„Warum geht man denn hin?“ sagte Raskolnikoff.

„Wenn es aber niemanden mehr gibt, wenn man nirgendwo anders hingehen kann! Es müßte doch so sein, daß jeder Mensch irgendwo hingehen könnte. Denn es kommen Zeiten, wo man unbedingt irgendwo hingehen muß! Als meine einzige Tochter zum erstenmal mit dem gelben Schein[6] ging, ging ich auch ... (meine Tochter lebt nämlich auf den gelben Schein) ...“ fügte er hinzu und blickte mit einiger Unruhe den jungen Mann an. „Hat nichts zu sagen, mein Herr, hat nichts zu sagen!“ beeilte er sich, sofort und scheinbar ruhig zu erklären, als die beiden Knaben hinter dem Schenktische in Lachen ausbrachen und auch der Wirt lächelte. „Hat nichts zu sagen! Durch dieses Tuscheln laß ich mich nicht stören, denn es ist längst bekannt, und alles Verborgene wird offenbar, und nicht mit Verachtung, sondern mit Demut ertrage ich es. Mögen sie! Mögen sie! ‚Ecce homo!‘ Erlauben Sie, junger Mann, können Sie vielleicht ... Aber nein, man muß sich stärken und deutlicher ausdrücken: nicht können Sie, sondern wagen Sie, indem Sie mich dabei ansehen, zu behaupten, daß ich kein Schwein bin?“

Der junge Mann antwortete nicht.

„Nun,“ fuhr der Redner gesetzter und sogar noch würdevoller fort, nachdem er gewartet hatte, bis das Kichern in dem Zimmer aufhörte, „nun gut, ich mag ein Schwein sein, sie aber ist eine Dame. Ich sehe aus wie ein Vieh, Katerina Iwanowna, meine Gattin, aber ist eine gebildete Person und die Tochter eines Stabsoffiziers. Mag ich, mag ich ein Schuft sein, sie aber ist hochherzig und ist durch Erziehung voll edler Gefühle. Indessen aber ... oh, wenn sie mit mir Mitleid hätte! Mein Herr, verehrter Herr, es müßte doch so sein, daß jeder Mensch wenigstens eine Stelle habe, wo er Mitleid fände! Katerina Iwanowna ist wohl eine großmütige Dame, aber ungerecht ... Und obwohl ich verstehe, daß sie mich an den Haaren zerrt, aus keinem anderen Grunde als aus Mitleid des Herzens – denn ich wiederhole es, ohne mich zu schämen, sie zerrt mich an den Haaren, junger Mann,“ bestätigte er mit verstärkter Würde, als er wieder Kichern vernahm. „Aber mein Gott, was würde geschehen, wenn sie wenigstens ein einziges Mal ... Aber nein! Nein! Das alles ist umsonst, und es lohnt sich nicht, davon zu sprechen! Lohnt sich nicht zu sprechen! ... Denn mehr als einmal war das Gewünschte dagewesen, und mehr als einmal hatte man mit mir Mitleid gehabt, aber ... meine Natur ist schon so, ich bin ein geborenes Vieh!“

„Und ob!“ bemerkte der Wirt gähnend.

Marmeladoff schlug entschlossen mit der Faust auf den Tisch.

„So ist meine Natur! Wissen Sie, wissen Sie, mein Herr, ich habe sogar ihre Strümpfe vertrunken! Nicht die Stiefel, denn das würde noch in der Ordnung der Dinge liegen, sondern die Strümpfe, ihre Strümpfe habe ich vertrunken! Ihr Tuch aus Ziegenwolle habe ich vertrunken, man hat es ihr einst geschenkt, es gehörte ihr, nicht mir; wir leben in einem kalten Zimmer und sie hat sich in diesem Winter erkältet und begann zu husten, sogar Blut kam. Wir haben noch drei kleine Kinder, und Katerina Iwanowna ist vom frühen Morgen bis in die Nacht bei der Arbeit; sie scheuert und wäscht, auch die Kinder wäscht sie, denn sie ist von Kindheit auf an Reinlichkeit gewöhnt, aber sie hat eine schwache Brust und neigt zur Schwindsucht, und ich fühle es! Fühle ich es denn nicht? Und je mehr ich trinke, um so stärker fühle ich. Darum trinke ich auch, weil ich in diesem Tranke Mitleid und Gefühl suche ... Ich trinke, weil ich doppelt leiden will!“

Und er neigte wie in Verzweiflung seinen Kopf auf den Tisch.

