Zuweilen blieb er unbeweglich an irgendeinem Gedanken haften.

„Nein, die Menschen sind nicht so gemacht; ein wahrer Herrscher, dem alles erlaubt ist, zerstört Toulon, veranstaltet eine Abschlachtung in Paris, vergißt eine Armee in Ägypten, verbraucht eine halbe Million Menschen im russischen Feldzuge und wird in Wilna durch ein Wortspiel damit fertig; und ihm stellt man nach dem Tode Standbilder auf, – somit ist auch alles erlaubt. Nein, solche Menschen sind offenbar nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Eisen!“

Ein plötzlicher Nebengedanke brachte ihn fast zum Lachen.

„Napoleon, Pyramiden, Waterloo, – und eine magere Beamtenwitwe, Wucherin, mit einer roten Truhe unter dem Bett, – nun, wie soll das – sagen wir selbst Porphyri Petrowitsch – verdauen können! ... Wie sollen sie es auch verdauen! ... Die Ästhetik wird sie hindern. ‚Will ein Napoleon,‘ werden sie sagen, ‚unter das Bett zu einer Alten kriechen!‘ Ach, Unsinn! ...“ Ab und zu fühlte er, daß er phantasiere, – er verfiel dann einer fieberhaften verzückten Stimmung.

„Die Alte ist Unsinn!“ dachte er und wühlte eifrig und heftig seine Gedankengänge weiter:

„Daß es diese Alte war, war vielleicht ein Irrtum, aber die Hauptsache liegt nicht an ihr. Die Alte war nur eine Krankheit ... ich wollte schneller darüber hinweg schreiten ... ich habe nicht einen Menschen getötet, ich habe ein Prinzip getötet! Das Prinzip habe ich wohl getötet, bin aber nicht darüber hinweg geschritten, ich bin auf dieser Seite geblieben ... Ich habe bloß verstanden, zu töten. Auch das habe ich nicht mal verstanden, wie es sich zeigt ... Prinzip? Warum hat vorhin der Dummkopf Rasumichin die Sozialisten gescholten? Sie sind fleißige Leute und arbeitsam; sie beschäftigen sich mit dem ‚allgemeinen Glück‘. Nein, mir ist das Leben einmal gegeben und nie kommt es wieder; ich will nicht auf das ‚allgemeine Glück‘ warten. Ich will auch selbst leben, sonst lieber gar nicht. Was denn? Ich konnte nicht an einer hungrigen Mutter vorbeigehen und meinen Rubel in der Erwartung des ‚allgemeinen Glücks‘ in der Tasche festhalten. ‚Ich trage‘, konnte ich sagen, ‚einen kleinen Stein bei zum allgemeinen Glück, und darum habe ich Seelenruhe.‘ Ha–ha–ha! Warum seid ihr an mir vorbeigegangen? Ich lebe doch bloß einmal, ich will doch auch ... Ach was, ich bin eine ästhetische Laus und mehr nicht,“ fügte er hinzu und lachte plötzlich wie ein Irrsinniger. „Ja, ich bin tatsächlich eine Laus,“ fuhr er fort, indem er sich voll Schadenfreude an den Gedanken klammerte, sich hineinbohrte, mit ihm spielte und sich mit ihm amüsierte, „und schon aus dem Grunde allein, weil ich erstens jetzt darüber räsonniere, daß ich eine Laus bin, und zweitens, weil ich einen ganzen Monat die allgütige Vorsehung belästige, indem ich sie als Zeuge anrief, daß ich es nicht meines Fleisches und meiner Lust willen unternehme, sondern ein prächtiges und herrliches Ziel im Auge habe, – ha–ha–ha! Drittens, weil ich mir vorgenommen hatte, möglichst Gerechtigkeit bei der Ausführung walten zu lassen und Gewicht und Maß, wie auch Berechnung einzuhalten, – von allen Läusen wählte ich die allernutzloseste und beschloß, nachdem ich sie ermordet haben würde, genau so viel zu nehmen, als ich zum ersten Schritt brauche, – nicht mehr und nicht weniger ... und das übrige würde also laut dem Vermächtnis dem Kloster zugefallen sein ... ha–ha–ha! Und zu guter Letzt bin ich selber eine Laus,“ fügte er mit Zähneknirschen hinzu, „weil ich vielleicht selbst noch schlimmer und abscheulicher bin als die getötete Laus, und weil ich im voraus ahnte, daß ich mir dies sagen würde, nachdem ich sie ermordet haben würde! Kann ich denn mit diesem Entsetzen irgend etwas vergleichen! Oh, Trivialität! Oh, Gemeinheit! ... Oh, wie ich den ‚Propheten‘ zu Pferde mit einem Säbel in der Hand begreife, – Allah befiehlt und die ‚zitternden‘ Kreaturen sollen gehorchen! Der ‚Prophet‘ ist tausendmal im Rechte, wenn er irgendwo mitten in der Straße eine aus–ge–zeich–ne–te Batterie aufstellt und auf Unschuldige und Schuldige schießt, ohne sich herabzulassen, eine Erklärung abzugeben! Gehorcht, zitternde Kreaturen und – wünscht nichts, denn – ihr habt nichts zu wünschen! ... Oh, um nichts in der Welt, um keinen Preis will ich der Alten verzeihen!“ Sein Haar war mit Schweiß bedeckt, die bebenden Lippen waren trocken und der unbewegliche Blick auf die Zimmerdecke gerichtet.

