Manche Urticaceen sind durch den Besitz von Brennhaaren (vgl.Fig. 52 ) ausgezeichnet, wie unsere Brennesseln, Urtica dioica und Urtica urens, und die gefährlichen tropischen Laportea -Arten. Einige Urticaceen sind wichtige Faserpflanzen, wie Boehmeria nivea, Ramie. Unsere einheimischen Nesselarten lieferten vor Bekanntwerden der Baumwolle Gespinstfasern und kamen infolge des Krieges und seiner Folgen wieder zu Ehren.
Greifen wir hier vor Einschiebung des Columniferenastes auf denStammbaum der Hauptreihe (S. 524 ) zurück, so würden sich zunächst die Rhoeadinae, denen morphologische Beziehungen zu den Polycarpicae nicht wohl abgesprochen werden können, anreihen, denen sich die Cistiflorae anschließen, worauf dann auf die Resedaceae die Columniferae folgen. Da die Resedaceae von jeher in Beziehung zu den Capparidaceen einerseits, den Cistiflorae (Parietales pro parte) andererseits gebracht sind, so wird diese Anordnung, die sich nicht anders als durch Anreihung ausführen läßt, den morphologischen wie den serodiagnostischen Beziehungen am besten entsprechen.
Die 16. Ordnung Rhoeadinae enthält meist Kräuter mit wechselständigen Blättern. Ihre zwittrigen Blüten sind aus meist zweigliedrigen Quirlen aufgebaut; sie besitzen einen oberständigen einfächerigen Fruchtknoten, der die Samenanlagen an den verwachsenen Rändern der Karpelle, den Plazenten, trägt (Fig. 696 ). Die Narben stehen über den Nähten der Fruchtblätter, und die Öffnung der Frucht erfolgt durch Abspringen der Fruchtblätter von den Plazenten.
Den Anschluß der Ordnung an die Polycarpicae stellt die 1. Familie der Papaveraceen[487] her durch gewisse Merkmale, wie Gehalt an Milchsaftschläuchen (Nymphaeaceen), Vorkommen dreizähliger Blüten bei Bocconia (Berberidaceen), Anordnung der Narben direkt auf den Fruchtblättern und das, wenn auch seltene Vorkommen apokarper Gynäceen wie bei typischen Vertretern der Polycarpicae (z. B. Platystemon). Die große Vermehrung der Staubblätter, die zyklisch stehen, wird auf Spaltung zurückgeführt. Die Samen haben reichliches Endosperm. Fig. 696. Blütendiagramm der Papaveraceen. Glaucium. Nach A. W. EICHLER. Fig. 697. Papaver Rhoeas. 1⁄2 nat. Gr. — Offizinell. Chelidonium majus, Schöllkraut, hat gelben Milchsaft und zweikarpelligen Fruchtknoten. Als Zierpflanzen dienen verschiedene Arten von Escholtzia, Argemone und Papaver. Papaver rhoeas, Mohn, als Unkraut in Kornfeldern oder auf trockenen Wiesen verbreitet (Fig. 697 ). Charakteristisch ist die scharf abwärts gekrümmte Lage der Blütenknospen. Papaver somniferum stammt aus dem Orient und ist in allen Teilen reich an weißem Milchsafte. Die mit Wachs hellblau bereifte, völlig glatte Pflanze, deren Blütenstiel allein vereinzelte grobe Borsten trägt, hat sitzende, am Rande unregelmäßig gesägte bis gekerbte Blätter und eine violette oder weiße Blumenkrone mit dunklen Flecken am Grunde. Der einfächerige Fruchtknoten springt bei der Reife nur an den Fruchtblattspitzen von den zahlreichen, tief einschneidenden Plazenten ab, die Fruchtblätter biegen sich unter dem überstehenden, flachen narbentragenden Deckel weg nach außen, und ihre nierenförmigen Samen werden aus den Löchern vom Winde herausgeschleudert.
Offizinell: Semen Papaveris (Pharm. germ., helv.), Fructus Papaveris immaturi (Pharm. germ., austr., helv.), Opium (aus dem Milchsafte) (Pharm. germ., austr., helv.), Morphium (ibid.) alles von Papaver somniferum. Flores Rhoeados (Pharm. austr., helv.) von Papaver Rhoeas.
Die 2. kleine Familie der Fumariaceen ist interessant durch das Vorkommen transversal zygomorpher Blüten bei Corydalis (Fig. 698 ) und zweisporniger bisymmetrischer Krone bei Dicentra spectabilis. Die Früchte sind bei Fumaria Nüßchen, bei Corydalis und Dicentra Kapseln. Die Samen haben Endosperm.
Fig. 698. Diagramm von Corydalis cava, nach A. W. EICHLER. Am Grunde des Staubblattes, über dem Sporn, eine Nektardrüse. Fig. 699. Cruciferae. Diagramm (Brassica). Nach F. NOLL. Fig. 700. Cardamine pratensis. Blüte ohne Perianth. Vergr. 4. Nach H. BAILLON. Fig. 701. Früchte der Cruciferae. A Cheiranthus Cheiri. B Lepidium sativum. C Capsella Bursa pastoris. D Lunaria biennis. E Crambe maritima. Nach H. BAILLON.