„Junger Mann,“ fuhr er fort und hob wieder den Kopf, „in Ihrem Gesichte lese ich etwas wie Kummer. Als Sie hereintraten, habe ich es gesehen, und darum habe ich mich auch sofort an Sie gewandt. Denn, indem ich Ihnen die Geschichte meines Lebens erzählte, will ich mich nicht an den Schandpfahl vor diesen Tagdieben stellen, die übrigens alles wissen, sondern ich suche einen fühlenden und gebildeten Menschen. Sie sollen wissen, – meine Gattin ist in einem adligen Gouvernementspensionat erzogen und hat bei der Schlußprüfung vor dem Gouverneur und anderen Persönlichkeiten mit dem Schal getanzt, wofür sie eine goldene Medaille und ein Ehrenzeugnis erhielt. Die Medaille ... nun die Medaille haben wir verkauft ... schon lange ... hm ... das Ehrenzeugnis liegt noch in ihrem Kasten, und sie hat es vor kurzem unserer Wirtin gezeigt. Obwohl sie mit der Wirtin ständig, ununterbrochen Streitigkeiten hat, wollte sie doch vor jemand sich rühmen und von vergangenen glücklichen Tagen erzählen. Und ich verurteile sie nicht, ich verurteile nicht, denn das allein ist nur in ihrer Erinnerung geblieben, alles übrige ist zu Staub geworden. Ja, ja, sie ist eine hitzige, stolze und unbeugsame Dame. Sie wäscht selbst den Fußboden, ißt Schwarzbrot, aber Mißachtung duldet sie nicht. Darum wollte sie auch nicht die Grobheit des Herrn Lebesjätnikoff dulden, und als Herr Lebesjätnikoff sie verprügelte, da legte sie sich zu Bett – weniger der Schläge, als des Schimpfes wegen. Ich habe sie als Witwe geheiratet, mit drei ganz kleinen Kindern. Ihren ersten Mann, einen Infanterieoffizier, heiratete sie aus Liebe und war aus dem Elternhause mit ihm geflohen. Sie liebte ihren Mann grenzenlos, er fing aber an Karten zu spielen, kam vors Gericht und starb. Er hat sie oft geschlagen in den letzten Jahren, und obwohl sie sich nichts von ihm gefallen ließ, wie ich es bestimmt und aus Schriftstücken weiß, – erinnert sie sich doch seiner heute noch mit Tränen und hält ihn mir als Muster vor, und ich freue mich, ich freue mich, weil sie sich wenigstens in der Phantasie als einstmals glücklich fühlt ... Nach seinem Tode blieb sie mit drei kleinen Kindern in einem abgelegenen und weltvergessenen Kreise, wo ich mich auch damals befand, und in solch hoffnungsloser Armut, daß ich sie nicht beschreiben kann, obwohl ich vieles und allerhand gesehen habe. Ihre Verwandten hatten sich alle von ihr losgesagt. Ja und sie war so stolz, zu stolz ... Und da bot ich, mein Herr, auch ein Witwer mit einer vierzehnjährigen Tochter von meiner ersten Frau, ihr meine Hand an, denn ich konnte solch eine Qual nicht mit ansehen. Sie können danach beurteilen, wie stark ihre Not war, daß sie, gebildet, gut erzogen und aus angesehener Familie, bereit war, mich zu heiraten. Sie heiratete mich! Weinend, schluchzend und händeringend – heiratete sie mich doch! Denn sie konnte ja nirgendwo hin. Verstehen Sie, verstehen Sie, mein Herr, was es heißt, wenn man nirgendwo mehr hin kann? Nein! Das können Sie noch nicht verstehen ... Ein ganzes Jahr erfüllte ich meine Pflicht treu und redlich und rührte das da nicht an (er wies auf die Branntweinflasche), denn ich habe Gefühl. Aber auch damit konnte ich sie nicht zufrieden stellen; ich verlor meine Stelle und nicht eines Vergehens, sondern einer Änderung im Etat wegen, und nun wandte ich mich dem zu! ... Es sind schon anderthalb Jahre, seit wir nach langen Irrfahrten und vielfach großer Not endlich in dieser prächtigen und mit unzähligen Denkmälern geschmückten Residenz eintrafen. Ich fand hier eine Stelle ... Ich fand und verlor sie wieder. Verstehn Sie? Diesmal verlor ich die Stelle aus eigener Schuld, denn meine Neigung brach durch ... Jetzt wohnen wir in einem Winkel bei der Wirtin Amalie Fedorowna Lippewechsel, wovon wir aber leben und womit wir bezahlen – das weiß ich nicht. Außer uns leben noch viele dort ... Ein entsetzliches Drunter und Drüber ... hm ... ja ... Indessen wurde mein Töchterchen aus der ersten Ehe erwachsen, und was sie, mein Töchterchen, von ihrer Stiefmutter zu erdulden hatte, als sie heranwuchs, darüber schweige ich. Obwohl Katerina Iwanowna von großmütigen Gefühlen