Innerhalb findet man Linden-Alleen und weiße Ruhebänke; die Grabsteine liegen ganz einfach reihenweis, alle von ein und derselben länglich viereckigen Form, so daß sie fast wie regelmäßig an beiden Seiten hingelegte Folio-Bände aussehen, auf denen das Titelblatt den Namen, Geburts- und Sterbetag des Verfassers der darunter liegenden Lebens-, Liebes- oder Leidensgeschichte anzeigt. Eine interessante Bibliothek gewiß für den, dessen Auge durch den Stein dringen und das verschlossene Buch entziffern könnte!
Einige Schwestern saßen, ruhig wie Statuen, auf den Bänken, und in Gedanken versunken wandelte ich selbst langsam auf und ab. Jetzt öffnete sich das Thor wieder und ein langer Mann trat herein. Als wir ein paarmal neben einander hingeschritten waren, redete ich ihn an, um meinen Beifall über den hübschen Kirchhof auszusprechen. „Verzeihen Sie,“ erwiederte er mit sächsischem Dialekt, „ich bin gar kein Herrnhüter; ich bin aus Dresen.“ Diese Naivität setzte mich wieder in gute Laune, denn der liebe Mann hatte offenbar geglaubt, ich habe den Kirchhof nur gelobt, um ihm damit ein schuldiges Compliment zu machen, und es daher als Fremder bescheiden abgelehnt, ganz wie der bekannte ehrliche Oesterreicher, der bei einer Predigt, wo Alles in Thränen zerfloß, allein nicht weinte, und als der größte Enthusiast unter den Zuhörern ihn unwillig fragte: „Und Sie, mein Herr, Sie bleiben ungerührt?“ ganz erschrocken antwortete: „Werden Euer Gnaden halter nur nicht böse, ich bin aus dem andern Kirchsprengel.“
Der Dresdner Kaufmannsdiener wurde aber zu guter letzt doch noch poetisch, und verglich die Leichensteine, weit passender als ich vorher, mit einem Sortiment weißer und grauer Tuchballen in verschiedenen Nüancen. „Mon mari fait dans les draps“ antwortete die Pariser Fabrikanten-Frau dem Kaiser Napoleon, der sich auf dem Ball des Hotel de ville nach dem Stande ihres Mannes erkundigte; — wahrscheinlich arbeitete mein Begleiter auch in diesem Geschäft. Als er anfing über die schlechten Zeiten zu klagen, verließ ich ihn, denn seine komische Seite schien mir nun „abgetragen.“ Beim Hinausgehen bemerkte ich noch eine zweite Inschrift innerhalb des Thores. Der Worte erinnere ich mich nicht mehr ganz genau, aber der Sinn war folgender:
Jetzt erst seyd ihr in der wahren Heimath.
Diese Inschrift gefiel mir nicht. Ich kann alle religiösen Ansichten nicht leiden, die uns einbilden wollen, wir wären hier bloß da für eine andre Welt. In eine andre Welt und Existenz werden wir gewiß kommen, und gut für uns ohne Zweifel, wenn wir jede Station möglichst nutzen; aber hier ins Leben getreten, ist unsre Heimath jetzt auch hier und nirgends anders. Die Natur ertappt man nie auf einer Lüge, sie spricht sich überall wahr und deutlich aus, und nur der Verschrobene versteht sie nicht mehr. Schlimm für das Kind, wenn es nur daran denkt, als Jüngling zu leben; es wird dann als Jüngling Mann, als Mann Greis seyn, und die Blume aller Lebensalter verloren haben. Man sey nur recht im vollen und besten Sinne des Wortes Mensch dieser Erde, körperlich und geistig, und wird dann ganz gewiß sich für jeden andern Zustand, der folgen kann, dadurch am besten qualificiren, wenn man auch wirklich hier nie daran gedacht hätte. Mir scheint selbst Christus dies letztere, bis auf den Inhalt einiger Parabeln, ziemlich unterlassen, wenigstens nicht viel Werth darauf gelegt zu haben, und so ist Christus auch recht für alle Zeiten der Lehrer des Menschengeschlechts auf Erden geworden, wo das Himmelreich eben am nöthigsten thut, weil wir die Hölle hier leider auch in unsrer Gewalt haben.
