„Es gehört sich nicht, zu sterben!“ rief Katerina Iwanowna und stürzte zur Türe hin, um sie zu öffnen und ihrem Zorne Luft zu machen, aber bei der Türe stieß sie mit Frau Lippewechsel zusammen, die soeben von dem Unglücke vernommen hatte und gelaufen kam, um Ordnung zu schaffen. Sie war eine außerordentlich alberne und fahrige Deutsche.

„Ach mein Gott!“ schlug sie die Hände zusammen. „Ihr Mann ist betrunken unter die Pferde geraten. Er muß ins Krankenhaus! Ich bin die Wirtin!“

„Amalie Ludwigowna! Ich bitte Sie, sich zu überlegen, was Sie sagen,“ begann Katerina Iwanowna hochmütig (mit der Wirtin sprach sie stets im hochmütigen Tone, damit die „ihre Stellung nicht vergesse,“ und konnte sich auch jetzt dieses Vergnügen nicht versagen), „Amalie Ludwigowna ...“

„Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß Sie mich nicht Amalie Ludwigowna nennen sollen, ich heiße Amalie Iwanowna.“

„Sie heißen nicht Amalie Iwanowna, sondern Amalie Ludwigowna, und da ich nicht zu den schuftigen Schmeichlern gehöre, wie Herr Lebesjätnikoff, der jetzt hinter der Türe lacht“ (hinter der Türe hörte man wirklich Lachen und den Ruf: „Sie sind sich in die Haare gefahren!“), „so werde ich Sie stets Amalie Ludwigowna nennen, obgleich ich gar nicht verstehen kann, warum Ihnen dieser Name nicht gefällt. Sie sehen selbst, was mit Ssemjon Sacharowitsch ist, – er stirbt. Ich bitte Sie, diese Türe sofort abzuschließen und niemanden hereinzulassen. Lassen Sie ihn wenigstens ruhig sterben! Sonst, versichere ich Sie, wird über Ihre Handlungsweise noch morgen der Generalgouverneur selbst erfahren. Der Fürst kannte mich, als ich noch ein junges Mädchen war, und erinnert sich sehr gut Ssemjon Sacharowitschs, dem er viele Male geholfen hat. Es ist allen bekannt, daß Ssemjon Sacharowitsch viele Freunde und Gönner hatte, von denen er sich selbst in edlem Stolz zurückgezogen hatte, weil er sich seiner unglücklichen Schwäche bewußt war, jetzt aber (sie zeigte auf Raskolnikoff) hilft uns ein großmütiger junger Mann, der Mittel und Verbindungen besitzt, und den Ssemjon Sacharowitsch noch als Kind gekannt hat, und seien Sie versichert, Amalie Ludwigowna ...“

Dies alles wurde mit außerordentlicher Schnelligkeit hervorgestoßen, und je länger desto schneller; aber der Husten unterbrach mit einem Male die Rede von Katerina Iwanowna. In diesem Augenblicke kam der Sterbende zu sich und stöhnte auf, und sie lief zu ihm hin. Er öffnete die Augen, und ohne jemand zu erkennen und etwas zu verstehen, begann er den über ihn gebeugten Raskolnikoff zu betrachten. Er atmete schwer, tief und mit großen Pausen: auf den Lippen zeigte sich Blut; der Schweiß trat ihm auf die Stirn. Da er Raskolnikoff nicht erkannt hatte, begann er unruhig die Augen hin und her zu wenden. Katerina Iwanowna blickte ihn voll Traurigkeit, aber streng an; aus ihren Augen quollen Tränen.

„Mein Gott! Seine ganze Brust ist zerquetscht! Sehen Sie, wieviel Blut!“ sagte sie voll Verzweiflung.

„Man muß ihn ausziehen! Dreh dich etwas um, Ssemjon Sacharowitsch, wenn du kannst,“ rief sie ihm zu.

Marmeladoff erkannte sie.

„Einen Priester!“ sagte er mit heiserer Stimme. Katerina Iwanowna ging zum Fenster, lehnte die Stirn an den Fensterrahmen und rief verzweifelt aus: