„Sie hat einen Brief erhalten?“ wiederholte Raskolnikoff nachdenklich.
„Ja, einen Brief, und du weißt nichts davon? Hm!“ Beide schwiegen eine Weile.
„Lebwohl, Rodion. Ich, Bruder ... es gab eine Zeit ... übrigens aber, lebwohl; siehst du, es gab eine Zeit ... Nun, lebwohl! Ich muß auch gehen. Ich werde nicht trinken. Jetzt ist es nicht mehr nötig ... wird nicht gemacht!“
Er hatte Eile, aber als er schon draußen war und die Türe fast geschlossen hatte, öffnete er sie plötzlich wieder und sagte, indem er zur Seite blickte:
„Apropos! Erinnerst du dich dieses Mordes, der Sache, die Porphyri Petrowitsch führt, – der Ermordung der Alten? Nun, du sollst wissen, daß der Mörder gefunden ist, er hat alles eingestanden und alle Beweise geliefert. Stell dir vor, es ist einer von denselben Arbeitern, den Anstreichern, die ich – erinnerst du dich – noch bei dir im Zimmer verteidigte. Kannst du es glauben, er hat diese ganze Szene mit der Schlägerei und dem Lachanfall auf der Treppe mit seinem Kameraden, als der Hausknecht und die zwei Zeugen hinaufgingen, – absichtlich vorgeführt und zwar um jeden Verdacht von sich abzulenken. Welch eine Schlauheit, welch eine Geistesgegenwart in so einem jungen Hunde steckt! Es ist schwer zu glauben; er hat aber selbst die Sache aufgeklärt, alles selbst eingestanden! Und wie ich hereingefallen bin! Nun, meiner Ansicht nach ist er bloß ein Genie der Verstellung und Geschicklichkeit, ein Genie gegenüber juristischer Verhörskunst, – folglich ist hier nichts staunenswertes! Kann es denn nicht auch solche Genies geben? Und weil er es nicht bis zu Ende durchgeführt, sondern eingestanden hat, aus dem Grunde glaube ich ihm noch mehr. Es ist überzeugender! ... Aber wie ich damals hereingefallen bin! Ich kletterte ja um ihretwillen an die Wände hinauf!“
„Sage mir bitte, woher hast du es erfahren, und warum interessiert es dich so sehr?“ fragte ihn Raskolnikoff sichtbar erregt.
„Nun, was frägst du bloß! Warum sollte es mich nicht interessieren! Das ist auch eine Frage! ... Ich habe es unter anderem von Porphyri Petrowitsch erfahren. Übrigens, ich habe fast alles durch ihn erfahren.“
„Von Porphyri Petrowitsch?“
„Ja, von Porphyri Petrowitsch.“
„Was ... was meint er?“ fragte Raskolnikoff angstvoll.