Der Heiratsvertrag.
Vor Kurzem war ich Zeuge einer Verkehrsstockung in der Szechuan Road. Das ist an sich kein sonderliches Erlebnis. Sonderlich genug war aber die Ursache, die zu der Verkehrsstockung führte. Halblinks von mir ging ein alter, behäbig-vornehm gekleideter Chinese; es war eine typisch chinesische Erscheinung vom Zopf bis zur Sohle. Die Gestalt erinnerte an einen biedern Provinzonkel, der sich einmal Schanghai „ansehen“ wollte. Die muntere Art, mit der er seine Aeuglein über das Grossstadtgetriebe spielen liess, zeigte, dass er sich an all dem Neuen, das rings um ihn herandrängte, ergötzte. Das Spielen seiner Gesichtsmuskeln liess einen Schluss in Das zu, wie er seine Eindrücke innerlich verdaute. Bald verzogen sich seine Züge zu einem behaglichen Lächeln, bald braute es vorwurfsvoll um Stirn und Augen. Da bleibt der Alte plötzlich wie angewurzelt auf der Mitte der Strasse stehen, den Kopf lauernd nach vorn gebogen, die Augen aufgerissen, und hinter ihm staute sich der Verkehr. Rickschas, Automobile, Kutschen und Fussgänger hielten an, und gar schrecklich bimmelte der ungeduldige Wagenführer der Elektrischen, als sich sein Wagen im Gewühl verrannte. Der Alte stand immer noch lauernd da, bis ihn schliesslich ein hochstämmiger rotbeturbanter indischer Schutzmann zur Seite schob und dem angestauten Verkehr freie Bahn schaffte. Der alte Chinese setzte wie eine vom Räderwerk aufgezogene Puppe seinen Gang fort, die Augen immer unverwandt nach vorn gerichtet. Ich ging unauffällig neben ihm her und versuchte mit meinen Augen das Ziel seiner Blicke zu ergründen. Endlich fand ich es. Es war eine tannenschlanke Chinesin der besseren Gesellschaftskreise; sie trug eine grüne Wollmütze und eilte mit ihren lackierten Lederschühchen über den Asphalt, den langen Rock mit der linken Hand ein wenig knöchelfrei hochschürzend.
Der Alte beschleunigte seinen Schritt und ging immer hinter her, immer hinterher... Mir fiel dabei eine wahre Geschichte ein, in der ein alter Chinese und eine „moderne“ Chinesin eine Heldenrolle spielten, und die fast genau so anfing wie die, die zu der Verkehrsstockung Anlass gegeben hatte. Im winterlich eisbestarrten Herzen des alten „konservativen“ Tsai, eines Bücherlesers, wurde es noch einmal Frühling. Es begann zu sprossen wie einst im Mai. Eine keck gekleidete, jugendliche Landsmännin hatte es ihm angetan. Seitdem er Fräulein Edelstein an jenem Abend gesehen hatte, wo sie als begeisterte Agitatorin für das Frauenstimmrecht den Männern den Krieg erklärte, musste Tsai kapitulieren. „Du gleichst der Sonne am klaren Winterhimmel. Aus deinen Augen leuchtet der lautere Quell des Herzens. Deine Stimme ist so süss, wie die einer Nachtigall im vom Abendwind durchflüsterten Bambushain. Deine Lippen gleichen hellroten Frühkirschen.“ So himmelte er sie an, verbrach Gedichte und suchte in alten Klassikern nach sinnreichen Stellen, die seinem Liebesgestammel den Schein tiefgründiger Gelehrsamkeit geben sollten. Die Angebetete blieb hart. Sie sah ihn mit kalten Augen an und sagte rauh, dass sie sich mehr für Politik als für die Ehe interessiere. Dadurch immer mehr angestachelt, nahm er den letzten Anlauf. Und er gelang. Tsai führte die Heissumkämpfte heim. Er eroberte die Sonne, deren Licht ihm die Augen verblendet hatte. Vorher machten Beide einen Heiratskontrakt, darin zu lesen stand: „Der Unterzeichnete führt Fräulein Edelstein als seine Frau heim. Er ist damit einverstanden, dass sie, als seine rechtmässige Gattin 352 Tage im Jahre zu Zwecken der Agitation für das Frauenstimmrecht alle Plätze des Reichs bereisen darf. Die unterzeichnete Gattin verpflichtet sich, während des Neujahrsfest nach Schanghai zurückzukehren; sie braucht jedoch den Aufenthalt nicht über acht Tage auszudehnen.“
Der Schauspieler.
