„Beginnen sie selbst hinzurichten?“
„Wenn es nötig ist, und wissen Sie, eigentlich meistenteils. Ihre Bemerkung war treffend.“
„Danke. Aber sagen Sie bitte, wie soll man diese Ungewöhnlichen von den Gewöhnlichen unterscheiden? Gibt es etwa bei der Geburt solche Merkmale? Ich meine, daß hier mehr Klarheit, sozusagen mehr äußerliche Genauigkeit sein müßte, – entschuldigen Sie bei mir die natürliche Besorgnis eines praktischen und loyalen Menschen, aber könnte man hier nicht zum Beispiel eine besondere Kleidung einführen, irgend etwas tragen, irgendwie sie kennzeichnen? ... Denn, gestehen Sie selbst, wenn eine Verwechslung stattfindet, und einer aus der einen Gattung sich einbildet, daß er zu der anderen Gattung gehöre und anfängt ‚alle Hindernisse zu beseitigen‘, wie Sie sich sehr treffend ausdrückten, so kann dabei ...“
„Oh, das kommt sehr oft vor! Ihr letzter Einwurf ist noch besser als der vorige ...“
„Danke sehr ...“
„Keine Ursache; aber ziehen Sie doch in Betracht, daß ein Irrtum nur seitens der ersten Gattung, das heißt der ‚gewöhnlichen‘ Menschen, wie ich sie vielleicht sehr unglücklich genannt habe, möglich ist. Trotz ihrer angeborenen Neigung zum Gehorsam lieben es sehr viele von ihnen, aus einem gewissen, lebhaften Naturell, das auch einer Kuh nicht versagt ist, sich einzubilden Fortschrittsmänner, ‚Zerstörer‘, zu sein und glauben es mit einem neuen Worte erreicht zu haben, und sie tun vollkommen aufrichtig. Und die tatsächlich Neuen bemerken sie darüber sehr oft nicht, verachten sie sogar als rückschrittliche und untergeordnete Menschen. Meiner Ansicht nach aber kann hier keine große Gefahr vorliegen, denn sie erreichen nie viel im Leben. Für ihre Verblendung könnte man sie zuweilen züchtigen, um sie an ihren Platz zu erinnern, aber auch nicht mehr; man braucht aber dabei oftmals keinen Vollstrecker, sie werden sich selbst züchtigen, weil sie sehr wohlgesittet sind, – manche erweisen einander diesen Dienst, andere aber tun es eigenhändig ... Sie legen sich dabei allerhand öffentliche Bußen auf, – es macht sich das hübsch und wirkt belehrend: mit einem Worte, Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen ... Für sie besteht ein Gesetz.“
„Nun, in diesem Punkte haben Sie mich wenigstens etwas beruhigt, aber da haben wir noch einen bösen Punkt, – sagen Sie mir bitte, gibt es viele solche Leute, die das Recht haben, andere zu morden, sogenannte ‚Ungewöhnliche‘? Ich bin selbstverständlich bereit, mich vor Ihnen zu beugen, aber Sie müssen doch selbst zugeben, daß es ängstlich ist, wenn es viele von der Art gäbe?“
„Oh, regen Sie sich auch in diesem Punkte nicht auf,“ fuhr Raskolnikoff in demselben Tone fort, „Menschen mit neuen Gedanken, sogar solche, die nur einigermaßen befähigt sind, etwas Neues zu sagen, werden überhaupt ungewöhnlich wenige geboren, sogar merkwürdig wenig. Eines ist mir klar, daß die Ordnung für das Entstehen und Gedeihen aller dieser Kategorien und Subkategorien sehr genau und sicher durch irgendein Naturgesetz bestimmt ist. Dieses Gesetz ist uns selbstverständlich unbekannt, aber ich glaube, daß es existiert und späterhin vielleicht auch einmal bekannt werden wird. Die ungeheure Menge Menschen, das Material existiert bloß in der Welt, um schließlich durch irgendeine Anstrengung, durch einen geheimnisvollen Vorgang, durch eine Kreuzung von Geschlechtern und Gattungen sich zusammen zu fassen und einen einzigen – sagen wir von tausend – einigermaßen selbständigen Menschen in die Welt zu setzen. Mit einer noch größeren Selbständigkeit wird vielleicht nur ein einziger von zehntausend geboren, – ich spreche bildlich. Mit einer noch größeren von hunderttausend ein einziger. Geniale Menschen von Millionen und große Genies, die Vollender der Menschheit, kommen vielleicht zur Welt nach dem Ableben von vielen tausend Millionen Menschen. Mit einem Worte, ich habe keinen Blick in die Retorte geworfen, in der dies alles vorgeht. Aber ein bestimmtes Gesetz existiert unbedingt und muß existieren; hier kann es keinen Zufall geben.“
„Ja, sagt einmal, scherzt ihr etwa beide?“ rief Rasumichin endlich aus. „Führt ihr einander an der Nase herum oder nicht? Sie sitzen und treiben miteinander Spaß! Meinst du es ernst, Rodja?“
Raskolnikoff erhob sein bleiches und fast trauriges Gesicht zu ihm und antwortete nichts. Und merkwürdig erschien Rasumichin, im Vergleiche zu diesem stillen und traurigen Gesichte, der offene, zudringliche, gereizte und unhöfliche, beißende Spott von Porphyri Petrowitsch.