„Was für eine Anatomie?“

„Nun, ich hoffe auf alle diese Klubs und französischen Restaurants und vielleicht noch auf den Fortschritt, – nun, der möge nach unserem Tode kommen,“ fuhr er fort, ohne wieder die Frage zu beachten. „Und was ist das für ein Vergnügen, Falschspieler zu sein?“

„Waren Sie denn auch Falschspieler?“

„Warum denn auch nicht? Wir waren eine ganze Gesellschaft vor acht Jahren und eine höchst anständige; wir vertrieben uns die Zeit, und wissen Sie, es waren alles Menschen mit guten Umgangsformen, es waren Dichter und reiche Leute darunter. Ja, und überhaupt bei uns in der russischen Gesellschaft trifft man bei denen, die schon Prügel bekommen haben, die allerbesten Umgangsformen, – haben Sie es noch nicht gemerkt? Ich bin auf dem Lande ein wenig heruntergekommen. Und trotzdem wollte mich damals ein Griechenkerl aus Njeschin wegen Schulden ins Gefängnis einsperren lassen. Da tauchte Marfa Petrowna auf, handelte ein wenig und löste mich für dreißigtausend Silberlinge aus – im ganzen schuldete ich siebzigtausend. Wir traten in den gesetzlichen Ehestand und sie brachte mich sofort auf ihr Gut, als habe sie einen Schatz gehoben. Sie war um fünf Jahre älter als ich. Liebte mich sehr. Sieben Jahre habe ich dort gelebt. Und stellen Sie sich vor, sie hatte ihr ganzes Leben das Dokument in Händen, es war auf einen fremden Namen über diese dreißigtausend von mir ausgestellt, so daß, wenn ich beabsichtigte, mich gegen sie zu empören, – ich sofort ins Loch gekommen wäre. Und sie hätte es getan! Bei Frauen ist alles möglich.“

„Und wäre das Dokument nicht vorhanden gewesen, so wären Sie auch sicherlich schon lange ausgekniffen?“

„Ich weiß nicht, was ich Ihnen da sagen soll. Dieses Dokument genierte mich fast gar nicht. Ich hatte keine Lust, irgendwohin zu reisen, und Marfa Petrowna riet mir selbst ein paarmal eine Auslandsreise, als sie merkte, daß ich mich langweile. Wozu aber? Im Auslande war ich vorher gewesen und da war es mir immer langweilig. Eigentlich langweilte ich mich nicht, aber sehen Sie, man sieht die Sonne untergehen, ringsum ist das Meer – die Bucht von Neapel, und es wird einem traurig zumute. Am unangenehmsten ist es, daß man tatsächlich Sehnsucht nach Hause bekommt. Nein, in der Heimat ist es besser, – hier schiebt man die Schuld immer den andern zu und nimmt sich selbst in Schutz. Ich würde mich vielleicht jetzt gegebenenfalls an einer Expedition nach dem Nordpol beteiligen, denn – j’ai le vin mauvais[5], es widert mich an, zu trinken, und außer dem Wein bleibt mir nichts übrig. Man sagt, daß Berg am Sonntag im Jussupoffschen Garten in einem großen Ballon aufsteigen will und Mitreisende gegen eine bestimmte Bezahlung auffordert, ist das wahr?“

„Was, Sie wollen wohl mitfliegen?“

„Ich? Nein ... so ...“ murmelte Sswidrigailoff und wurde wirklich nachdenklich.

„Was ist mit dem nur los?“ dachte Raskolnikoff.

„Nein, das Dokument genierte mich nicht,“ fuhr Sswidrigailoff sinnend fort. „Ich verließ freiwillig nicht das Gut. Ja und es wird bald ein Jahr, seit Marfa Petrowna mir zu meinem Namenstage dieses Dokument zurückgab und außerdem mir noch eine nennenswerte Summe schenkte. Sie hatte ein schönes Vermögen. ‚Sehen Sie, wie ich Ihnen vertraue, Arkadi Iwanowitsch‘, wahrhaftig, so sagte sie. Sie glauben nicht, daß sie so gesagt hat? Wissen Sie, ich bin auf dem Lande ein anständiger Hauswirt geworden; man kennt mich im ganzen Umkreise. Ich ließ mir auch Bücher kommen. Marfa Petrowna fand es zuerst gut, später aber fürchtete sie immer, ich könnte mich durch zu vieles Lesen überanstrengen.“