„Er wohnt hier, drei Häuser weit,“ sagte er, „im Hause Kosel, eines reichen Deutschen ... Er ging wahrscheinlich betrunken nach Hause. – Ich kenne ihn ... Er ist ein Trinker ... Er hat Familie, Frau und Kinder und noch eine Tochter. Ihn ins Krankenhaus zu schleppen, dauert zu lange, hier im Hause aber ist sicher ein Arzt. Ich bezahle, bezahle alles! ... Er wird doch Pflege bei den Seinigen finden, man wird ihm sofort helfen, auf dem Wege zum Krankenhause aber kann er sterben ...“ Er hatte sogar Zeit gefunden, etwas dem Schutzmanne unbemerkt in die Hand zu drücken; übrigens war die Sachlage gesetzlich klar und jedenfalls war Hilfe hier näher. Man hob den Verunglückten auf und trug ihn; es fanden sich bereitwillige Hände. Das Haus Kosel war nur dreißig Schritte entfernt. Raskolnikoff ging hinterher, stützte vorsichtig den Kopf des Verletzten und wies den Weg. „Hierher, hierher! Die Treppe hinauf muß man ihn mit dem Kopfe voran tragen; dreht euch um ... so ist’s gut! Ich will’s bezahlen, ich will’s euch danken!“ murmelte er.

Katerina Iwanowna spazierte, wie immer, wenn sie einen freien Augenblick hatte, in ihrem kleinen Zimmer auf und ab, vom Fenster bis zum Ofen und zurück, wobei sie die Hände über der kranken Brust gekreuzt hatte und mit sich selbst redete. In der letzten Zeit hatte sie angefangen, öfter und mehr mit dem älteren Mädchen, der zehnjährigen Poljenka, zu sprechen, die vieles noch nicht begriff, dafür aber sehr gut verstanden hatte, daß die Mutter sie brauchte, und die darum ihr stets mit ihren großen, klugen Augen folgte und sich mit aller Kraft den Anschein gab, als verstehe sie alles. Jetzt zog Poljenka gerade ihren kleinen Bruder aus, der sich den ganzen Tag nicht wohl gefühlt hatte, um ihn schlafen zu legen. Der Knabe wartete darauf, daß man ihm das Hemdchen wechselte, das in der Nacht noch gewaschen werden mußte, und saß auf einem Stuhl schweigend, mit ernstem Gesichte, kerzengerade und unbeweglich, mit nach vorn gestreckten Füßen. Er horchte auf das, was die Mutter mit der Schwester sprach, mit offenem Munde, seine kleinen Augen schauten starr, er rührte sich nicht, alles so, wie gewöhnlich brave Kinder dasitzen müssen, wenn sie ausgekleidet werden, um schlafen zu gehen. Das jüngste Mädchen, in Lumpen gehüllt, stand bei dem Bettschirm und wartete, bis sie an die Reihe kam. Die Türe nach der Treppe zu war offen, wegen der Tabakswolken, die aus den anderen Zimmern hereindrangen und die die arme Schwindsüchtige alle Augenblicke zwangen, lange und qualvoll zu husten. Katerina Iwanowna schien in diesen acht Tagen noch magerer geworden zu sein, und die roten Flecken auf ihren Wangen brannten noch greller als früher.

„Du kannst nicht glauben, du kannst es dir nicht vorstellen, Poljenka,“ sagte sie, indem sie auf und ab ging, „wie lustig und prachtvoll wir im Hause meines Papas lebten, und wie dieser Trinker mich zugrunde gerichtet hat und euch alle zugrunde richten wird! Mein Papa war Oberst im Zivildienst und beinahe schon Gouverneur; er war ganz nahe daran, so daß alle zu ihm kamen und sagten: ‚Wir sehen Sie, Iwan Michailytsch, schon als unseren Gouverneur an.‘ Als ich ... khe! ... als ich ... khe ... khe–khe ... oh, verfluchtes Leben!“ rief sie aus, als sie ausgehustet hatte, und griff nach der Brust. „Als ich ... ach, auf dem letzten Balle ... bei dem Adelsmarschall ... mich die Fürstin Bessemeljanja erblickte, – die mir späterhin den Segen gab, als ich deinen Papa heiratete, Polja, – frug sie mich sofort: ‚Sind Sie nicht das liebe Mädchen, das mit dem Shawl beim Schlußexamen getanzt hatte?‘ ... (Das Loch muß man zunähen, nimm eine Nadel und stopfe es sofort, sonst ... khe ... khe ... zerreißt es ... khe–khe–khe ... mor–gen noch mehr! rief sie fast erstickend aus.) ... Damals war aus Petersburg soeben der Kammerjunker Fürst Tschegolski angekommen ... er tanzte mit mir Mazurka und wollte am anderen Tage kommen, mir einen Antrag zu machen, aber ich dankte ihm in der schmeichelhaftesten Weise und sagte, daß mein Herz längst einem anderen gehöre. Dieser andere war dein Vater, Polja. Mein Papa war furchtbar böse ... Ist das Wasser fertig? Nun, gib das Hemd ... wo sind die Strümpfe? ... Lida,“ wandte sie sich an die jüngste Tochter, „schlaf diese Nacht einmal ohne Hemd ... und lege die Strümpfe nebenan hin ... Ich will gleich mitwaschen ... Warum kommt der Lump nicht, der Trinker! Er trägt sein Hemd schon lange, es ist wie ein schmutziger Lappen, hat es auch zerrissen ... Ich würde es jetzt waschen, um mich nicht zwei Nächte nacheinander zu quälen! Herr Gott! Khe–khe–khe–khe! Schon wieder! Was ist das?“ rief sie aus, als sie die Menge auf der Treppe erblickte, und ein paar Männer, die etwas in ihr Zimmer hineintrugen. „Was ist das? Was bringen sie da? Oh, Gott!“

„Wo soll man ihn hinlegen?“ fragte ein Schutzmann und sah sich um, nachdem man den blutbedeckten und besinnungslosen Marmeladoff in das Zimmer hineingebracht hatte.

„Auf das Sofa! Legen Sie ihn auf das Sofa, mit dem Kopfe hierher!“ zeigte Raskolnikoff.

„Er ist überfahren worden, auf der Straße! Er war betrunken!“ rief jemand von der Treppe aus.

Katerina Iwanowna stand bleich und atmete schwer. Die Kinder waren erschrocken. Die kleine Lida schrie auf, stürzte zu Poljenka hin, umfaßte sie und erzitterte am ganzen Körper.

Nachdem Marmeladoff gebettet war, eilte Raskolnikoff zu Katerina Iwanowna hin.

„Beruhigen Sie sich, um Gotteswillen, erschrecken Sie nicht!“ sagte er hastig. „Er ging über die Straße, eine Equipage hat ihn überfahren, beruhigen Sie sich, er wird zu sich kommen, ich habe angeordnet, daß man ihn hierher bringe ... ich war schon bei Ihnen, erinnern Sie sich ... Er wird zu sich kommen, ich will bezahlen!“

„So weit hat er’s gebracht!“ schrie Katerina Iwanowna verzweifelt auf und stürzte zu ihrem Manne.