3. Familie Cruciferae[488]. Die Familie der Kreuzblütler ist besonders auf der Nordhemisphäre zu Hause und zählt bei uns und im Mittelmeergebiet zu den arten- und individuenreichsten, der man überall begegnet. Es sind meist ein- oder zweijährige Kräuter oder Stauden mit wechselständigen Blättern, traubigen, meist deck- und vorblattlosen Blütenständen und radiären, stets seitlich stehenden Einzelblüten. K2 + 2, C4, A2 + 4, G(̲2) (Fig. 699 ). Der Kelch beginnt mit einem median stehenden Wirtel, vier Kronblätter alternieren mit dem Kelche. Zwei äußere Staubblätter sind kürzer als die vier (bzw. zwei bis auf den Grund gespaltenen) medianen (S. 107 ) inneren (Fig. 700 ). Die Fruchtblätter bilden einen oberständigen, meist schotenförmigen Fruchtknoten, der durch eine falsche (S. 471 ), zwischen den parietalen Plazenten ausgespannte Scheidewand (Fig. 701 A, C, D ) zweifächerig wird und sich durch Abheben der Frucht blattmittelstücke klappig öffnet. Die Samen bleiben dabei mit der falschen Scheidewand und den Plazenten am Tragstiele erhalten. Bisweilen, z. B. bei Isatis, finden sich Schließfrüchte. Der gekrümmte Keimling liegt von einer einzigen Zellschicht Endosperm umgeben in der Samenschale (Fig. 702,703 ).
Fig. 702. Querschnitt durch den Samen des schwarzen Senfs, Brassica nigra. rad Radicula, cot Kotyledonen, proc Leitbündelanlagen. Nach A. MÖLLER. Fig. 703. Samen, quer durchschnitten; Würzelchen und Keimblätter in verschiedener Lagerung sichtbar. A Cheiranthus Cheiri. Vergr. 8. B Sisymbrium Alliaria. Vergr. 7. Nach H. BAILLON. Fig. 704. Brassica nigra. 1⁄2 nat. Gr. — Offizinell. Fig. 705. Capparis spinosa, blühender Zweig und junge Frucht auf ihrem Gynophor. 1⁄2 nat. Gr. Nicht nur ihrer Häufigkeit und Artenzahl nach zählen die Cruciferen zu den wichtigeren heimischen Familien, sondern auch die große Zahl der ihnen entstammenden Nutz- und Gartenpflanzen verleiht ihnen größere Bedeutung; auch zählen manche Cruciferen zu den ertragreicheren Honigblumen vermöge der am Grunde der Staubblätter aus der Blütenachse hervorgehenden Honigdrüsen. Cheiranthus Cheiri (Fig. 701 A ). Goldlack, Matthiola, Levkoje, beliebte Zierpflanzen. Brassica oleracea liefert den Kohl in seinen verschiedenen Formen: a) silvestris, an den nordeuropäischen Küsten ist als wilde Form anzusehen, b) acephala, Blätterkohl, c) gongylodes, Kohlrübe, d) gemmifera, Rosenkohl, e) sabauda, Wirsing, f) capitata, Kopfkohl, g) botrytis, Blumenkohl, Brassica campestris, Rübsen mit den Kulturformen: a) annua, Sommerrübsen, b) oleifera, Winterrübsen, c) rapifera, Teltower Rübchen. Br. napus, Raps: a) annua, Sommerraps, b) oleifera, Winterraps c) Napobrassica, Wruke. Brassica nigra, Senf (Fig. 704 ), eine einjährige, bereits im Altertume vielfach angebaute Pflanze. Ihre grundständigen Blätter sind fiederteilig mit stumpfen Endlappen, völlig unbehaart bis auf einige grobe Borsten der Blattoberseite. Die dottergelben Einzelblüten stehen von der Spindel ab, die abgeblühten, glatten Fruchtknoten und Früchte dagegen sind ihr angedrückt und ragen gerade aufwärts. Sinapis alba, Weißer Senf, ist eine rauhbehaarte Pflanze und durch weit von der Spindel abspreizende, lang und flach geschnäbelte Früchte, deren Klappen grob borstenhaarig sind, wie durch doppelt so große, weiß-gelbe Samen, leicht vom schwarzen Senf zu unterscheiden. Anastatica hierochuntica, die Jerichorose, eine durch hygroskopische Bewegung (S. 295 ) ihrer Zweige bekannte einjährige Wüstenpflanze Nordafrikas. Crambe (Fig. 701 E ), mit im unteren Teil unfruchtbaren Schoten, und Cakile sind dickblättrige Strandpflanzen, Raphanus sativus, ist der Rettich und das Radieschen. Cochlearia, Löffelkraut. Vesicaria, Aubrietia, Draba, Lunaria (Fig. 701 D ), Erophila -Arten, das Hungerblümchen, Iberis mit etwas dorsiventralen Blüten, Capsella bursa pastoris, das Hirtentäschl (Fig. 701 C ) sind bekannte Cruciferen. Isatis tinctoria, der Waid, früher als Farbstoff liefernde Pflanze benutzt.
Offizinell: Semen Erucae (Pharm. helv.) von Sinapis alba. Semen Sinapis (Pharm. germ., austr., helv.) von Brassica nigra. Oleum Sinapis (ibid.) von beiden Pflanzen.