Er setzte sich auf seinen Stuhl, rückte die Suppe und das Fleisch zu sich und begann mit solch einem Appetit zu essen, als hätte er drei Tage nichts bekommen.
„Ich esse jetzt jeden Tag bei euch zu Mittag, lieber Rodja,“ brummte er, soweit es ihm der vollgestopfte Mund erlaubte, „und zwar bewirtet mich so die liebe Praskovja, deine Wirtin, und ehrt mich von ganzer Seele. Ich bestehe selbstverständlich nicht darauf, aber protestiere auch nicht dagegen. Da ist Nastasja mit dem Tee. Wie flink du bist! Nastasja, willst du Bier?“
„Ne, du Spaßvogel.“
„Und wie steht es mit Tee?“
„Tee möchte ich wohl.“
„Gieß ein. Warte, ich will dir selbst eingießen; setz dich an den Tisch.“
Er machte sich sofort daran, goß eine Tasse ein, dann eine zweite, ließ sein Essen stehen und setzte sich wieder auf das Sofa hin. Wie früher, umfaßte er mit der linken Hand den Kopf des Kranken, richtete ihn auf und begann ihm den Tee löffelweise einzuflößen, wobei er wieder ununterbrochen und sehr eifrig auf den Löffel blies, als bestände in diesem Blasen das wesentlichste und heilsamste Moment für die Genesung. Raskolnikoff schwieg und sträubte sich nicht, obwohl er genügend Kraft in sich fühlte, sich zu erheben und ohne fremde Hilfe auf dem Sofa zu sitzen, nicht bloß die Hände zu benutzen, um den Löffel oder die Tasse zu halten, sondern vielleicht auch herumzugehen. Aber aus einer eigentümlichen, fast tierischen Schlauheit heraus kam es ihm plötzlich in den Sinn, vorläufig seine Kräfte zu verheimlichen, sich zu verstellen und sich auch nötigenfalls den Anschein zu geben, als verstünde er noch nicht alles, indessen aber zuzuhören und zu erfahren, was um ihn vorgehe. Übrigens überwand er nicht seinen Widerwillen, – nachdem er etwa zehn Löffel Tee geschlürft hatte, befreite er plötzlich seinen Kopf von der Umarmung, stieß den Löffel von sich und sank wieder auf die Kissen zurück. Unter seinem Kopfe lagen jetzt wirklich Kissen, – gefüllt mit weichem Flaum und mit sauberen Überzügen bezogen; das hatte er auch schon bemerkt und darüber nachgedacht.
„Die liebe Praskovja muß uns heute noch Himbeersaft schicken, um ihm ein Getränk zu machen,“ sagte Rasumichin, indem er seinen Platz wieder einnahm und sich an die Suppe und das Bier machte.
„Wo soll sie den Himbeersaft für dich hernehmen?“ fragte Nastasja, die die Untertasse auf ihren ausgespreizten fünf Fingern hielt und den Tee durch ein Stück Zucker hindurchsog.
„Den Himbeersaft wird sie im Laden erhalten, mein Freund. Siehst du, Rodja, während du krank warst, ist hier eine ganze Geschichte passiert. Als du in solcher spitzbübischen Weise von mir ausrücktest und mir deine Wohnung nicht sagtest, packte mich plötzlich eine Wut, daß ich beschloß, dich aufzusuchen und zu strafen. Am selben Tage begann ich schon. Ich wanderte und wanderte umher, fragte hier und fragte dort! Deine jetzige Wohnung hatte ich vergessen, erinnerte mich ihrer auch nicht, weil ich sie gar nicht kannte. Nun, und von der früheren Wohnung wußte ich bloß, daß sie an den Fünfecken lag, im Hause Karlamoff. Ich suchte und suchte dies Haus von Karlamoff, – und später fand sich’s, daß es gar nicht Karlamoff, sondern Buch gehörte, wie man sich zuweilen im Klange irren kann. Na, ich wurde böse, und ging auf gut Glück am anderen Tage in das Adreßbureau, und stell dir vor, – in zwei Minuten hatte man dich dort herausgefunden. Du bist dort eingetragen.“