„Mutter und Schwester, – wie ich sie geliebt habe! Warum hasse ich sie jetzt? Ja, ich hasse sie, hasse sie physisch, ich kann sie nicht mehr neben mir ertragen ... Vorhin ging ich zur Mutter hin und küßte sie, ich erinnere mich dessen ... Sie zu umarmen und denken zu müssen, wenn sie es wüßte, so ... soll ich ihr es sagen? Man kann mir das zutrauen ... Hm! Sie muß ebenso sein wie ich ...“ fügte er hinzu, mühsam seinen Gedanken verfolgend, als kämpfe er mit dem ihn packenden Fieber. „Oh, wie ich jetzt diese Alte hasse! Ich könnte sie noch einmal ermorden, wenn sie zu sich käme! Arme Lisaweta! Warum kam sie hinzu? ... Sonderbar, warum ich an sie fast gar nicht denke, als hätte ich sie nicht ermordet! ... Lisaweta! Ssonja! Ihr armen sanften Geschöpfe mit euren sanften Augen ... Ihr Lieben! ... Warum weinen sie nicht? Warum stöhnen sie nicht? ... Sie geben alles hin ... blicken sanft und still ... Ssonja, Ssonja! Stille Ssonja! ...“

Er verlor das Bewußtsein; merkwürdig erschien es ihm, daß er sich nicht entsann, wie er auf die Straße gekommen. Es war schon später Abend. Die Dämmerung nahm zu, der volle Mond leuchtete immer heller und heller; aber die Luft war besonders dumpf. Menschen gingen in Haufen in den Straßen; Handwerker und Geschäftsleute wanderten nach Hause; andere gingen spazieren; es roch nach Kalk, Staub und stehendem Wasser. Raskolnikoff schritt traurig und sorgenvoll dahin, – er erinnerte sich sehr gut, daß er zu irgendeinem Zwecke aus dem Hause gegangen sei und daß er etwas tun sollte und sich dabei beeilen müßte, was es aber war, – hatte er vergessen. Plötzlich blieb er stehen und sah, daß auf der anderen Seite der Straße, auf dem Fußwege, ein Mann stand und ihm mit der Hand winkte. Er ging über die Straße zu ihm hin, da wandte sich dieser Mann um, ging weiter, als wäre nichts gewesen, mit gesenktem Kopfe, ohne sich umzuwenden und ohne merken zu lassen, daß er ihn gerufen habe. „Ja, hatte er mich auch gerufen?“ dachte Raskolnikoff und ging ihm nach. Kaum zehn Schritte entfernt von ihm, erkannte er ihn plötzlich – und erschrak; es war der Kleinbürger von vorhin, im selben Schlafrocke und ebenso gekrümmt. Raskolnikoff folgte ihm von weitem; sein Herz klopfte; sie bogen in eine Gasse ein, – der Kleinbürger wandte sich noch immer nicht um.

