„Woher haben Sie zu wissen bekommen, daß der Aufsatz von mir ist? Er ist nur mit einem Buchstaben unterzeichnet.“
„Zufällig, und auch erst in diesen Tagen. Durch den Redakteur; ich kenne ihn ... Ich war sehr interessiert.“
„Ich betrachtete, soweit ich mich erinnere, den psychologischen Zustand eines Verbrechers während des ganzen Vorganges.“
„Ja, und Sie behaupteten, daß die Vollbringung eines Verbrechens stets von einer Krankheit begleitet wird. Sehr, sehr originell, aber ... mich interessierte eigentlich nicht dieser Teil Ihres Aufsatzes, sondern ein gewisser Gedanke, der zum Schlusse vorkommt, den Sie aber leider nur unklar andeuteten ... Wenn Sie sich entsinnen, es ist da angedeutet, daß in der Welt offenbar Menschen existieren, die tun können ... das heißt nicht bloß können, sondern volles Recht dazu haben, allerhand Scheußlichkeiten und Verbrechen zu vollbringen, und daß für sie das Gesetz nicht geschrieben ist.“
Raskolnikoff lächelte über die starke absichtliche Verdrehung seiner Idee.
„Wie? Was? Ein Recht auf Verbrechen? Aber doch nicht aus dem Grunde, weil die Gesellschaft schuld ist?“ erkundigte sich Rasumichin voll Schrecken.
„Nein, nein, nicht aus dem Grunde,“ antwortete Porphyri Petrowitsch. „Die ganze Sache dreht sich darum, daß in seinem Aufsatze die Menschen in ‚gewöhnliche‘ und ‚ungewöhnliche‘ eingeteilt werden. Die Gewöhnlichen müssen in Gehorsam leben und haben kein Recht, ein Gesetz zu überschreiten, weil sie – eben Gewöhnliche sind. Und die Ungewöhnlichen haben das Recht, allerhand Verbrechen zu vollbringen und in jeder Weise das Gesetz zu verletzen, und das, weil sie Ungewöhnliche sind. So scheint es mir in Ihrem Aufsatze zu stehen, wenn ich nicht irre?“
„Aber wie ist denn das? Es kann nicht sein, daß es so gemeint ist!“ murmelte Rasumichin zweifelnd.
Raskolnikoff lächelte wieder. Er hatte sofort verstanden, wie die Sache stand und worauf man ihn bringen wollte; er entsann sich der Stelle und beschloß, die Herausforderung anzunehmen.
„Es steht nicht ganz so in meinem Aufsatze,“ begann er schlicht und bescheiden. „Übrigens, ich muß gestehen, daß Sie ihn nahezu richtig wiedergegeben haben, und wenn Sie es wünschen, auch vollkommen richtig ...“ Es paßte ihm anscheinend, zuzugeben, daß der Gedanke vollkommen richtig wiedergegeben war. „Der Unterschied besteht einzig darin, daß ich gar nicht behauptete, daß die ungewöhnlichen Menschen unbedingt allerhand Scheußlichkeiten vollbringen müssen und dazu verpflichtet sind, wie Sie es sagen. Ich glaube auch, daß man einen solchen Aufsatz in der Presse nicht zugelassen hätte. Ich habe einfach angedeutet, daß ein ‚ungewöhnlicher‘ Mensch das Recht habe ... das heißt kein offizielles Recht, sondern in sich selbst das Recht trage, seinem Gewissen zu gestatten ... einige Hindernisse zu überschreiten, und einzig in dem Falle, wenn die Erfüllung seiner Idee, – die zuweilen vielleicht für die ganze Menschheit heilbringend ist, – dieses verlangt. Sie beliebten zu sagen, daß mein Aufsatz nicht deutlich sei; ich bin bereit, ihn Ihnen nach Möglichkeit zu erklären. Ich irre mich vielleicht nicht, wenn ich annehme, daß Sie es wünschen, gut. Meine Ansicht geht dahin, – wenn die Entdeckungen von Newton und Kepler, infolge irgendwelcher Kombinationen, in keiner Weise der Menschheit anders bekannt werden konnten als durch den Verlust des Lebens von einem, zehn, hundert und mehr Menschen, die der Erfindung störend waren, oder ihr als ein Hindernis im Wege standen, so hätte Newton das Recht gehabt und wäre sogar verpflichtet gewesen ... diese zehn oder hundert Menschen zu beseitigen, um seine Erfindungen der ganzen Menschheit bekannt zu machen. Daraus läßt sich übrigens gar nicht schließen, daß Newton das Recht hatte, jeden beliebigen, den ersten besten zu ermorden oder jeden Tag auf dem Markte zu stehlen. Weiter entwickelte ich – soweit ich mich erinnern kann – in meinem Aufsatze, daß alle ... nun, nehmen wir zum Beispiel die Gesetzgeber und Führer der Menschheit, angefangen von den allerältesten Lykurg, Solon bis Mahomet, Napoleon und so weiter herauf: alle waren ohne Ausnahme Verbrecher, schon dadurch allein, daß sie ein neues Gesetz gaben, das alte, von der Gesellschaft heilig geehrte und von den Vätern übernommene Gesetz verletzten, – und sie schraken sicher nicht vor dem Blutvergießen zurück, wenn ihnen nur das Blut, – und es war zuweilen ganz unschuldiges und tapfer für das alte Gesetz vergossenes Blut – helfen konnte. Es ist sogar auffallend, daß der größte Teil dieser Wohltäter und Führer der Menschheit besonders grausame Blutvergießer waren. Mit einem Worte, ich ziehe den Schluß, daß auch alle, nicht bloß die Großen, sondern auch die kaum über das Maß hervortretenden Menschen, das heißt, die auch nur eine geringe Fähigkeit haben, etwas Neues zu sagen, unbedingt ihrer Natur nach mehr oder weniger Verbrecher sein müssen. Anders würde es ihnen schwer fallen, aus dem Gleise herauszukommen; und im Gleise zu bleiben können sie gar nicht wollen, wiederum ihrer Natur nach, und meiner Ansicht nach sind sie sogar verpflichtet, es nicht zu wollen. Mit einem Worte, Sie sehen, daß bis dato etwas besonders Neues nicht in dem Aufsatze steht. Das wurde schon tausendmal gedruckt und gelesen. Was meine Einteilung der Menschen in gewöhnliche und ungewöhnliche anbetrifft, gebe ich zu, daß sie ein wenig willkürlich ist, aber ich klammere mich auch nicht an genaue Zahlen. Ich glaube nur an meinen Hauptgedanken. Er besteht gerade darin, daß die Menschen infolge eines Naturgesetzes überhaupt in zwei Gattungen zerfallen, – eine niedrige, die gewöhnlichen, das heißt sozusagen das Material, das einzig zur Weitererzeugung dient, und eigentliche Menschen, das heißt solche, die die Begabung oder das Talent haben, in ihrem Kreise ein neues Wort zu sagen. Selbstverständlich gibt es hier endlose Unterabteilungen, aber die bezeichnenden Merkmale beider Gattungen sind ziemlich scharf, – die erste Gattung, das heißt das Material, besteht, im allgemeinen gesagt, aus Menschen, die ihrer Natur nach konservativ und gesittet sind, in Gehorsam leben und es lieben, gehorsam zu sein. Meiner Ansicht nach sind sie auch verpflichtet, gehorsam zu sein, denn das ist ihre Bestimmung und dabei ist entschieden nichts Erniedrigendes für sie. Die zweite Gattung, – die überschreiten alle das Gesetz, sind Zerstörer oder neigen dazu, je nach ihren Fähigkeiten. Die Verbrechen dieser Menschen sind selbstverständlich relativ und verschieden; meistens verlangen sie die Zerstörung des Gegenwärtigen im Namen eines Besseren. Wenn er aber seiner Idee wegen, – sagen wir – über eine Leiche schreiten oder Blut vergießen muß, so kann er, meine ich, innerlich von seinem Gewissen aus sich die Erlaubnis geben, über diese Leiche hinwegzuschreiten, – das heißt, je nach der Idee und ihrem Umfange, – halten Sie das fest! Nur in diesem Sinne spreche ich auch in meinem Aufsatze über ihr Recht auf Verbrechen. Sie entsinnen sich doch, daß wir mit einer juristischen Frage anfingen. Übrigens, es ist nicht wert, sich viel aufzuregen, – die Menge erkennt fast nie dieses Recht für sie an, sie läßt sie hinrichten und hängen – mehr oder weniger – und erfüllt dadurch vollkommen richtig ihre konservative Bestimmung, jedoch mit dem Unterschiede, daß dieselbe Menge in den folgenden Generationen die Hingerichteten auf das Piedestal stellen und sie anbeten wird – mehr oder weniger. Die erste Gattung ist immer der Herr der Gegenwart, die zweite – der Herr der Zukunft. Die ersten bewahren die Welt und vermehren sie der Zahl nach; die zweiten bewegen die Welt und führen sie zum Ziele. Wie die einen, so haben auch die anderen das vollkommen gleiche Recht, zu existieren. Mit einem Worte, in meinem Aufsatze haben alle gleich großes Recht und – vive la guerre éternelle[1], – bis zum Neuen Jerusalem, versteht sich!“