Was könnt ihr? ......

Vermögt ihr, zu scheiden

Mich von mir selbst?

Auch bei Byron nimmt die Erscheinung Napoleons nicht umsonst die Gestalt Prometheus, Kains, Lucifers an – aller Verstoßenen, Verfolgten, die sich gegen Gott erhoben und vom Baume der Erkenntnis gegessen haben. Dieser Geist, der weder hell noch dunkel ist, wie das fahle Dämmerlicht der ersten Morgenstunden, dieser neue Dämon Europas mit seinem frommen, leidenschaftslosen Lächeln – um wieviel ist er aufrührerischer als Robespierre oder Saint Just, um wieviel will er mehr, als Rousseau oder Voltaire! Es scheint, daß hier auch des Rätsels Lösung ist. Aber vielleicht ist niemand entfernter von diesem Erraten, als – Napoleon selbst. Vielleicht würde sich niemand so sehr darüber wundern, niemand so entrüstet sein wie er, wenn er begreifen könnte, welch eine Folgerung aus seinen Sätzen gezogen, welch eine Bedeutung seiner Persönlichkeit beigelegt werden wird. Schien es doch nicht nur anderen, sondern auch ihm selbst, daß er das gestörte Gleichgewicht der Welt wieder herstellte, daß er unerschütterliche Ordnung einführte, das auseinanderfallende Gebäude des europäischen Staatskörpers stützte und der Revolution ein Ende machte. Wenn nur er selbst und die anderen den „ersten Schritt“, seinen Ausgangspunkt, vergessen könnten – diesen bleichen jungen Menschen mit den blutigen Händen, der nach dem roten Koffer unter das Bett der alten Wucherin – der Revolutionsgöttin „Vernunft“ – kriecht! „Dio mi la dona. Gott hat sie mir gegeben,“ – die Krone oder die rote Truhe? Und ist es wirklich Gott? Wirklich der christliche Gott oder der Gott des fünften Buches Moses? Immerhin hat er doch getötet und gestohlen! Er aber ist ein einzelner; für die anderen heißt es nach wie vor: „Du sollst nicht töten“, „Du sollst nicht stehlen ...“ Wenn er – warum dann schließlich nicht auch ich? Ist er denn nicht aus derselben Nichtigkeit hervorgegangen wie ich, nicht aus einem ebenso abstrakten mathematischen Nichtigkeitspunkt wie ich? Er ist – Gott; ich bin – „zitternde Kreatur“. Aber auch in meinem Herzen erhebt sich der Schrei des Titanen:

Götter? Ich bin kein Gott,

Und bilde mir soviel ein als einer.

Wenn er „beim Vorübergehen einfach alles am Schwanz nahm und fortschleuderte zum Teufel,“ warum soll dann nicht auch ich einmal dasselbe versuchen, und wäre es auch nur, sagen wir – aus Neugier? „Denn hier ist ja nur eines, nur eines erforderlich: man muß sich nur dazu entschließen.“

Nein, Napoleon hat den Brand der großen Revolution nicht gelöscht, er hat nur den Feuerfunken derselben aus dem äußeren, politischen, weniger gefährlichen Gebiet in das innere, sittliche, um wieviel mehr explosionsfähige geworfen. Er wußte selbst nicht, was er tat, ahnte selbst nicht, „wes Geistes er war“; aber mit seinem ganzen Leben, durch sein Beispiel, durch die Größe seines Glücks und die Größe seines Unterganges hat er die tiefsten Grundfesten der ganzen christlichen und vorchristlichen Sittlichkeit erschüttert: ohne seinen Willen, gegen seinen Willen hat er die „Umwertung aller Werte“ begonnen, hat er noch nie dagewesene Zweifel an die Uroffenbarungen des Menschengewissens erweckt, hat er – wenn auch mit halbverschlafenen Augen – in das „Jenseits von Gut und Böse“ geblickt, und hat er auch anderen erlaubt und auch andere gezwungen, dorthin zu blicken. Das aber, was der Mensch dort erblickt hat, das kann er nie mehr vergessen. Die alte politische „Große“ Revolution erscheint uns trotz all ihrer äußeren blutigen Greuel vollkommen unverletzend und ungefährlich, fast gutmütig und klein wie ein Kinderspiel, fast wie Schülerunart – im Vergleich zu diesem kaum sehbaren, kaum hörbaren innerlichen Umsturz, der sich noch bis auf den heutigen Tag nicht vollzogen hat und dessen Folgen wir unmöglich voraussehen können.

Eines ganzen Jahrhunderts angestrengten philosophischen und religiösen Denkens Europas hat es bedurft – von Goethes „Prometheus“ bis zu Nietzsches „Antichrist“ –, um den ewigen Sinn der napoleonischen Tragödie als universalhistorischer Erscheinung zu erfassen: die antichristliche und doch dabei heilige Liebe zu sich selbst, zu seinem „fernen“ Selbst, die der Liebe zu anderen, zum „Nächsten“ entgegengesetzt ist; der titanische unterirdische Anfang der Persönlichkeit: „ich allein gegen alle“ –

„Ihr Wille gegen meinen“ –