„Wer weiß es denn! Vielleicht bin ich wahrhaftig verrückt, und alles, was in diesen Tagen vorgefallen ist, geschah vielleicht nur in meiner Einbildung ...“
„Ach, Rodja! Man hat dich wieder aufgeregt! ... Ja, was sagte er denn, warum kam er?“
Raskolnikoff antwortete nicht, Rasumichin sann eine Weile nach.
„Nun, höre mir zu,“ begann er. „Ich war bei dir gewesen, da schliefst du. Dann aßen wir zu Mittag und ich ging nachher zu Porphyri. Sametoff war noch immer da. Ich wollte anfangen mit ihm zu sprechen, aber es kam nichts heraus. Ich konnte nie in richtiger Weise beginnen. Sie schienen auch nicht zu begreifen und wollten nichts begreifen und waren gar nicht beschämt. Ich führte Porphyri zum Fenster hin und begann zu sprechen, aber es kam wieder nichts dabei heraus, – er blickte zur Seite und ich blickte zur Seite. Schließlich streckte ich ihm die Faust drohend entgegen und sagte, daß ich ihn in verwandtschaftlicher Weise zerschmettern werde. Er sah mich bloß an und sagte nichts. Ich ließ die Sache fallen und ging weg, das ist alles. Sehr dumm, nicht wahr. Mit Sametoff redete ich kein Wort. Siehst du aber, – ich dachte anfangs, ich habe die Sache verschlimmert, aber wie ich die Treppe hinunterstieg, kam mir, nein besser, erleuchtete mich der Gedanke, warum beunruhigen wir uns eigentlich? Wenn dir wenigstens eine Gefahr drohen würde oder etwas ähnliches in Aussicht wäre, nun, dann wäre es verständlich! Was geht es aber dich an? Du hast mit der Sache nichts zu tun, also pfeife auf sie; wir werden noch später über sie lachen und ich würde an deiner Stelle sie noch mystifizieren. Wie sie sich nachher schämen werden! Pfeif darauf; wir können sie auch nachher verprügeln, jetzt aber wollen wir über sie lachen!“
„Du hast recht, versteht sich!“ antwortete Raskolnikoff.
„Aber was wirst du morgen sagen?“ dachte er sofort.
Sonderbar, bis jetzt war ihm noch nie der Gedanke gekommen, „was wird Rasumichin denken, wenn er es erfährt?“ Und bei diesem Gedanken blickte Raskolnikoff ihn gespannt an. An dem jetzigen Berichte Rasumichins über seinen Besuch bei Porphyri hatte er weniger Interesse, – seit der Zeit war vieles verschwunden und hinzugekommen! ...
Im Korridor stießen sie mit Luschin zusammen, – er war punkt acht Uhr erschienen und suchte das Zimmer, so daß alle drei zugleich eintraten, ohne aber einander anzublicken und ohne sich zu grüßen. Die jungen Leute gingen sofort in die Stube hinein, Peter Petrowitsch verblieb aus Anstand eine Weile im Vorzimmer und nahm den Mantel ab. Pulcheria Alexandrowna ging ihm sofort entgegen, um ihn an der Schwelle zu empfangen. Dunja begrüßte den Bruder.
Peter Petrowitsch trat ein und verneigte sich ziemlich liebenswürdig, aber auch mit besonderer Zurückhaltung vor den Damen. Er sah aus, als wäre er ein wenig verwirrt und als ob er sich noch nicht gefaßt hätte. Pulcheria Alexandrowna, auch ein wenig aufgeregt, beeilte sich sofort, alle um einen Tisch, auf dem ein Samowar brannte, zu placieren. Dunja und Luschin setzten sich einander gegenüber zu beiden Seiten des Tisches. Rasumichin und Raskolnikoff kamen Pulcheria Alexandrowna gegenüber zu sitzen, – Rasumichin neben Luschin, Raskolnikoff neben der Schwester.
Es trat Schweigen ein. Peter Petrowitsch zog langsam ein Batisttaschentuch hervor, das nach Parfüm duftete und schneuzte sich mit der Miene eines tugendhaften, in seiner Würde gekränkten Menschen, der fest entschlossen ist, Erklärungen zu verlangen. Im Vorzimmer war ihm der Gedanke gekommen, – den Mantel nicht abzunehmen und fortzugehen und dadurch die Damen streng und nachdrücklich zu bestrafen, um sie mit einem Male ihr Unrecht fühlen zu lassen. Aber er konnte sich nicht dazu entschließen. Außerdem liebte er keine Ungewißheit, und hier galt es, festzustellen, aus welchem Grunde sein Befehl so offensichtlich nicht befolgt wurde, es mußte irgend etwas Besonderes sein, und so war es besser abzuwarten; zu strafen war immer Zeit genug, es lag ja in seinen Händen.