Ein ganzes ausreichendes Leben ist immer und überall vollständig da, wo wir uns dessen bewußt werden, und wir sollten endlich das alberne Bild der irdischen Schule und des Schulmeisters über den Wolken droben, der nur auf die Ankunft der armen Seele daselbst paßt, um ihr Kuchen, oder die Ruthe zu geben, zu dem übrigen Plunder kindischer Zeiten werfen.
Alle Frische schwindet aus der Welt bei solchem krankhaften Schmachten und Fürchten, und es ist sehr die Frage: ob nicht selbst die grobsinnliche Beimischung in der katholischen Religion in der Zeit ihrer Blüthe, mehr Gutes in dieser Hinsicht, als Böses gewirkt hat. Aber schlimm und drückend ist immer die Zeit, wo man weder mehr kindlich abergläubisch, noch wahrhaft gescheidt seyn kann. Ich dringe übrigens Niemand meine Meinung auf; jeder muß in solchen Dingen und in solchen Zeiten sich selbst am besten zu helfen wissen.
So perorirte ich, als Julie, mit der ich am Mittagstische saß, und der ich längst meine Reisefata erzählt, drohend den Finger erhob und sagte: „Carl, Carl! Du spielst manchmal den Freigeist; nimm Dich in Acht, daß Dir heute Nacht nicht wieder die Frau Rasiussin erscheint, und Deinen schwachen Sinnen den Glauben, auch an das scheinbar Unvernünftigste, dennoch in die Hände giebt. Denk an die Seherin von Prevorst, die klügern Leuten, als Du bist, den Kopf verdreht hat.“ — Es ist wahr, erwiederte ich ein wenig betroffen, und zugleich bedenklich an meinen Hals fühlend, wo ich eben wieder einen heftigen Stich zu empfinden glaubte — es ist wahr, wir sind alle schwache Menschen, jeder Täuschung unterworfen, und keiner unsrer Momente gleicht dem andern, aber doch nur nach den klarsten derselben dürfen wir uns richten. — „Ja wohl,“ sagte die gute Julie; „aber glaube mir, Du hast Dich über meine Schwäche, den armen Hund betreffend, so lustig gemacht, und hast doch selbst zehnmal mehr Schwächen; ja, wer nicht, wie ich, Dich bis ins Innerste kennte, der würde glauben müssen, Du seyst zehnmal des Tages ein Andrer und nicht jede Edition eben eine gute.“ „Amen!“ rief ich; die ewige Liebe habe Erbarmen mit uns Allen, und Gott Lob! daß sie das auch schon von vornherein gehabt hat: denn ohne sie wäre kein Leben, kein Lieben und keine aller der Seligkeiten, deren wir hier schon so vielfach theilhaftig werden. — Es ist billig, daß ein Besuch im Herrnhutischen fromm schließe, ich übergehe daher alles Weltliche, was sonst noch vorfiel, nur eines seltsamen Umstandes muß ich noch erwähnen. Er ist buchstäblich wahr, der Leser suche den Commentar dazu, wie er mag.
Kaum wieder auf meinem Landsitze angekommen, verfiel ich in ein hitziges Fieber, mit einem geschwollenen Halse verbunden, der mich zu ersticken drohte. Ich war größtentheils ohne Besinnung, doch schweben mir noch jetzt dunkel schreckliche Visionen aus jener Zeit vor, und besonders genau erinnere ich mich, daß mir wiederholt die grausige Alte aus Bocksberg, jetzt aber mit hohnlachender und feindseliger Miene erschien, und wieder den kalten Schlüssel auf die krankhafte Stelle legte, was jedesmal mit einem heftigen Erstickungskrampf begleitet war, bis endlich die Natur, der Arzt, oder bessere Geister, als meine Quälerin, eine schwierige und langsame Heilung glücklich bewirkten — denn, daß ich, obgleich verstorben, eben an jener Krankheit gestorben sey, will ich nicht behaupten, obwohl, wenn es mir so beliebte, ein rechtgläubiger Leser auch daran nicht zweifeln dürfte.