„Ssonja braucht Pomade,“ fuhr er fort, während er auf der Straße ging, und lächelte bitter. „Diese Sauberkeit kostet Geld ... Hm! Ssonjetschka kann vielleicht heute Fiasko machen, denn es ist immer ein Risiko – die Jagd auf dieses Wild ... wie das Graben nach Gold ... da würden sie dann alle ohne mein Geld morgen auf dem Trockenen sitzen ... Ja, die Ssonja! Welch einen Brunnen haben sie zu finden verstanden! Und sie benutzen ihn! Sie benutzen ihn trotz allem! Und haben sich daran gewöhnt! Sie haben geweint und haben sich daran gewöhnt. An alles gewöhnt sich der Schuft – der Mensch!“
Er verfiel in Nachdenken.
„Wenn ich aber gelogen habe,“ rief er plötzlich unwillkürlich aus. „Wenn der Mensch tatsächlich kein Schuft ist, das ganze Geschlecht überhaupt, das heißt das menschliche Geschlecht es nicht ist, so bedeutet das, daß alles Vorurteil ist, bloß eingebildeter Schrecken, und es gibt also keine Hindernisse und so muß es auch sein! ...“
III.
Er erwachte am anderen Tage spät nach einem unruhigen Schlafe; der Schlaf hatte ihn nicht gestärkt. Er erwachte griesgrämig, gereizt und böse, und blickte voll Haß seine Kammer an. Es war ein winziger Raum, sechs Schritt lang, und machte mit seiner gelblichen, staubigen und überall an den Wänden losgelösten Tapete einen kläglichen Eindruck; das Zimmer war so niedrig, daß es einem einigermaßen großen Manne bange wurde, und immer schien es, als könnte man jeden Augenblick mit dem Kopf an die Decke stoßen. Die Möbel entsprachen dem Raume, – es waren drei alte Stühle da, in nicht ganz brauchbarem Zustande, in einer Ecke stand ein gestrichener Tisch, auf dem ein paar Hefte und Bücher lagen; schon aus dem Umstande, wie verstaubt sie waren, konnte man schließen, daß sie lange nicht berührt worden waren. Außerdem stand in dem Zimmer noch ein plumpes, großes Sofa, das fast die ganze Wand und die Hälfte des Zimmers einnahm, einst war es mit Kattun bezogen, jetzt war es zerfetzt; es diente Raskolnikoff als Bett. Er schlief darauf oftmals so, wie er ging und stand, ohne sich auszuziehen, ohne Laken, bedeckt mit einem alten, abgerissenen Studentenmantel, unter dem Kopfe ein kleines Kissen, worunter er alles, was er an Wäsche, reiner und getragener, besaß, stopfte, um die Kopfstelle höher zu machen. Vor dem Sofa stand ein kleines Tischchen. Es hielt schwer, noch verkommener und zerlumpter zu sein, Raskolnikoff aber war das in seiner jetzigen Gemütsverfassung gerade angenehm. Er hatte sich, wie eine Schildkröte in ihrer Behausung, von allen völlig zurückgezogen; und das Gesicht des Mädchens, das verpflichtet war, ihn zu bedienen und das zuweilen in sein Zimmer einen Blick warf, reizte schon seine Galle und verursachte ihm Krämpfe. Das kommt bei manchen Leuten vor, die von einer Manie befallen sind, und die sich auf etwas besonders stark konzentriert haben. Seine Wirtin hatte seit zwei Wochen schon aufgehört, ihm Essen zu geben und er hatte noch nicht gedacht, zu ihr zu gehen, um sich mit ihr auseinanderzusetzen, obwohl er ohne Mittag saß. Nastasja, die Köchin und das einzige Mädchen der Wirtin, war über die Stimmung des Mieters zum Teil froh und hatte aufgehört, sein Zimmer aufzuräumen und auszukehren; ab und zu jedoch, vielleicht einmal in der Woche, ergriff sie, wie zufällig, den Besen. Sie hatte ihn jetzt geweckt.
„Steh auf, was schläfst du!“ rief sie ihm zu. „Es ist schon zehn Uhr. Ich habe dir Tee gebracht. Willst du Tee? Bist wahrscheinlich schon ganz abgemagert?“
Der junge Mann öffnete die Augen, zuckte zusammen und erkannte Nastasja.
„Ist der Tee von der Wirtin?“ fragte er und erhob sich langsam und mit schmerzlicher Miene vom Sofa.
„Was dir einfällt, – von der Wirtin!“
Sie stellte ihre eigene gesprungene Teekanne mit altem aufgebrühtem Tee vor ihm hin und legte zwei Stück gelben Zucker daneben.