Er stürzte sich in aller Hast auf das Beil (es war ein solches) und zog es unter der Bank, wo es zwischen zwei Holzscheiten lag, hervor; befestigte es gleich in der Schlinge, steckte beide Hände in die Taschen und verließ die Kammer. Niemand hatte es gesehen!
„Wenn der Verstand nicht hilft, so tut es der Teufel!“ dachte er mit einem sonderbaren Lächeln. Dieser Zufall hatte ihn außerordentlich ermutigt.
Er ging langsam und bedächtig, ohne sich zu beeilen, um ja keinen Verdacht zu erwecken. Er sah die Vorübergehenden wenig an, versuchte ihnen nicht ins Gesicht zu sehen, um selber möglichst unerkennbar zu sein. Plötzlich fiel ihm sein Hut ein. „Mein Gott! Geld hatte ich vorgestern noch gehabt und bin nicht auf den Gedanken gekommen, mir eine Mütze zu kaufen!“
Ein Fluch kam über seine Lippen. Als er zufällig in einen Laden hineinblickte, sah er, daß die Wanduhr dort schon zehn Minuten über sieben zeigte. Nun mußte er sich beeilen und gleichzeitig einen Umweg machen, – er wollte das Haus von der anderen Seite erreichen ... Früher, als er ab und zu sich dies alles in der Phantasie vorstellte, hatte er gemeint, daß er große Angst haben werde. Aber er fürchtete sich jetzt nicht besonders, ja eigentlich gar nicht. In diesem Augenblicke beschäftigten ihn selbst ganz andere Gedanken, doch nur immer kurze Zeit. Als er an dem Jussupowschen Garten vorbeiging, vertiefte er sich ziemlich stark in die Idee, hohe Springbrunnen zu errichten, und malte sich aus, wie gut sie die Luft auf allen Plätzen erneuern würden. Allmählich kam er zu der Überzeugung, daß, wenn man den Sommergarten über den ganzen Exerzierplatz erweitern und ihn womöglich mit dem Michailoffschen Schloßpark vereinigen würde, die Stadt dadurch einen schönen großen Nutzen haben würde. Dabei interessierte ihn wiederum die Frage, warum gerade in allen großen Städten der Mensch nicht bloß aus reiner Notwendigkeit, sondern aus anderen Gründen geneigt ist, sich in solchen Stadtteilen niederzulassen und zu leben, wo es keine Gärten, keine Springbrunnen gibt, wo Schmutz und Gestank und allerhand Abscheuliches herrscht. Es kamen ihm auch seine eigenen Spaziergänge über den Heumarkt in den Sinn, und er besann sich auf sein Vorhaben.
„Was für ein Unsinn!“ dachte er. „Nein, besser, ich denke an gar nichts.“
„Wahrscheinlich in ähnlicher Weise heften sich die Gedanken derer, die man zur Hinrichtung führt, an alle Gegenstände, die sie auf ihrem Wege treffen,“ fuhr es blitzartig durch seinen Kopf. Er verjagte schnell diesen Gedanken ... da ist das Haus, er sieht das Tor. Irgendwo schlug plötzlich eine Uhr einmal. „Was, ist es schon halb acht? Das kann nicht sein, sie geht wahrscheinlich vor!“
Zu seinem Glück ging unter dem Tore alles wieder gut vonstatten. Wie absichtlich fuhr in diesem Augenblicke unter das Tor ein ungeheurer Wagen voll Heu, so daß er ihn die ganze Zeit, während er das Tor passierte, verdeckte, und als der Wagen in den Hof hineinfuhr, huschte er in einem Nu nach rechts. Dort, auf der anderen Seite des Wagens, hörte man, wie einige Stimmen schrien und sich stritten, ihn aber hatte niemand bemerkt und er begegnete auch niemandem. Viele Fenster, die auf den großen viereckigen Hof hinausgingen, standen offen, aber er erhob nicht den Kopf, – er hatte keine Kraft dazu. Die Treppe zu der Wohnung der Alten lag in der Nähe, gleich rechts von dem Tore. Er war schon auf der Treppe ...
Er holte Atem, hielt die Hand auf das klopfende Herz, fühlte dabei nach dem Beile, rückte es zurecht und begann vorsichtig und leise die Treppe hinaufzusteigen, alle Augenblicke horchend. Auch die Treppe war um diese Zeit vollkommen leer; alle Türen waren verschlossen; er begegnete auch da niemandem. Im zweiten Stocke stand wohl eine leere Wohnung weit offen, und in ihr arbeiteten Maler, aber auch die sahen nicht zu ihm hin. Er stand einen Augenblick still, dachte nach und ging weiter. – „Gewiß, es wäre noch besser, wenn sie nicht da wären, aber ... über ihnen liegen noch zwei Stockwerke. Aber da ist nun der vierte Stock, da ist die Türe, und die Wohnung gegenüber, die ist unbewohnt. Im dritten Stocke steht die Wohnung, die unter der Wohnung der Alten liegt, allen Anzeichen nach auch leer, – die Visitenkarte, die an der Türe mit Nägeln befestigt war, ist abgenommen, – also sind sie ausgezogen!“ ... Sein Atem stockte. Einen Augenblick durchzuckte ihn der Gedanke: „Soll ich nicht fortgehen!“ Er gab sich aber keine Antwort und begann an der Türe zu der Wohnung der Alten zu horchen, – es war totenstill. Dann lauschte er nochmals die Treppe hinab, lauschte lange und aufmerksam ... Dann sah er sich zum letzten Male um, nahm sich zusammen, faßte sich und tastete noch einmal nach dem Beil in der Schlinge.
„Bin ich nicht zu ... blaß?“ dachte er. „Bin ich nicht zu erregt? Sie ist mißtrauisch ... Soll ich nicht besser noch ein wenig warten ... bis das Herz sich beruhigt? ...“
Das Herz aber beruhigte sich nicht. Im Gegenteil, es klopfte, wie absichtlich, immer stärker und stärker ... Er hielt es nicht aus, langsam streckte er die Hand nach der Klingel und schellte. Nach einer halben Minute schellte er noch einmal etwas lauter.