„Was ich meine? Wirklich, ich weiß es nicht ...“ murmelte Sswidrigailoff offenherzig und scheinbar selbst verwirrt vor sich hin. Sie schwiegen etwa eine Minute und blickten einander unablässig an.
„Das ist alles Unsinn!“ rief Raskolnikoff ärgerlich. „Was sagt sie Ihnen denn, wenn sie erscheint?“
„Sie? Stellen Sie sich vor, sie spricht über die geringsten Kleinigkeiten und mögen Sie sich über mich wundern oder nicht, – gerade das ärgert mich. Das erstemal, als sie erschien, – wissen Sie, ich war müde nach der Totenmesse und dem Begräbnis und dem Essen und war in meinem Schreibzimmer allein geblieben, hatte mir eine Zigarre angesteckt und war in Gedanken versunken, – da trat sie also durch die Türe ein und sagte: ‚Arkadi Iwanowitsch, Sie haben heute bei all dem Trubel vergessen, die Uhr im Speisezimmer aufzuziehen.‘ Diese Uhr habe ich tatsächlich all die sieben Jahre jede Woche selbst aufgezogen, und wenn ich es vergessen hatte, erinnerte sie mich stets daran. Am anderen Morgen war ich schon auf der Reise hierher. Ich komme am frühen Morgen auf einer Station an, hatte die Nacht nur wenig geschlummert, fühlte mich zerschlagen, die Augen waren müde, und als ich mir eine Tasse Kaffee nahm, sah ich plötzlich, wie sich Marfa Petrowna neben mich mit einem Kartenspiel in der Hand hinsetzte. ‚Soll ich Ihnen nicht die Karten legen, Arkadi Iwanowitsch?‘ fragte sie mich. Sie war eine Meisterin im Kartenlegen. Nein, ich werde es mir nie verzeihen, daß ich mir die Karten nicht legen ließ. Ich lief im Schrecken fort, es war auch höchste Zeit, denn es wurde zum Abfahren geläutet. Heute sitze ich nun nach einem sehr schlechten Essen aus einer Stadtküche mit schwerem Magen da und rauche, – da erscheint wieder Marfa Petrowna sehr geputzt, in einem neuen grünen Seidenkleide mit einer sehr langen Schleppe. ‚Guten Tag, Arkadi Iwanowitsch!‘ sagte sie. ‚Wie gefällt Ihnen mein Kleid? Anisja kann es nicht so gut machen.‘ Anisja, wissen Sie, ist unsere Schneiderin auf dem Lande, eine frühere Leibeigene, hat ihr Handwerk in Moskau erlernt, – ein hübsches Mädel. Also, Marfa Petrowna steht vor mir und zeigt sich von allen Seiten. Ich besah mir das Kleid und blickte ihr dann aufmerksam ins Gesicht. ‚Was ist es für ein Vergnügen, Marfa Petrowna, wegen solcher Kleinigkeiten zu mir zu kommen und mich zu belästigen.‘ – ‚Ach, mein Gott, man darf Sie auch nicht mal fragen!‘ Und ich sagte ihr, um sie zu necken: ‚Ich will mich verheiraten, Marfa Petrowna.‘ – ‚Das kann man von Ihnen erwarten, Arkadi Iwanowitsch; Sie legen damit nicht viel Ehre ein, da Sie kaum Ihre Frau beerdigt haben und schon heiraten wollen. Und wenn Sie noch gut gewählt hätten, so aber – ich weiß es – werden weder Sie selbst, noch Ihre Auserwählte es gut haben.‘ Darauf ging sie hinaus mit rauschender Schleppe. Ist das nicht alles Unsinn?“
„Ich glaube, das sind alles ausgedachte Lügen?“ erwiderte Raskolnikoff.
„Ich lüge selten,“ antwortete Sswidrigailoff sinnend und als hätte er die Grobheit der Frage gar nicht gemerkt.
„Haben Sie nie vorher Gespenster gesehen?“
„Nein, ich habe wohl ein einziges Mal im Leben vor sechs Jahren ein Gespenst gesehen. Ich hatte einen Diener Filka; gerade, als man ihn beerdigt hatte, rief ich in der Zerstreutheit: ‚Filka, die Pfeife!‘ und er kam herein und ging zu dem Pfeifenständer. Ich saß und dachte, ‚er wird sich wohl rächen wollen‘, denn vor seinem Tode hatten wir uns ordentlich gezankt. ‚Wie, wagst du‘, sagte ich zu ihm, ‚zu mir mit einem zerrissenen Ellenbogen zu kommen, – hinaus, Hallunke!‘ Er wandte sich um, ging hinaus und erschien nie mehr. Ich habe es Marfa Petrowna nicht erzählt. Ich wollte für ihn eine Totenmesse abhalten lassen, aber genierte mich.“
„Gehen Sie zu einem Arzte!“
„Ich weiß auch ohne Sie, daß ich nicht gesund bin, obwohl ich wahrhaftig nicht weiß, wo es mir fehlt; meiner Ansicht nach bin ich sicher fünfmal gesünder als Sie. Ich habe Sie jedoch nicht danach gefragt. Ich habe Sie vielmehr gefragt, glauben Sie, daß es Gespenster gibt?“
„Nein, ich kann um nichts in der Welt daran glauben!“ rief Raskolnikoff wütend aus.