Rodion Raskolnikoff

Die beiden gleichzeitigen und doch so verschiedenen Auseinandersetzungen des russischen Geistes mit Napoleon als der Verkörperung des westeuropäischen Geistes – gleichsam zwei Wiederholungen des Jahres 1812 – sind in der russischen Literatur: „Krieg und Frieden“ und „Rodion Raskolnikoff“.

Die erste Auseinandersetzung hat nicht mit einem Siege, sondern nur mit einer Religionsverdrehung geendet. Ob der russische Geist auch in der zweiten eine Niederlage erlitten hat oder nicht, das bleibe dahingestellt. Jedenfalls hat er hier gezeigt, daß er würdig ist, seine Kräfte mit einem solchen Gegner wie Napoleon zu messen, hier ist er dem Feinde entgegengetreten – ... Auge in Auge, wie es dem Kämpfer im Kampfe gebührt.

Dostojewski hat vor uns die Kraftlosigkeit der napoleonischen Idee aufgedeckt, nicht die politische und nicht einmal die sittliche Kraftlosigkeit, sondern die religiöse: bevor man in Europa die Idee der altrömischen Monarchie, die Idee des universalen Caesar-Vereinigers, des Menschengottes auferweckte, mußte man zuerst die entgegengesetzte Idee der christlichen universalen Vereinigung, die Idee des Gottmenschen überwinden. Doch der historische Napoleon hat diese Idee in seinen Taten ganz ebensowenig bewältigt, wie Napoleon-Raskolnikoff es in der Anschauung tat, ja, sie sind nicht einmal an sie herangetreten, sie haben sie überhaupt nicht gesehen. Wenn dieser Napoleon Raskolnikoff tatsächlich ein „Prophet zu Pferde mit dem Schwert in der Hand“ erscheint, so ist er doch immerhin – ohne einen „neuen Koran“, ein Prophet nicht von Gott und nicht gegen Gott, sondern nur ohne Gott; und in diesem Sinne ist er natürlich – Pseudoantichrist. „Wenn es Gott nicht gibt, so bin ich Gott!“ folgert der irrsinnige und furchtlose Kiriloff – nicht etwa deswegen furchtlos, weil irrsinnig? „Wenn ich es mir einfallen ließe, mich für Gottes Sohn auszugeben, so würde man mich in allen Jahrmarktsbuden verspotten!“ meinte der nicht gar zu vorsichtige und vernünftige Napoleon. Versteht sich, hier ist vom Erhabenen, vom Furchtbaren zum Lächerlichen – „nur ein Schritt“. Ist aber die Furcht vor dem Lächerlichen bei Napoleon nicht zu gleicher Zeit eine ebenso lächerliche Furcht, wie die Furcht des Usurpators vor der Krone des legitimen Nachfolgers? „Gott hat sie mir gegeben. Wehe dem, der an sie rührt.“ – Hat sie wirklich Gott selbst gegeben? – Noch niemand hat ihn mit einem so höhnischen Lächeln danach gefragt, niemand hat mit einer solchen Vermessenheit an seine Krone gerührt wie Dostojewski.


„Ich wollte ein Napoleon werden, darum erschlug ich. Ich stellte mir einmal die Frage: wie, wenn zum Beispiel an meiner Stelle Napoleon gewesen wäre und er weder Toulon noch Ägypten, noch einen Übergang über den Montblanc gehabt hätte, um seine Laufbahn zu beginnen, sondern anstatt all dieser schönen und großartigen Dinge nur irgendein lächerliches Weib, eine alte Registratorenwitwe, die er noch dazu hätte erschlagen müssen, um aus ihrem Kleiderkasten Geld stehlen zu können (für den Anfang seiner Laufbahn – du verstehst doch?). Nun also, würde er sich denn dazu entschlossen haben, wenn ein anderer Ausweg für ihn nicht möglich gewesen wäre? Hätte ihn das nicht abgestoßen, weil es doch gar zu wenig ‚großartig‘ war und ... Sünde wäre? Nun sieh, ich sage dir, über dieser ‚Frage‘ habe ich mich entsetzlich lange abgequält, so daß ich mich fürchterlich schämte, als ich endlich erriet (ganz plötzlich, irgendwie), daß es ihn nicht nur niemals abgestoßen haben würde, sondern ihm sogar überhaupt nicht in den Sinn gekommen wäre, daß so etwas gar nicht ‚großartig‘ sei ... Er hätte sogar überhaupt nicht begriffen, was ihn dabei abstoßen könnte, und sobald das nur sein einziger Ausweg gewesen wäre, würde er sie in einer Weise erwürgt haben, daß ihr nicht einmal Zeit zum Mucksen geblieben wäre, – ohne das geringste Bedenken! Nun, und ich ... befreite mich von den Bedenken, erwürgte – nach dem Beispiel seiner Autorität ... Und so war es auch buchstäblich.“

