„Aber erlauben Sie, erlauben Sie mir, teilweise, alles zu erzählen ... wie die Sache vor sich ging und ... wiederum ... obgleich es überflüssig ist zu erzählen, ich bin darin mit Ihnen einverstanden, – aber vor einem Jahre starb dies junge Mädchen am Typhus, ich aber blieb in Miete, wie vorher, und meine Wirtin sagte mir, als sie in ihre jetzige Wohnung einzog, und ... sagte es mir freundschaftlich ... daß sie mir vollkommen vertraue und daß alles ... aber ob ich ihr nicht einen Schuldschein von hundertundfünfzehn Rubel ausstellen möchte, das war die Summe, die ich ihr schuldete. Erlauben Sie, – sie sagte mir nämlich, daß, wenn ich ihr dies Papier ausgestellt habe, sie mir von neuem kreditieren würde, soviel ich nur wünschte, und daß sie niemals, niemals – das sind ihre eigenen Worte – von diesem Papier Gebrauch machen würde, bis ich selbst bezahlen werde ... Und jetzt, wo ich meine Stunden verloren und nichts zu essen habe, verklagt sie mich ... Was soll ich dazu sagen?“

„Alle diese rührenden Einzelheiten gehen uns gar nichts an, mein Herr,“ schnitt Ilja Petrowitsch dreist ab. „Sie müssen eine Erklärung abgeben und eine Verpflichtung ausstellen, ob Sie aber verliebt waren, und all diese tragischen Sachen gehen uns ganz und gar nichts an.“

„Nun, du bist aber ... auch zu grausam ...“ murmelte Nikodim Fomitsch, indem er sich an seinen Tisch setzte und Papiere zu unterschreiben begann.

Er schien sich zu schämen.

„Schreiben Sie also,“ sagte der Sekretär zu Raskolnikoff.

„Was soll ich schreiben?“ fragte er besonders grob.

„Ich werde Ihnen diktieren.“

Raskolnikoff schien es, als wäre der Sekretär herablassender und geringschätziger ihm gegenüber nach seiner Beichte geworden, – aber merkwürdig, – ihm war plötzlich die Meinung eines anderen so vollkommen gleichgültig, und dieser Umschwung hatte sich in einem Augenblick, in einem Nu vollzogen. Wenn er nur ein wenig hätte nachdenken wollen, so würde er sicher verwundert gewesen sein, wie er so mit ihnen vor einer Minute hatte sprechen und sich sogar mit seinen Gefühlen hatte aufdrängen können? Und woher kam dieses Gefühl? Jetzt, wenn das Zimmer plötzlich nicht mit Revieraufsehern, sondern mit seinen besten Freunden angefüllt wäre, würde er kein einziges menschliches Wort für sie finden, so leer war plötzlich sein Herz geworden. Ein düsteres Empfinden der qualvollen endlosen Einsamkeit und Entfremdung teilte sich plötzlich bewußt seiner Seele mit. Nicht die Erniedrigung vor Ilja Petrowitsch durch seine Herzensergießung, auch nicht die Erniedrigung durch den Triumph des Leutnants hatten sein Herz plötzlich so umgewandelt. Oh, was ging ihn jetzt die eigene Schuftigkeit an, all der Ehrgeiz, was gingen ihn alle Leutnants, deutsche Frauen, Geldforderungen, Bureaus an und so weiter und so weiter! Hätte man ihn in diesem Augenblicke zum Scheiterhaufen verurteilt, er hätte sich auch dann nicht gerührt, hätte kaum das Urteil aufmerksam angehört. In ihm vollzog sich etwas ihm völlig Unbekanntes, Neues, Unerwartetes und Niedagewesenes. Er konnte es nicht begreifen, aber fühlte es ganz klar mit der ganzen Kraft des Empfindens, daß er von jetzt ab weder mit gefühlvollen Ereignissen, wie vorhin, noch mit anderen Dingen sich an diese Menschen im Polizeibureau wenden konnte; auch dann wäre es für ihn überflüssig, sich an sie jemals im Leben zu wenden, wenn es sogar seine leiblichen Brüder und Schwestern gewesen wären, und nicht Polizeileutnants. Er hatte bis zu diesem Augenblick noch nie eine ähnliche seltsame und fürchterliche Empfindung erlebt. Und das Quälendste dabei war, – daß es ein Empfinden war, kein bewußtes Begreifen, eine unmittelbare Empfindung, die qualvollste von allen, die er im Leben gekostet.

Der Sekretär begann ihm die Form einer in diesem Falle gebräuchlichen Erklärung zu diktieren, d. h. ich kann nicht zahlen, verspreche es in der Frist (irgendwann) zu tun, werde die Stadt nicht verlassen und mein Eigentum weder verkaufen, noch verschenken und dergleichen mehr.

„Sie können ja gar nicht schreiben, die Feder fällt Ihnen aus der Hand,“ – bemerkte der Sekretär und blickte voll Neugier Raskolnikoff an. – „Sie sind krank?“