durchdrungen ist, so ist sie doch eine hitzige und gereizte Dame und schneidet einem schnell das Wort ab ... Ja! Nun, es lohnt sich nicht, dessen zu gedenken! Eine Erziehung hat Ssonja, wie Sie sich denken können, nicht erhalten. Ich habe versucht, etwa vor vier Jahren, Geographie und Weltgeschichte mit ihr durchzunehmen, aber da ich selbst nicht ganz sattelfest war und keine anständigen Bücher besaß, denn die Bücher, die wir hatten ... hm ... na, diese Bücher sind nicht mehr da ... So endigte auch damit der ganze Unterricht. Wir blieben bei Cyrus von Persien stehen. Später, als sie reifer und älter wurde, las sie einige Bücher romanhaften Inhalts, ja und vor kurzem erhielt sie von Herrn Lebesjätnikoff ein Buch – Physiologie von Lewis – kennen Sie es? Sie las es mit großem Interesse und teilte uns auch einige Abschnitte daraus mit, – das ist ihr ganzes Wissen. Jetzt wende ich mich an Sie, mein Herr, mit einer persönlichen Frage, so von mir aus, – wieviel kann, nach Ihrer Meinung, ein armes, ehrliches, junges Mädchen durch ehrliche Arbeit verdienen? ... Sie wird kaum fünfzehn Kopeken pro Tag verdienen, mein Herr, wenn sie ehrlich ist und keine besonderen Talente hat, und da muß sie, ohne einen Augenblick zu ruhen, ununterbrochen arbeiten! Und dabei hat der Staatsrat Iwan Iwanowitsch Klopstock, – haben Sie von ihm gehört? – bis heute nicht bloß das Geld für Nähen eines halben Dutzend Hemden aus holländischem Leinen nicht bezahlt, sondern hat sie sogar unter Kränkungen hinausgejagt, hat mit den Füßen getrampelt und sie in unanständiger Weise beschimpft, unter dem Vorwande, daß der Hemdkragen nicht nach Maß und dazu schief genäht sei. Und die Kinder sitzen hungrig zu Hause ... Katerina Iwanowna geht händeringend im Zimmer herum und auf ihren Wangen zeigen sich rote Flecke, – was bei dieser Krankheit stets vorkommt. Du lebst bei uns, Müßiggängerin, sagte sie, – ißt, trinkst und genießt die Wärme, – was gibt es aber denn zu essen und zu trinken, wenn die Kinder nicht mal eine Brotrinde drei Tage lang zu sehen bekommen! Ich lag damals berauscht da ... nun, was ist da viel zu sagen, ich lag berauscht da und hörte, wie meine Ssonja sagt – sie ist so still und ihr Stimmchen so sanft ... hellblond ist sie, das Gesichtchen ist immer bleich und mager – also, sie sagt: ‚Wie, Katerina Iwanowna, soll ich denn auf so was eingehen?‘ Darja Franzowna, ein böses und der Polizei gut bekanntes Weib, hatte sich schon dreimal durch unsere Wirtin erkundigt. ‚Was sonst,‘ antwortet Katerina Iwanowna spöttisch. ‚Wozu es hüten? So ein Kleinod!‘ Klagen Sie sie aber nicht an, mein Herr, klagen Sie nicht an, verurteilen Sie nicht! Es war gesagt nicht bei gesundem Verstande, sondern in erregter Stimmung, in Krankheit und beim Anblick der weinenden Kinder, die nichts gegessen hatten, und es war eher um zu kränken, als im genauen Sinne des Wortes gesagt ... Denn Katerina Iwanowna hat nun einmal so einen Charakter, und wenn die Kinder anfangen zu weinen, und sei es aus Hunger, schlägt sie sie sofort. Und da sah ich – es war gegen sechs Uhr – wie Ssonjetschka aufstand, das Tüchlein umnahm, ihr Pelzchen anzog und die Wohnung verließ, in der neunten Stunde aber kam sie zurück. Sie kam, ging direkt zu Katerina Iwanowna und legte schweigend auf den Tisch dreißig Rubel hin. Kein einziges Wörtchen hat sie gesagt, nicht mal hingeblickt; sie nahm unser großes grünes Umlegetuch – wir besitzen so ein gemeinsames Umlegetuch – bedeckte damit den Kopf und das Gesicht ganz und gar und legte sich auf das Bett mit dem Gesichte zur Wand; bloß die schmalen Schultern und der ganze Körper bebten ... Ich aber lag, wie vorher, in demselben Zustande ... Und da sah ich, junger Mann, da sah ich, wie Katerina Iwanowna, ohne ein Wort zu sagen, an das Bettchen von Ssonjetschka herantrat und den ganzen Abend auf den Knien zu ihren Füßen lag, ihr die Füße küßte, nicht aufstehen wollte, und wie sie beide schließlich umschlungen einschliefen ... beide ... beide zusammen ... ja ... und ich lag berauscht da.“

Marmeladoff schwieg, als versage ihm die Stimme. Dann schenkte er sich plötzlich ein, trank schnell aus und krächzte.