„Wenn tausendfach die Sorgen sind
Und drücken sie noch so schwer,
Dann trink dreihundert Glas geschwind,
Da fühlst du sie nicht mehr.“
Arme, chinesische Bühne! Wie lange wirst Du dich noch der „Autoliebchen“-, „Puppchen“- und „Filmzauber“-Kultur erwehren können!
Vom westländischen Modefieber.
Westländische Schuhe und Strümpfe waren die ersten „zivilisatorischen“ Bekleidungsstücke des Chinesen. Ehe ein chinesischer Händler daran dachte, der Nachfrage nach diesen Artikeln gerecht zu werden, wurden sie schon beim europäischen „Master“ gestohlen. Die westländischen Schuhe wurden meistens verächtlich behandelt; sie wurden nur an Regentagen, wenn die Strasse voll Wasser und weichem Kot war, getragen, weil die chinesischen Schuhe zu gut dafür waren. Dann kam aber die Revolution. Ihre Nachwirkungen fanden in Schanghai ihren Ausdruck in einem westländischen Modefieber. „Wer nicht mit der Mode geht, gilt als ein armer Mann“, sagt ein chinesisches Sprichwort. Nun, die Jungchinesen wollten zeigen, dass sie nicht arm waren. Ihre Kaufkraft zeigt die Schanghaier Zollstatistik bei der Einfuhr von Mützen, Tuchen, Schuhen und sonstigen Bedarfsartikeln; und was nicht verkauft ist, liegt in den Schaufenstern der Kaufläden, die über Nacht ihre alten chinesischen Ladenhüter mit europäischem Flitter vertauscht haben. Das Modefieber hat nachgelassen; aber wer noch von ihm gepackt ist, wird es nicht mehr los; das Fieber ist chronisch geworden. Zur Lehre und Mahnung der in Schanghai lebenden Ausländer will ich eine Geschichte von meinem frühern Freund Kang Lou hui erzählen, der an jedem Geschäft, das mit ausländischen Kleidungssachen handelte, in weitem Bogen vorüberging. Trotzdem zählte mein Freund Kang zu den am Besten gekleideten chinesischen Jünglingen der Weltstadt Shanghai. Bald kleidete er sich im gewöhnlichen Strassenanzug, bald in würdigen Gehrock mit gestreiften Hosen, dann trug er einen eleganten Schwalbenschwanzrock, und des Abends zeigte er sich öfter in der Foochow Road im „Smoking“ oder in Frack und weisser Binde. Es war erstaunlich, über welchen Kleiderreichtum Kang Lou hui verfügte; dabei verdiente er monatlich knapp fünfundzwanzig Dollar und besass keinen Zent Barvermögen. Als ich ihn eines Tages in seiner Wohnung, die aus einem einzigen, dürftig eingerichteten Zimmer bestand, aufsuchte und er mir in einem einfachen chinesischen Gewand entgegenkam, schaute ich vergeblich nach einer Kleidertruhe, die die Kleiderherrlichkeiten bergen konnte. Ich fragte meinen Freund vertraulich, wie er seinen Kleiderluxus ermögliche. Darüber gab er mir nach einigem Zögern vertraulich Auskunft. Freund Kang sagte flüsternd: „Der ganze Kleiderluxus kostet mich monatlich drei mexikanische Dollar. Nichts von Dem, was ich am Leibe trage, nenne ich mein eigen. Alles ist — gemietet. Ein Freund von mir, der „Boy“ bei einem gutmütigen ausländischen Junggesellen ist, besorgt mir täglich Kragen, Taschentücher, Schuhe, Strümpfe, Ueberzieher und jeden gewünschten Anzug. Pünktlich liefere ich die Sachen, die auf Kosten des „Masters“ in die Wäsche gehen, ab und empfange neue. Einmal gab es einen schönen Krach. Seitdem hat die Kleiderherrlichkeit ein Ende. Ich hatte nämlich einen Frack samt Schlips und weisser Weste an einen Freund weiterverliehen, der einer Hochzeit beizuwohnen hatte. Wie es so geht, trank er zu viel Schao-hsinger Wein, er verlor das Gleichgewicht in der Rickscha und stürzte in den Strassenschmutz. Kaum hatte ich den Frack zur raschen Reinigung beim Wäscher abgeliefert, da kam auch schon atemlos mein Freund und Kleiderverleiher und sagte, sein „Master“ suche wie ein Wilder nach dem Kleidungsstück, da er zu einem Ball gehen müsse. Als ich dem Boy die Sachlage auseinandersetzte, ging er schimpfend davon. Ich versuchte, mich am nächsten Tag mit ihm auszusöhnen, und versprach, ihm vom kommenden Monat ab vier Dollar zu zahlen; ich bot ihm fünf und sechs Dollar. Der Freund blieb hart, seitdem ihn sein ausländischer Herr für den verlorenen Frack windelweich zerhauen hatte.“ Kang Lou hui schloss sein Geständnis traurigen Antlitzes. Verzweifelnd gestand er mir zum Schluss, dass er in den nächsten vierzehn Tagen zwei Hochzeiten, einer Beerdigung und zehn Nachmittagstees, bei denen er in moderner ausländischer Kleidung erscheinen will, auf dem Kalender angemerkt habe. Zur Zeit ist er auf der Suche nach einem dummen Ausländer und einem bestechlichen „Boy“, die seiner Kleidernot abhelfen.