„Ich hatte noch vor kurzem wirklich die Absicht, Rasumichin um Arbeit zu bitten, daß er mir Stunden oder etwas anderes verschaffen solle ...“ dachte Raskolnikoff. – „Aber womit kann er mir jetzt helfen? Gesetzt den Fall, er verschafft mir Stunden, ja, gesetzt den Fall, er teilt mit mir sein letztes Gerstchen, wenn er eines hat, so daß ich mir selbst Stiefel kaufen und meine Kleidung instand setzen kann, um Stunden zu geben ... hm ... Aber was weiter? Was kann ich mit den paar Groschen machen? Ist es das, was ich jetzt brauche? Es ist lächerlich, daß ich zu Rasumichin gehe ...“

Die Frage, warum er jetzt zu Rasumichin gehe, beunruhigte ihn mehr, als er sich selbst eingestehen wollte, und voll Unruhe suchte er eine böse Bedeutung in dieser anscheinend ganz gewöhnlichen Handlung.

„Wie will ich nur die ganze Angelegenheit durch Rasumichin in Ordnung bringen, habe ich denn als letzten Ausweg nur Rasumichin gefunden?“ fragte er verwundert sich selbst.

Er dachte nach und rieb sich die Stirn, und plötzlich, ganz unerwartet, überraschte ihn nach langem Sinnen ein neuer Gedanke.

„Hm ... zu Rasumichin ...“ sagte er auf einmal völlig ruhig, wie fest entschlossen. „... zu Rasumichin gehe ich bestimmt ... aber nicht jetzt ... Ich will zu ihm hingehen ... am andern Tage nach dem ... wenn das schon vorbei ist, und wenn ich von vorne anfange ...“

Da kam er zu sich.

„Nach dem,“ rief er aus und sprang von der Bank auf. „Ja, wird das überhaupt geschehen? Wird es tatsächlich geschehen?“

Er ging fort, ja er rannte beinahe fort; er wollte nach Hause zurückkehren, doch das war ihm entsetzlich, zu Hause, – dort in der Ecke, zwischen den vier öden Wänden, über einen Monat schon reifte der grausige Plan – und er ging, wohin die Füße ihn führten.

Sein nervöses Zittern ging in ein fieberhaftes über; er empfand Schüttelfrost, Frost in dieser Hitze! Fast bewußtlos, mit großer Überwindung begann er alles, was ihm begegnete, zu betrachten, als suche er Zerstreuung, aber das gelang ihm schlecht, er überraschte sich immer wieder bei seinem Gespenst. Wenn er aber auffahrend wieder den Kopf erhob und sich ringsum umblickte, vergaß er sofort, worüber er soeben nachgedacht hatte und wo er war. In dieser Weise durchwanderte er den ganzen Wassiljew Ostroff, kam zu der kleinen Newa hinaus, überschritt die Brücke und wandte sich den Inseln zu. Das frische Grün und die erquickende Luft taten seinen müden Augen wohl, die an Stadtstaub, Kalk und an beengende und bedrückende Häuser doch gewöhnt waren. Hier gab es weder eine dumpfe Luft, noch Gestank, noch Schenken. Doch es währte nicht lange, und es gingen auch diese neuen angenehmen Empfindungen in krankhafte und aufregende über. Ab und zu blieb er vor einer aus üppigem Grün lugenden Villa stehn, blickte durch den Zaun hindurch und sah in der Ferne auf den Balkonen und Terrassen elegante Frauen und in den Gärten spielende Kinder. Besondere Aufmerksamkeit schenkte er den Blumen, sie schaute er am längsten an. Er begegnete auch schönen Wagen, Reitern und Amazonen, verfolgte sie voll Neugier mit den Blicken und vergaß sie, wenn sie kaum seinen Augen entschwunden waren. Einmal blieb er auch stehn und zählte sein Geld nach – es waren etwa dreißig Kopeken.

„Zwanzig gab ich dem Schutzmann, drei für den Brief an Nastasja, also habe ich gestern Marmeladoffs siebenundvierzig oder fünfzig Kopeken hinterlassen,“ dachte er, indem er aus irgendeinem Grund nachrechnete, bald aber hatte er vergessen, warum er das Geld aus der Tasche hervorgeholt hatte.