„Weiß er, daß ich ihm folge?“ dachte Raskolnikoff. Der Kleinbürger trat in das Tor eines großen Hauses. Raskolnikoff ging schnell zu dem Tore hin, um hineinzusehen, ob er sich nicht umschaue und ihn rufen würde. Und in der Tat, als der Kleinbürger durch das Tor geschritten war und schon in den Hof trat wandte er sich wieder um und schien ihm wieder zu winken. Raskolnikoff durchschritt sofort das Tor, aber der Kleinbürger war nicht mehr auf dem Hofe. Also muß er hier die erste Treppe hinaufgegangen sein. Raskolnikoff stürzte ihm nach. Ein paar Treppen höher vernahm man gleichmäßige, nicht eilige Schritte. Sonderbar, die Treppe kam ihm bekannt vor! Hier im ersten Stock ist ein Fenster; durch die Scheiben schimmert traurig und geheimnisvoll der Mond; da ist auch der zweite Stock. Oh! Das ist dieselbe Wohnung, in der die Arbeiter anstrichen ... Wie hatte er das Haus nicht sofort wiedererkennen können? Die Schritte des vorangehenden Menschen waren verhallt, „er ist also stehen geblieben oder hat sich irgendwo versteckt“. Da ist der dritte Stock; soll ich weitergehen? Und welch eine Stille hier herrscht, es ist zum Fürchten ... Er ging jedoch höher hinauf. Das Geräusch seiner eigenen Schritte erschreckte und beunruhigte ihn. Mein Gott, wie dunkel es ist! Der Kleinbürger hat sich sicher irgendwo in einer Ecke versteckt. Ah! Die Wohnung ist weit offen; er dachte nach und trat ein. Im Vorzimmer war es sehr dunkel und leer, keine Menschenseele, als hätte man alles fortgebracht; leise, auf den Fußspitzen ging er in die Wohnstube hinein, – das ganze Zimmer war hell vom Mondenschein überflutet; alles war hier wie vorher, – die Stühle standen da, der Spiegel, das gelbe Sofa und die eingerahmten Bilder. Der große, runde, kupferrote Mond blickte durch die Fensterscheiben hinein. „Diese Stille kommt vom Monde,“ dachte Raskolnikoff, „er gibt jetzt sicher ein Rätsel auf.“ Er stand und wartete, wartete lange, und je stiller der Mond war, um so stärker klopfte sein Herz, es tat ihm sogar weh. Und immer noch diese Stille. Plötzlich ertönte ein kurzes trockenes Knacken, als hätte man einen Holzspan zerbrochen und wieder wurde alles still. Eine aufgewachte Fliege stieß im Fluge an die Scheibe und summte kläglich. Im selben Augenblicke entdeckte er in der Ecke zwischen einem kleinen Schrank und dem Fenster, wie es ihm schien, einen an der Wand hängenden Pelzmantel. „Warum hängt da ein Pelzmantel?“ dachte er, „er war doch früher nicht da ...“ Er trat sehr leise heran und erriet; daß hinter dem Pelzmantel sich jemand versteckt hielt. Er schob vorsichtig mit der Hand den Mantel zur Seite und entdeckte einen Stuhl, und auf dem Stuhle in der Ecke saß die Alte, ganz zusammengekauert und mit gesenktem Kopfe, so daß er das Gesicht gar nicht sehen konnte, aber sie war es. Er stand eine Weile vor ihr; „sie fürchtet sich!“ dachte er; zog dann leise das Beil aus der Schlinge und versetzte der Alten einen Schlag auf den Kopf und noch einen zweiten. Aber merkwürdig, – sie rührte sich nicht bei den Schlägen, als wäre sie aus Holz. Er erschrak, beugte sich über sie und begann sie zu betrachten, da ließ sie den Kopf noch mehr sinken. Er beugte sich dann fast zu Boden und blickte ihr von unten ins Gesicht; er sah sie an und erstarrte, – die Alte saß und lachte, – sie schüttelte sich vor Lachen, ein leises, unhörbares Lachen, sie hielt aus Leibeskräften an sich, damit er es nicht hören solle. Da schien es ihm, als würde die Tür zum Schlafzimmer ein wenig geöffnet, und auch da schien man zu lachen und zu flüstern. Die Wut übermannte ihn, – er begann aus voller Kraft der Alten auf den Kopf zu schlagen, aber mit jedem Schlage hörte man immer stärker das Lachen und Flüstern im Schlafzimmer, und die Alte schüttelte sich nur so vor Lachen. Er stürzte hinaus, da war das ganze Vorzimmer schon voll von Menschen, die Tür zu der Treppe war weit geöffnet und auf dem Flure, auf der Treppe und dort unten standen Menschen, Kopf an Kopf, und blickten alle auf ihn, sie waren alle still, sie schienen auf etwas zu warten und schwiegen! ... Sein Herz krampfte sich, die Füße ließen sich nicht mehr bewegen, waren wie angewachsen ... Er wollte schreien und – wachte auf.

Er holte schwer Atem, – aber merkwürdig, der Traum schien sich immer noch fortzusetzen, – seine Tür war weit geöffnet und auf der Schwelle stand ein völlig unbekannter Mann und betrachtete ihn aufmerksam.