Die Pflanze reckt und streckt sich, um Oberfläche zu gewinnen, Stickstoff aus dem Boden, Kohlensäure aus der Luft, Wasser aus den Wolken und Ätherwellen aus dem Lichte aufzufangen, sie ist ein einziger großer Aufnahmeapparat und Speicher für die Stoffe und Energien der ewig bewegten Umwelt der Elemente. Der Mensch hingegen ist ein nach innen gekehrter Baum. Wie die Pflanze nach außen, faltet und spaltet er sich nach innen und erstrebt bei kleinster Außenfläche die denkbar größte Innenausbreitung. Was jene aus der Umwelt einheimst, nimmt er in gedrängtester Form als Nahrungsstoff zu sich und breitet es dann vom Magen aus in den Röhren und Falten, Buchten, Fächern und Kammern seines Leibes über tausend innere Flächen wieder aus. Die Pflanze ist lauter Oberfläche und sammelt ein, der Mensch lauter Innenfläche und nutzt aus. Was sie mit ausgebreiteten Blätterarmen aus Licht und Tiefe, Wind und Wolken an sich raffte, das füllt als Lebenskohle die Innenkammern seines Leibes und durchglüht ihn mit der Glut der Gefühle und der Hitze der Leidenschaften. Die Pflanze ist das hundert Schaufeln tragende und zum Himmel ragende Mühlrad, das vom Strom der Welt getrieben wird, um Kraft zu fangen; der Mensch ist der tausendfach im Innern gekammerte Akkumulator, in dem sich diese Kräfte speichern und geheimnisvoll gewandelt wieder erscheinen als Muskelschlag und Kraft des Willens, Blitz des Gedankens und Wärme der Empfindung.
Die Innenfläche eines Menschen kann — so unglaubhaft es zuerst auch klingt — mit der Außenfläche einer Pflanze durchaus wetteifern. Ein Würfel, dessen Kante 1 m lang ist, besitzt mit seinen sechs Seiten eine Oberfläche von 6 qm. Halbiert man die Kante und schneidet so den Würfel in den drei Raumrichtungen durch, so erhält man aus dem einen Würfel deren acht mit je 1⁄2 m Kantenmaß. Diese acht Würfel besitzen zusammen eine Oberfläche von 12 qm. Halbiert man nun wieder die Kante dieser Würfel, so erhält man 8mal 8 Würfel von je 1⁄4 m Seitenlänge mit der insgesamt 16fachen Oberfläche von 24 qm. Zerlegt man durch immer erneute Teilung schließlich die Kante des Würfels nach der Einteilung unseres Zentimetermaßes in 1000 mm und so den einen Kubikmeter in Kubikmillimeter, so erhält man aus dem einen großen Würfel eine Milliarde Millimeterwürfel. Solange diese noch zusammenstehen, besitzen sie als der eine große Kubikmeter-Würfel 6 qm Oberfläche. Läßt man sie nun aber auseinanderfallen, so stehen sie mit einer Gesamtoberfläche von 6000 qm mit der Außenwelt in Flächenberührung. Der Mensch ist solch ein aus kleinsten Würfeln, den Zellen, zusammengesetzter Block. Er besitzt jedoch nach außen nicht 6, sondern nur 2 qm Oberfläche. Dafür ist er aber im Innern nicht in eine Milliarde, sondern in viele Billionen kleinster Zellenwürfel geteilt. Diese etwa 30 Billionen Zellenwürfel besitzen zusammen eine Oberfläche von über 5000 qm. Mit 5000 qm Oberfläche stehen die 30 Billionen Zellen des Menschenleibes mit den sie umspülenden Säften und dadurch mit der Außenwelt in Berührung. Würde man einen Menschen wie einen Kuchenteig auswalzen, bis seine gesamte Zellenoberfläche frei zutage läge, so würde dieser Zellenteig einen Marktplatz von über 70 m Seitenlänge überziehen können. Würde man diese Zellenoberfläche aus einem Menschen wie einen Teppich herausrollen können, so würde dieser über eine halbe Stunde Weges 3 km weit hinreichen. Man denke sich einen Menschen auf die Berliner Siegessäule vor dem Reichstag gestellt und auf einem drehbaren Sockel stehend wie die Marmorstatuen in den Museen. Den Zellen dieses Menschen wird die Oberflächenhaut abgezogen und zwar so, daß sie in Form eines Zentimeterbandes wie das Garn von einer Spule abgerollt wird. Ein Flieger kommt geflogen, befestigt den Anfang des Bandes an seinem Aeroplan und fliegt davon, das Zellenband nach sich ziehend, den Menschen von der Scheitelhöhe abwärts wie eine Garnspule abwickelnd. Wie weit muß der Aeroplan wohl fliegen, bis die letzte Zelle des Mannes ihrer Haut beraubt ist? Vom Königsplatz in Berlin nach Süden über die Stadtgrenze hinaus, über alle Vororte und über die Mark Brandenburg bis nach Sachsen, über Dresden und die Sächsische Schweiz das Elbtal aufwärts bis nach Böhmen hinein, über Prag hinweg und käme gut bis nach Wien und könnte hier das Zellenband an der Spitze des Stephanturmes befestigen. Ein ausgespannter Mensch — ein Zentimeterband von Berlin bis Wien! Zehn Stunden lang kann man mit einem Schnellzug an dem Zentimeterband der Zellen seines Leibes entlangfahren!
Bedenkt man nun noch, daß durch die Schaumstruktur des Plasmas die lebende Fläche auch innerhalb jeder Zelle durch jedes Tröpfchen, Bläschen und Kämmerchen abermals um das Tausendfache vergrößert ist, so erreicht die wahre Ausdehnung der Lebensfläche eines Menschen ein unausdenkliches, geradezu phantastisches Maß.
Der Sinn dieser Flächenausbreitung liegt in dem hohen Wert freier Oberflächen für den Ablauf der Lebensprozesse. Fast alle Lebensvorgänge, die Aufnahme, Wanderung, und Ausscheidung der Atemgase und Nahrungsstoffe, der Ausgleich der verschiedenen Lösungen zwischen den einzelnen Organen und Zellen, die Wirkung und Wanderung der chemisch wirksamen Teilchen der Lösungen, der Salzionen, und viele andere Vorgänge des Stoffwechsels vollziehen sich von Fläche zu Fläche und um so rascher, je mehr Oberfläche zur Verfügung steht. Durch die Teilung der Körpermasse in Billionen Zellwürfel und die Ausbreitung des Plasmas in jeder Zelle über ungezählte Schaumwände werden Kraft und Geschwindigkeit der Lebensvorgänge auf jenes Höchstmaß gesteigert, durch das sich allein die Erscheinungen des Lebens, wenn auch nicht erklären, so doch wenigstens als überhaupt möglich begreifen lassen.
Die Zahl der menschlichen Zellen beträgt rund 30 Billionen, wovon allein 22 Billionen auf die in der Blutflüssigkeit schwimmenden Blutzellen entfallen. Eine unvorstellbare, an kosmische Maße gemahnende Zahl. 30 Billionen! Würde aus einem Menschen wie aus einem Automaten in jeder Sekunde eine Zelle fallen, so dürfte es gewiß geraume Zeit währen, ehe der Zellautomat Mensch leer geworden. Ein paar Jahre? Oder ein Menschenleben lang? Oder gar noch länger? Eine Billion Sekunden dauern fast 30 000 Jahre, und seit der Geburt Christi ist noch nicht der 15. Teil dieser Sekundenzahl verflossen. Folglich fielen 30 × 30 000 = 900 000 Jahre lang Sekunde für Sekunde Zelle um Zelle aus einem Menschenkörper, ehe der Inhalt seines Leibes entleert wäre. Hätte dieser Vorgang bei einem jener vorgeschichtlichen Menschen begonnen, die noch vor der letzten Eiszeit in Europa in den Höhlen der Dordogne um ihre Feuer saßen, während draußen das Mammut in den Sümpfen brüllte, und sollte dieser Mensch nicht eher sterben, als bis die letzte Zelle seinem Körper entfallen wäre, so lebte er noch heute. Er hätte die Eiszeiten kommen und gehen sehen, Renntiere und Bisons über die grünenden Niederungen Frankreichs springen, die Wanderungen der Urvölker und die Anfänge des Ackerbaues erlebt; er hätte Hannibal durchziehen und Cäsar an der Spitze seiner Legionen kommen sehen, an sein Ohr wäre der Schlachtruf der Araber gedrungen, an seinem Auge wären die Troubadoure und die Ritter der Kreuzzüge vorbeigezogen. Der Sonnenkönig fährt mit Mme. Pompadour an ihm im Schlitten vorüber, er hört die Freiheitsreden Camille Desmoulins’ und sieht das schöne Lockenhaupt der Marie Antoinette hinrollen in den Staub, Napoleon kommt als General, als Kaiser und kehrt geschlagen aus Rußland zurück, die junge Kaiserin Eugenie lustwandelt an ihm vorbei, die deutschen Truppen ziehen 1870 ein, und 1914 hört er den Donner der Kanonen von Soissons und Reims, — und der Eiszeitmensch ist noch immer nicht gestorben, ja kaum ein einziges Glied seines Körpers ist abgefallen, trotzdem Sekunde für Sekunde, 1, 2, 3, 4, ununterbrochen seit jener Eiszeitnacht die Zellen aus seinem Körper fallen, er lebt noch immer und wird noch weiter leben, wenn man die Völker Europas nicht einmal mehr mit Namen nennt, noch 100mal länger als von Karl dem Großen bis heute, und in jeder Sekunde werden wie bisher weiter Tag und Nacht mit der Geschwindigkeit des rastlosen Uhrzeigers die Zellen aus ihm fallen, und noch immer ist die letzte Zelle dieses einen einzigen Menschenkörpers nicht erschienen... „der Mensch ist ein Mikrokosmos, ein kleines Universum, das aus einer Unzahl sich selbst fortpflanzender Organismen zusammengesetzt ist, die unbegreiflich klein sind und so zahlreich wie die Sterne am Himmel” (Darwin).
Im Durchschnitt besitzt jede Zelle eine Kantenlänge von 0,02 mm, so daß also auf diesem 1 cm langen Strich
500 und auf diesem qcm
250 000 Zellen nebeneinander liegen könnten und in einem Kasten von dieser Seitengröße über 100 Millionen Zellen verpackt werden könnten. In einem Stück Würfelzucker fänden 250 Millionen Zellen genugsam Raum, um ungestört nebeneinander zu leben.