Abb. 5. Das Milchstraßensystem als Weltlinse nach Wright, Kant und Lambert.

Kann etwas kühner sein als die Hypothese dieser drei Männer? Kopernikus stieß die Erde von ihrem ruhenden Thron und wälzte sie zu ewigem Lauf um ihre Sonne. Diese Männer hoben die Sonne aus ihrer Angel und stießen sie hinein in den Weltraum, daß sie in ihm kreise, ein Stern unter Sternen, ein Lichtpunkt im großen Weltgewühl der Milchstraße. Sie ordnen mit weltenschöpferischer Kraft das Heer der Sterne zum wahren Kosmos, zum Schmuck, zur Weltordnung, zur harmonischen Einheit von Raum und Materie, Kraft und Stoff, Masse und Bewegung.

Was konnten sie zur Begründung einer solch kühnen Weltanschauung vorbringen? Konnten sie beweisen, daß die Sonne nur ein Stern war und nicht, wie Kepler glaubte, »das Herz des Universums«? Daß die Sterne Sonnen waren und nur ihrer Ferne wegen als Punkte erschienen? Konnten sie beweisen, daß Planeten um sie kreisen, und sie sich wirklich zu Haufen gruppieren? Daß die Sonne sich in einem solchen Haufen befindet? Daß sich die Sterne im Raum bewegen und keine prima sphaera immobilis, keine höchste unbewegliche Himmelssphäre bildeten? Daß sie eine Einheit waren aus gleichen Stoffen gebaut, von gleichen Kräften regiert? Daß die Milchstraße in der Tat aus Sternen zusammengesetzt und keine Fuge im Himmelsgewölbe ist, und daß die Nebelflecke ferne Milchstraßensysteme vorstellen?

Alles das hätten sie Punkt für Punkt beweisen müssen, wenn sie ihre philosophische Spekulation zum Rang einer wissenschaftlichen Hypothese erheben wollten. Und was konnten sie beweisen? Nichts. Der Mond war erforscht, die Sonne studiert, Planetenbahnen waren berechnet, Kometen bestimmt, aber die Welt der Sterne, die Milchstraße, war ein unerforschte Land. Sie schien aller irdischen Erkenntnis zu spotten und für die Menschheit, die auf diesem winzigen Erdplaneten gebannt ist, ein Rätsel ohne Lösung zu bleiben. Wer hätte auch in jene Fernen dringen können? In jene Fernen, in denen Sonnen zu Punkten werden und selbst im Fernrohr sich nicht einmal zur kleinsten Scheibe verbreitern, ja, in denen selbst diese Punkte schwinden und in ihrer Unzahl zu einem milchigen Schimmer verschwimmen, der uns als Nebelgürtel umleuchtet; und in jene noch tausendmal größeren Fernen, in denen ganze Systeme dieser Art, ganze Milchstraßen zu einem Wölkchen verblassen, so klein, daß das Auge sie kaum in den klarsten Nächten als Fleckchen wahrnimmt! Mußte nicht für alle Zeiten das junggeniale Machtwort Schillers hier dem Menschen eine ewige Grenze bieten:

»Steh! du segelst umsonst – vor dir Unendlichkeit!«
»Steh! Du segelst umsonst – Pilger, auch hinter mir! –
Senke nieder,
Adlergedank', dein Gefieder!
Kühne Seglerin, Phantasie,
Wirf ein mutloses Anker hie.«

Wer hätte in jene Fernen dringen können, in denen selbst die Phantasie ein mutlos Anker wirft? Wer?

Im Jahre 1759 zog die Regimentskapelle der Hannoverschen Grenadiere nach England. Mit ihr wanderte ihr Hoboebläser, ein blutarmer 19jähriger Musikant, dessen Vater selbst Militärmusiker gewesen war, aus seiner Heimat aus. In England entsagte er bald dem Dienst und schlug sich kümmerlich als Musiklehrer durch. In den Pausen zwischen den Stunden aber setzte er sich hin und studierte die Gesetze der Optik, um sich ein Fernrohr zu bauen, da er kein Geld besaß, ein fertiges zu erwerben. Des Nachts richtete er seine selbstkonstruierten Rohre gegen den Himmel und studierte die Welt der Sterne. Das Geheimnis der Milchstraße zu entschleiern, war das Ideal seines Lebens. Bruder und Schwester entflammte er für sein hohes Ziel, und dieser arme, aber erlauchte Kreis der drei Geschwister wetteiferte im Studium der Milchstraße. Kein Rohr genügte dieser Aufgabe. Da die Linsen, je größer sie geschliffen wurden, um so unschärfere Bilder lieferten, baute er Spiegelteleskope, in denen ein Hohlspiegel das Bild der Sterne auffängt und in einem Brennpunkt sammelt. Immer größere Spiegel stellte er her, immer längere Rohre setzte er zusammen. Es entstanden Teleskope von unerhörten Dimensionen. 1781 entdeckte er mit seinem Rieseninstrument den Planeten Uranus, sein Ruhm drang bis zum König, der ihn zum Hofastronomen ernannte und ihm ein sorgenfreies Leben für weitere Forschungen verschaffte. Mit seinem neuen Instrument, dessen Spiegel 126 cm Durchmesser und dessen Rohr 12 m Länge besaß, »durchbrach« der ehemalige Militärmusiker William Herschel, wie es auf seiner Grabschrift heißt, »die Schranken des Himmels« und begründete so die moderne Fixstern- und Milchstraßenforschung.

Herschels Riesenteleskope waren die ersten Instrumente, die die Milchstraße wirklich auflösten. Er berichtet über seine erste Beobachtung der Milchstraße der Kgl. Gesellschaft im Juni 1784: »Als ich mein Fernrohr auf einen Teil der Milchstraße richtete, fand ich, daß es den weißen Nebel in kleine Sterne auflöste, was meine früheren Rohre nicht vermocht hatten. Die bewunderungswerte Zahl von Sternen aller Größe, die sich hier meinem Blick offenbarten, war in der Tat zum Erstaunen. Ich ließ während einer Stunde die Sterne der Milchstraße durch das Gesichtsfeld meines Teleskopes ziehen und vermochte nicht weniger als 50 000 einzelne zu zählen. Aber es waren gewiß doppelt so viel, von denen ich aber wegen ihrer Lichtschwäche nur einen unbestimmten Schimmer wahrnehmen konnte.« Die Zahl aller mit seinem Rohr erkennbaren Sterne schätzte Herschel auf ungefähr 30 Millionen. Die Unzählbarkeit der Sterne, die Sternnatur der Milchstraße war bewiesen. Auch Herschel kam zu der Überzeugung, daß das Milchstraßensystem tatsächlich eine Weltinsel aus vielen Millionen Sternen sei. Die meisten dieser Sterne sind zu Haufen gruppiert, die in einer linsenförmigen Schicht von großer Ausdehnung und verhältnismäßig geringer Dicke verteilt sind. Zwischen diesen Haufen von Sternen schweben weite Nebelmassen von verschiedenster Gestalt. Da ihm aber seine Rohre in der Milchstraße jene mannigfachen Einzelheiten, Verzweigungen, Wolken, Schattierungen, Spalten und Öffnungen enthüllten, die wir bei der Beschreibung des Lichtgürtels erwähnten, konnte das Milchstraßensystem nach seiner Ansicht nicht die Gestalt einer regelmäßigen Linse, sondern nur die Form einer unregelmäßig verzweigten Sternenplatte besitzen, deren Umrisse er durch sorgfältige Studien zu bestimmen suchte ([Abb. 6]).