Wieder standen sie eine Minute lang einander gegenüber. Schließlich veränderte sich das Gesicht Sswidrigailoffs. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß Raskolnikoff seine Drohung nicht fürchtete, nahm er plötzlich eine sehr lustige und freundliche Miene an.

„Wie sonderbar Sie sind! Ich habe absichtlich mit Ihnen kein Wort über Ihre Sache gesprochen, obwohl mich selbstverständlich die Neugier plagt. Es ist eine phantastische Geschichte. Ich hätte es bis auf ein andermal verschoben, aber wirklich, Sie sind fähig, einen Toten zu reizen ... Nun, gehen wir, ich sage Ihnen aber im voraus, – ich gehe jetzt bloß auf einen Augenblick nach Hause, um Geld zu holen; dann schließe ich die Wohnung ab, nehme eine Droschke und fahre für den ganzen Abend auf die Insel. Wollen Sie mir da folgen?“

„Ich gehe vorläufig in die Wohnung mit, und auch nicht zu Ihnen, sondern zu Ssofja Ssemenowna, um mich zu entschuldigen, daß ich nicht beim Begräbnis war.“

„Tun Sie, wie Sie wünschen, aber Ssofja Ssemenowna ist nicht zu Hause. Sie ist mit allen Kindern zu einer Dame gegangen, zu einer sehr vornehmen alten Dame, zu einer alten Bekannten von mir aus früheren Zeiten, die Vorstandsmitglied von einigen Waisenanstalten ist. Ich habe diese Dame bezaubert, indem ich für alle drei Sprößlinge von Katerina Iwanowna Geld deponierte und außerdem den Anstalten eine Schenkung machte; schließlich erzählte ich ihr die Geschichte von Ssofja Ssemenowna, mit all ihren Einzelheiten, ohne etwas zu verheimlichen. Das machte einen unbeschreiblichen Eindruck. Darum wurde auch Ssofja Ssemenowna für heute noch in das –sche Hotel bestellt, wo, aus der Sommerfrische kommend, meine Dame einstweilen abgestiegen ist.“

„Tut nichts, ich werde doch zu ihr gehen.“

„Wie Sie wollen, ich bin Ihnen bloß kein Weggenosse; mir ist’s einerlei. Wir sind gleich da. Sagen Sie mir, ich bin überzeugt, daß Sie mich aus dem Grunde so argwöhnisch betrachten, weil ich selbst so zartfühlend war und Sie bis jetzt mit Fragen nicht belästigt habe ... Sie verstehen mich? Ihnen erschien dies ungewöhnlich; ich gehe eine Wette ein, daß es so ist! Nun, da soll man noch zartfühlend sein.“

„Und an der Türe horchen!“

„Ah, Sie meinen damals!“ lachte Sswidrigailoff, „ja, ich würde erstaunt sein, wenn Sie nach all dem vorher Gesagten dieses nicht erwähnt hätten. Ha! ha! Ich habe wohl einiges davon verstanden, was Sie damals ... dort ... losgelassen und Ssofja Ssemenowna selbst erzählt haben, aber was ist es denn eigentlich? Ich bin vielleicht ein vollkommen zurückgebliebener Mensch und kann schon nichts mehr begreifen. Erklären Sie es mir um Gotteswillen, mein Lieber! Erleuchten Sie mich mit den allerneuesten Ideen!“

„Sie konnten nichts gehört haben, Sie lügen!“

„Ja, ich meine gar nicht dies, – obwohl ich übrigens einiges auch gehört habe, – nein, ich meine, daß Sie immer ächzen und stöhnen! Der Schiller in Ihnen wird alle Augenblicke rebellisch. Jetzt sagen Sie auch, man soll nicht an fremden Türen lauschen. Wenn das Ihre Meinung ist, so gehen Sie doch und sagen den Behörden, daß mit Ihnen solch ein Kasus geschehen ist, – in der Theorie nur ist ein kleiner Irrtum unterlaufen. Wenn Sie aber überzeugt sind, daß man bei fremden Türen nicht lauschen darf, aber alte Weiber zu seinem Vergnügen umbringen kann, so fahren Sie schnell irgendwohin nach Amerika! Fliehen Sie, junger Mann! Vielleicht ist noch Zeit dazu. Ich sage es Ihnen aufrichtig. Haben Sie etwa kein Geld? Ich will Ihnen zur Reise geben.“