„Nein, nicht ganz so, das ist wahr,“ pflichtete Rasumichin wie gewöhnlich eilig und sich ereifernd bei. „Sieh, Rodion, höre mich an und sage dann deine Meinung. Es wäre mir lieb. Ich wollte gestern geradezu aus der Haut fahren, ich wartete auf dich, denn ich hatte ihnen gesagt, daß du kommen wirst ... Es begann mit der Anschauung der Sozialisten. Die Anschauung ist bekannt, – das Verbrechen ist ein Protest gegen die anormale soziale Einrichtung, und – mehr nichts, keine andern Gründe wurden zugelassen, – nichts mehr! ...“

„Da schwindelst du schon!“ rief Porphyri Petrowitsch. Er wurde sichtbar belebter und lachte alle Augenblicke, indem er Rasumichin ansah, der dadurch noch mehr in Hitze kam.

„Sonst wurde nichts zugelassen!“ unterbrach ihn Rasumichin voll Eifer, „ich schwindle nicht! ... Ich will dir ihre Bücher zeigen, – an allem soll die sogenannte ‚gute Gesellschaft schuld sein‘ – und weiter nichts! Das ist ihre Lieblingsphrase! Und daraus geht hervor, daß, wenn die Gesellschaft normal eingerichtet sein wird, mit einem Male auch alle Verbrecher verschwinden werden, weil es nichts mehr geben wird, dagegen zu protestieren, und alle werden auf einmal gerecht werden. Die Natur wird nicht in Betracht gezogen, die Natur wird hinausgejagt, die Natur hat keinen Platz! Bei ihnen wird die Menschheit nicht von selbst sich in eine normale Gesellschaft verwandeln, indem sie den historischen, lebendigen Entwicklungsgang durchmacht, sondern im Gegenteil, ein soziales System, irgendeinem mathematischen Kopfe entsprungen, soll sofort die ganze Menschheit verändern und im Nu sie gerecht und sündenlos machen, ohne jeden historischen und lebendigen Entwicklungsgang, ohne jeglichen lebendigen Prozeß! Darum hassen sie auch so instinktiv die Geschichte, – ‚in ihr kommen bloß Scheußlichkeiten und Dummheiten vor‘, – und alles wird bloß durch Dummheit allein erklärt! Darum lieben sie auch nicht den lebendigen Lebensprozeß, – sie brauchen keine lebendige Seele. Eine lebendige Seele wird Leben verlangen, eine lebendige Seele will nicht einem Mechanismus gehorchen, eine lebendige Seele ist mißtrauisch, eine lebendige Seele ist rückschrittlich! Und bei ihnen kann man die Seele aus Kautschuk machen, tut nichts, daß sie Leichengeruch hat, – sie ist dafür nicht lebendig, ohne Willen, eine Sklavenseele und wird sich nicht empören. Und im Resultate kommt es darauf hinaus, daß sich alles nur um das Zusammensetzen von Ziegelsteinen und um die Lage der Korridore und der Zimmer in der kommunistischen Kolonie dreht! Die kommunistische Kolonie ist fertig, sie verlangt Leben, hat ihren Lebensprozeß noch nicht abgeschlossen, es ist zu früh für sie, auf den Kirchhof zu kommen! Mit der Logik allein kann man nicht die Natur überspringen! Die Logik will drei Fälle voraussetzen, und es gibt ihrer eine Million! Soll man die ganze Million Fälle abschneiden und alles bloß zur Frage des Komforts konzentrieren? Die leichteste Lösung der Aufgabe! Sie ist verlockend einfach und man braucht nicht zu denken! Und das ist die Hauptsache – man braucht nicht zu denken! Das ganze Lebensgeheimnis findet auf zwei Druckbogen Platz!“

„Wie es dich gepackt hat, du schlugst fest die Trommel! Man muß dich festhalten,“ lachte Porphyri Petrowitsch. „Stellen Sie sich vor,“ wandte er sich an Raskolnikoff, „so war es auch gestern abend, und das in einem Zimmer, angefüllt mit sechs Mann, die er dazu noch vorher mit Punsch bewirtet hat, – können Sie sich so was vorstellen? Nein, Bruder, du schwindelst, – ‚die Gesellschaft‘ hat bei einem Verbrechen viel zu bedeuten; das kann ich dir bestätigen.“

„Ich weiß es selbst, daß sie viel zu bedeuten hat, aber sage mir, – wenn ein Vierzigjähriger ein Mädchen von zehn Jahren vergewaltigt, – hat ihn etwa die Gesellschaft, die Umgebung dazu gezwungen?“

„Ja, im strengen Sinne vielleicht auch die Gesellschaft,“ bemerkte Porphyri Petrowitsch mit merkwürdiger Wichtigkeit, „ein Verbrechen an einem kleinen Mädchen kann man sehr, sehr gut durch ‚die Gesellschaft‘ erklären.“

Rasumichin geriet nun fast in Wut.

„Nun, willst du, so werde ich dir sofort beweisen,“ brüllte er „daß du weiße Wimpern einzig und allein darum hast, weil der Turm von Iwan Weliki fünfundsiebzig Meter hoch ist, und ich will es dir klar, genau, fortschrittlich, und sogar mit einem liberalen Anfluge beweisen! Ich übernehme es! Nun, willst du mit mir wetten?“

„Ich nehme die Wette an! Wollen wir mal hören, wie er es beweisen will!“

„Ja, du stellst dich bloß so an, zum Teufel!“ rief Rasumichin aus, sprang von seinem Stuhle und wehrte mit der Hand ab. „Nun, lohnt es sich mit dir zu sprechen? Er tut dies nur absichtlich, du kennst ihn noch nicht, Rodion! Auch gestern war er auf ihrer Seite, bloß, um sie alle anzuführen. Und was er gestern alles sagte, oh Gott! Und die waren um ihn froh! ... Er kann in dieser Weise zwei Wochen aushalten. Im vorigen Jahre erzählte er uns aus irgendeinem Grunde, daß er ins Kloster gehe, – zwei Monate blieb er dabei! Vor kurzem wollte er uns aufbinden, daß er heiraten würde, und daß alles schon zur Hochzeit bereit sei. Sogar einen neuen Anzug hatte er sich bestellt. Wir fingen schon an, ihm zu gratulieren. Keine Braut, nichts war da, – alles Phantasiespiel!“