„Merkwürdig, daß er noch zu sich gekommen ist,“ flüsterte der Arzt leise Raskolnikoff zu.

„Was meinen Sie?“ fragte der.

„Er wird gleich sterben.“

„Gibt es gar keine Hoffnung?“

„Nicht die geringste. Er liegt in den letzten Zügen ... Außerdem ist der Kopf sehr gefährlich verletzt ... Hm. Vielleicht könnte man ihn noch zu Ader lassen ... aber ... es ist nutzlos. Nach fünf oder zehn Minuten stirbt er unbedingt.“

„Lassen Sie ihn doch zu Ader!“

„Gut ... Ich sage aber im voraus, es ist völlig nutzlos.“

In diesem Augenblicke ertönten Schritte, die Menge auf der Treppe machte Platz und auf der Schwelle erschien der Priester, ein alter Mann, mit den Sakramenten. Ihn hatte ein Schutzmann sofort nach dem Unglück geholt. Der Arzt trat ihm sofort seinen Platz ab und wechselte mit ihm einen bedeutungsvollen Blick. Raskolnikoff bat den Arzt, noch eine Weile zu bleiben. Der zuckte die Achseln und blieb.

Alle traten zurück. Die Beichte dauerte nicht lange. Der Sterbende schien kaum etwas zu verstehen; er konnte bloß abgerissene, unklare Laute hervorbringen. Katerina Iwanowna hatte Lidotschka an die Hand genommen, den Knaben vom Stuhle heruntergeholt, war mit ihnen in eine Ecke am Ofen gegangen, auf die Knie gesunken, die Kinder vor sich. Das kleine Mädchen zitterte; der Knabe aber lag auf seinen nackten Knien ernst da, erhob sein Händchen, schlug ein großes Kreuz und beugte sich zum Boden nieder, wobei er mit der Stirne anstieß, was ihm anscheinend Vergnügen machte. Katerina Iwanowna biß sich auf die Lippen und hielt die Tränen zurück; sie betete auch; ab und zu zog sie dem Knaben das Hemdchen zurecht, und warf über die nackten Schultern des Mädchens ein Tuch, das sie von der Kommode nahm, ohne sich zu erheben und weiter betend. Indessen wurde die Türe zu den anderen Zimmern wieder von Neugierigen geöffnet. Im Treppenflure drängten sich immer mehr und mehr Zuschauer, Mieter vom ganzen Hause, aber ohne die Schwelle des Zimmers zu überschreiten. Ein Lichtstümpfchen beleuchtete die ganze Szene.

In diesem Augenblicke drängte sich durch die Menge auf dem Flure Poljenka, die gelaufen war, die Schwester zu holen. Sie kam atemlos vom schnellen Laufen, nahm ihr Tuch ab, suchte mit den Augen die Mutter, trat an sie heran und sagte: „Sie kommt! Ich habe sie auf der Straße getroffen!“ Die Mutter zog sie neben sich auf die Knie. Durch die Menge drängte sich leise und schüchtern ein junges Mädchen, und ihre Erscheinung in diesem Zimmer, mitten in dieser Armut, Lumpen, Tod und Verzweiflung war grotesk. Sie war auch in Lumpen; ihre Kleidung war von billiger Sorte, aber straßenmäßig geschmückt, mit Geschick und Verständnis für ihren besonderen Zweck und diesen Zweck in peinlich aufdringlicher Weise unterstreichend. Ssonja blieb im Flure neben der Schwelle stehen, trat nicht in das Zimmer und blickte wie verloren vor sich hin; sie schien ganz fassungslos, schien vergessen zu haben, daß sie ein seidenes, farbiges, aus vierter Hand gekauftes und hier unpassendes Kleid anhatte, mit einer langen und lächerlichen Schleppe und einer ungeheuren Krinoline, die die ganze Türe einnahm, auch daß sie helle Stiefel und einen Sonnenschirm trug, den sie doch in der Nacht nicht brauchte, und einen lächerlichen runden Strohhut mit einer grell feuerroten Feder aufhatte. Unter diesem keck aufgesetzten Hute blickte ein mageres, bleiches und erschrockenes Gesichtchen hervor, mit geöffnetem Munde und vor Schreck unbeweglichen Augen. Ssonja war klein von Wuchs, etwa achtzehn Jahre alt, mager, aber eine hübsche Blondine mit wundervollen blauen Augen. Sie blickte starr auf das Sofa und auf den Priester und atmete schwer vom schnellen Gehen. Wahrscheinlich hatte sie das Flüstern und einige Worte unter der Menge vernommen. Sie senkte den Kopf, tat einen Schritt über die Schwelle und blieb im Zimmer stehen, wieder aber ganz an der Türe.