Raskolnikoff begreift nur zu gut den Unterschied zwischen Napoleons „geglücktem“ und seinem eigenen „mißglückten“ Verbrechen, aber nur den ästhetischen, den Unterschied in der „Form“ und in der Eigenart der geistigen Kraft. Er vergleicht sein Verbrechen mit den blutigen Heldentaten berühmter, gekrönter, historischer Verbrecher, doch Dunja, seine Schwester, protestiert gegen einen solchen Vergleich: „Aber das ist doch etwas ganz anderes, Bruder, das ist doch nie und nimmer dasselbe!“ – Da ruft er wie rasend aus: „Ah! Es ist nicht dieselbe Form! Es hat kein so ästhetisch schönes Äußere! Ich aber verstehe wirklich nicht, warum eine regelrechte Schlacht, mit Kanonenkugeln auf die Menschen feuern – eine ehrenwertere Form sein soll? Die Furcht vor dem Unästhetischen ist das erste Anzeichen der Kraftlosigkeit!“ – „Napoleon, die Pyramiden, Waterloo – und eine hagere, häßliche Registratorenwitwe, eine alte Wucherin mit einem roten Koffer unter dem Bett, – nun, wie soll das selbst ein Porphyri Petrowitsch (der Untersuchungsrichter) verdauen! ... Wie sollen die an ein solches Problem heranreichen! ... Die Ästhetik stört: ‚wird denn‘, heißt es, ‚Napoleon unter das Bett eines alten Weibes kriechen?‘“

Ja, gerade die konventionelle Ästhetik, die Rhetorik der Lehrbücher, jene historische Lüge, die wir mit der Milch unserer erziehenden Mutter, der Schule, einsaugen, entstellt und verunstaltet unsere sittliche Wertung der universalhistorischen Erscheinungen. Von dieser „ästhetischen“ Schale wird nun Raskolnikoff durch die Frage nach den Verbrechen der Helden befreit, wird von ihr, wie Sokrates sagt, „vom Himmel auf die Erde herabgeführt“, d. h. von jener abstrakten Höhe, wo die akademische Vergötterung der Großen stattfindet, auf die Ebene des lebendigen Lebens: und er stellt uns Angesicht gegen Angesicht dieser Frage in ihrer ganzen grauenvollen Einfachheit und Verschlungenheit gegenüber. Hat doch ein jeder von uns, uns Nichthelden, wenigstens einmal im Leben mehr oder weniger bewußt für sich entscheiden müssen, so wie Raskolnikoff es tut: „Bin ich zitternde Kreatur oder habe ich das Recht,“ bin ich ein „Fressender“ oder ein „Gefressener“? Und diese Frage, dem Anscheine nach die der umfassendsten und allgemeinsten universalhistorischen Anschauung, ist hier mit der ersten und wichtigsten sittlichen Frage jedes einzelnen Menschenlebens, jeder einzelnen menschlichen Persönlichkeit untrennbar eng verbunden. Ohne diese Frage mit dem Verstande und dem Herzen gelöst zu haben – oder hat man sie nur mit dem Verstande oder nur mit dem Herzen gelöst, – kann man nicht leben, kann man keinen Schritt im Leben tun.

Wenn wir uns nun von der „Furcht vor der Ästhetik“ befreien, werden wir dann nicht zugeben, daß der erste, sagen wir mathematische Ausgangspunkt der sittlichen Bewegung Napoleons und Raskolnikoffs – ein und derselbe ist? Beide sind sie aus derselben Nichtigkeit hervorgegangen: der kleine Korsikaner, der auf die Straßen von Paris hinausgeworfen war, der Fremdling ohne Titel, ohne Herkunft, dieser Bonaparte – ist ganz ebenso ein unbekannter Vorübergehender, ein junger Mann, „der einmal in der Dämmerstunde aus seiner Dachkammer heraustrat,“ wie der Student der Petersburger Universität Rodion Raskolnikoff. „Er war auffallend schön, er hatte dunkle Augen und dunkelblondes Haar, war schlank und wohlgestaltet“ – das ist alles, was wir zu Anfang der Tragödie von Raskolnikoff wissen, und nur ein wenig mehr wissen wir von – Napoleon. Das „Menschenrecht“ und die „Freiheit“, die die „Große Revolution“ erobert hatten, sind für beide in erster Linie das Recht und die Freiheit, vor Hunger zu sterben; „Gleichheit und Brüderlichkeit“ sind für sie Gleichheit und Brüderlichkeit mit denen, die von ihnen verachtet oder gehaßt werden. Beim Anblick dieser „Nächsten“ und „Gleichen“ – sagt Dostojewski von Raskolnikoff – „drückte sich die Empfindung des tiefsten Ekels in den feinen Zügen des jungen Mannes aus“, und wir können dabei ebensogut an Napoleon denken. Brüderlichkeit und Gleichheit – tiefster Ekel; Freiheit – tiefste Verschmähung, Einsamkeit. Weder Vergangenheit noch Zukunft. Weder Hoffnungen, noch Überlieferungen. „Ein einziger gegen alle, sterbe ich morgen, bleibt nichts von mir übrig“ – das ist die erste Empfindung beider. Und der Einfall dieser „zitternden Kreatur“, ein „Herrscher“ zu werden, wäre ein ebenso verrückter Einfall – oder Größenwahnsinn – bei Napoleon wie bei Raskolnikoff: zuerst ins Krankenhaus, dann in die Zwangsjacke und – aus ist es. Raskolnikoff hat vor Napoleon sogar einen gewissen Vorzug: er sieht nicht nur die äußeren, sondern auch die inneren Schranken und Hindernisse, die er „übertreten“ muß, um „das Recht zu haben“. Napoleon sieht sie überhaupt nicht. Übrigens war vielleicht gerade diese Blindheit teilweise die Quelle seiner Kraft – allerdings nur bis zu einer gewissen Zeit: zu guter Letzt wird der Mangel an Erkenntnis jeglicher Kraft doch nicht verziehen; und auch Napoleon wurde dieser Mangel nicht verziehen. Raskolnikoff erkühnt sich zu Größerem, weil er mehr, weil er Größeres sieht. Hätte er gesiegt, so wäre sein Sieg endgültiger, unumstößlicher gewesen, als der Sieg Napoleons. In jedem Fall aber ist infolge der Gleichheit oder Einheit des Ausgangspunktes, trotz des ganzen unermeßlichen Unterschiedes der zurückgelegten Wege, das sittliche Gericht über Raskolnikoff zu gleicher Zeit auch Gericht über Napoleon. Die Frage, die in „Rodion Raskolnikoff“ erhoben wird, ist dieselbe Frage, die Tolstoj in „Krieg und Frieden“ erhebt; der ganze Unterschied besteht nur darin, daß Tolstoj sie umfängt, während Dostojewski sich in sie vertieft; der eine tritt von außen an sie heran, der andere von innen; bei dem einen ist es Beobachtung, beim anderen Experiment.

Die Revolution war ein ungeheurer politischer, schon in viel geringerem Maße sozialer, die Stände betreffender, und überhaupt kein moralischer Umsturz. „Du sollst nicht töten“, „du sollst nicht stehlen“, „du sollst nicht ehebrechen“ – alles ist geblieben, wie es war, wie es die Tafeln Moses vorschreiben; alles hat, ganz abgesehen von den äußeren kirchlichen und monarchischen Überlieferungen, seine innere sittliche Notwendigkeit vor dem Henker (Robespierre), ebenso wie vor dem Opfer (Louis XVI.) aufrecht erhalten. Trotz der „Göttin der Vernunft“ war Robespierre ein ebensolcher „Deïst“ wie Voltaire, und trotz der Guillotine ein ebensolcher „Menschenfreund“ wie Jean Jacques Rousseau. Man muß seinen Nächsten lieben, man muß sich für seine Nächsten opfern – dem widersprach kein einziger, weder die Henker, noch die Opfer. Hierbei vollzog sich keinerlei Umwertung der sittlichen Werte. Die Persönlichkeit war der Allgemeinheit in der neuen Regierungsform nicht etwa weniger untergeordnet, sondern mehr. Bei der mittelalterlichen Verfassung war diese Unterordnung ganz natürlich, innerlich bedingt, nicht willkürlich gewesen, war die Unterordnung des einen Gliedes im lebendigen Volkskörper unter ein anderes durch eine vielleicht sogar falsch aufgefaßte, aber immerhin religiöse, uneigennützige Idee. Jetzt wird die Politik zur Mechanik; die Persönlichkeit ordnet sich dem äußeren Zwang des „Gesellschaftsvertrages“ unter – der Stimmenmehrheit; sie wird zum Hebel inmitten aller Hebel der vernünftig und richtig gebauten Maschine, zur Eins unter Einern, zur mathematisch berechenbaren Ziffernhöhe dieser Mehrheit. Der Druck der neuen anmaßenden Freiheit war, wie es sich erwies, furchtbarer als der Druck der alten unverhohlenen Knechtschaft.