Mehr als ein Dutzend Male habe ich den berühmten Schauspieler Wu Tschan djiao auf der Bühne des Theaters Hsin wu tai gesehen, viertausend Zuhörer mit seiner melodischen Nordsprache und seinem eindrucksvollen Mienenspiel im Bann haltend. Unvergleichlich war er in dem klassischen Stück: „Die lachende Kaiserin“ als Staatsminister Sze Lang oder in dem Stück „Tsie Tsien“, das in die Zeit der „Drei Reiche“ versetzt. Die ganze Skala feinsinnigster bis zur berstenden Leidenschaft ausartender Gemütsbewegungen beherrschte er. In klassischen Stücken atmeten seine Rollen verhaltene Leidenschaft, die nach der alten chinesischen Schauspielkunst in scharf umgrenzte, rhythmische Bewegungen eingeschachtelt werden muss, aber darum nicht weniger eindrucksvoll ist. Dem westländischen Empfinden und Fühlen kam Wu in den modernen politischen Stücken am Nächsten. Da durfte er kühn alle, die innere Leidenschaft hemmenden Banden von sich streifen, da durfte er, frei von konventionellen Zunftüberlieferungen toben, schreien, begeistern, überzeugen, und ganz in seiner Rolle aufgehen, wimmern und schluchzen wie ein Kind. In solchen Augenblicken stand nicht mehr ein Schauspieler auf der Bühne, sondern ein Volksredner, der den Instinkt der Masse auszunutzen versteht; dann wurde das Theater zu einem politischen Versammlungsort, von mitgerissenen Zuhörern geworfen, prasselten Armspangen und harte Dollar auf die Bühne. Wer Wu Tschan djiao als Verschwörer Sun Wu in dem Revolutionsstück „Li Yüan hung“ gesehen hat, wird ihn nicht so leicht vergessen. Wu Tschan djiao war aber eine Kampfnatur. Die Bühne wurde ihm zu eng, und er suchte sich ein anderes Feld. Sein Streben ging höher. Nicht mehr auf viertausend Zuhörer wollte er wirken, sondern auf vierhundert Millionen, die — wie er meint — mehr oder weniger nichts Anderes als Zuschauer der grossen politischen Tragikomödie sind, an der unfreiwillig das gesamte chinesische Beamtenheer, die fremden Gesandten und der unter der Steuerschraube seufzende Bauer und Hunderttausende von Statisten mitwirken. Vor diese vierhundert Millionen ist vor Kurzem der Schauspieler Wu Tschan djian hingetreten und hat gerufen: „Achtet auf die gefrässigen Russen. Sie wollen den Zusammenbruch Chinas. Sie wollen Euch, meine heissgeliebten Brüder, zu Sklaven machen. Achtet auf den „lebenden Buddha“, der im Solde Russlands steht!“ Und die Augen der vierhundert Millionen Zuschauer sind seit dem auf Wu gerichtet; die chinesischen Zeitungen berichten getreulich über Alles, was er tut. Und die Neuigkeitsucher machten sogar nicht vor Wu Tschan djiaos Privatwohnung Halt. Dort spielte sich eine eindrucksvolle Szene ab. Wu rief seine beiden Frauen und sprach: „Von heute ab zähle ich nicht mehr zu den jüngeren Brüdern des Pfirsichgartens. Jetzt bin ich General. Ich muss in den Kampf nach der Mongolei. Das Vaterland ruft.“ Da brachen die beiden Frauen in herzbrechendes Weinen aus. Sie sahen den Körper des geliebten Mannes von mongolischen Aufständischen zerfleischt, zerrissen und die Knochen auf gelbem Wüstensand bleichen, und zogen an Arm und Rock, damit er nicht von ihnen gehe. Wu Tschan djiao riss sich los und griff nach dem Abschiedstrank und sprach, fest mit strengen Augen seine Frauen anblickend: „Ich gehe.“ Die Frauen trockneten ihre Tränen, und sie hörten gefasst auf die Anordnungen des Mannes. Der ältern Frau vertraute er die Erziehung des kleinen Ahing an; er müsse fleissig lernen, um später ein tüchtiger Mensch zu werden. Die jüngere, die ihn sparsam dünkte, erhielt die Verwaltung des Vermögens. Jetzt ist Wu Tschan djiao schon im Norden und eifrig dabei, die Söldnerzahl um sich zu scharen, die seine Stellung als General rechtfertigen soll. Das schlecht bezahlte Schauspielervolk Chinas, besonders die, die müde sind, den Thespiskarren weiter durch den Schlamm zu ziehen, eilen zu den Fahnen Wu Tschan djiaos. So ist es den Erfolglosen, den Vielzuvielen, denen mit dem Schauspieler Wu Tschan djiao zu spielen verwehrt war, vielleicht noch vergönnt, unter dem General Wu Tschan djiao zu kämpfen. Hei, das wird ein heisses Streiten auf der mongolischen Steppe! Schulter an Schulter kämpfen dann die alten Heldengestalten, Tsao Tsao, Tschang Fe, Liu Pei, Kung Ming, wie sie Alle heissen, gegen den gemeinsamen Feind. Weh dir, Hutuktu!