Haufens aus Nebelchaos ringen. Mag er nur 370, oder, wie Wolf schätzt, 370 000 Lichtjahre von uns entfernt sein, mag er ein wahres Schwestersystem unserer Milchstraße sein oder nur ein Sternhaufen in ihr und uns nur lehren, daß im Kosmos auch das kleinere Einzelsystem ein treues Spiegelbild des großen Ganzen ist, auf jeden Fall gibt uns dieser Spiralnebel eine anschauliche Vorstellung von dem Anblick einer Sternspirale in ihrer ganzen Flächenausbreitung.

Abb. 29. Photographie des Spiralnebels im Großen Bären (nach Wolf).

Die Reihenübersicht über die Spiralgebilde vom Kantenbild des Herings über die Schrägansicht des Andromedanebels zur Flächenbetrachtung des Sternsystems im Großen Bären wird vervollständigt durch die Erscheinung – der Milchstraße. Die Milchstraße ist nach der Hypothese von Easton das Innenbild einer großen Weltspirale. Wir leben im Innern eines Spiralsystems, wie wir es als Andromedanebel in weiter Ferne erblicken. Von ihrer genaueren Gestalt entwarf Easton folgendes Bild. Von einem Zentralkern, der von uns aus betrachtet in der Richtung des Schwans gelegen ist, und den wir als Lichtwolke im Schwan leuchten sehen, laufen die Sternzüge in drei breiten Hauptspiralen aus. Der erste uns nächste Arm umkreist uns direkt und läuft – immer in der scheinbaren Projektion auf die uns nahen Sternbilder gesehen – vom Schwan über den Adler um den ganzen südlichen Himmel, bis er sich an der Gegenseite in der Nähe des Sirius verläuft. Der zweite Hauptarm liegt von uns aus betrachtet hinter dem ersten, ist uns also ferner und daher lichtschwächer. Indem er sich dicht hinter seiner Ursprungsstelle vom ersten Arm trennt und bald darauf wieder mit ihm vereinigt, entsteht nahe der Lichtwolke im Schwan der nördliche Kohlensack, durch den wir zwischen den beiden Armen in den dunklen Raum hinausschauen. Nach seiner Trennung vom ersten Arm umkreist er das ganze System und hat den Hauptanteil an der Gürtelerscheinung der südlichen Milchstraße. Der dritte kurze kräftige Hauptarm läuft in entgegengesetzter Richtung nach Norden ins Bild des Perseus, wo er ziemlich scharf und unvermittelt abbricht. Zwischen seinem und des ersten Armes Ende bleibt eine Lücke im Milchstraßenring, jene dunkle Gasse, die wir zwischen dem Fuhrmann und dem Perseus erkennen. Diese drei Spiralarme liegen nicht genau in einer Ebene, sondern weichen ähnlich wie die Planetenbahnen im Sonnensystem etwas vom idealen Äquator des Systems ab. Da außerdem zwischen ihnen ebenso wie zwischen den Armen des Andromedasystems sternfreie Spalten bleiben, so sehen wir zwischen den beiden Hauptspiralen hindurch in den dunklen Weltraum hinaus – die Milchstraße erscheint uns in einem Drittel ihres Laufes durch einen dunklen Spalt in zwei Ströme geteilt. Dieser oft erwähnte Milchstraßenspalt entspricht also genau den dunklen Spalten, die wir zwischen den Spiralwindungen des Andromedanebels erkennen.

Die wahre Größe dieser Spirale kann man natürlich nur schätzungsweise bestimmen. Die Milchstraße ist offenbar wie der Andromedanebel ungefähr halb so breit wie lang und von geringer Höhe, so daß man an die Linsengestalt des Systems, wie sie Kant und Herschel vorschwebte, festhalten kann. Aus der Entfernung der äußersten Sterne hat man die Längsachse des Systems auf 15 000–50 000 Lichtjahre, die Querachse auf 5000–20 000 Lichtjahre geschätzt, Grenzwerte, die zwar in ihren Zahlen stark voneinander abweichen, aber übereinstimmen in einem, in ihrer Unfaßlichkeit für menschliche Begriffe.