und doch nicht floh, und der ich nun endlich in das „Land der heiligen Wunder“ fahre, in das Land meiner so langen Sehnsüchte und Erwartungen, meines so hartnäckigen Glaubens! Herrgott, was sind wir denn für Russen? fuhr es mir da durch den Kopf, während ich immer noch in demselben Waggon saß. Sind wir denn überhaupt und wirklich Russen? Warum macht denn Europa auf uns, wer wir auch sein mögen, einen so starken, zauberischen Eindruck, als rufe es uns? Das heißt: ich rede jetzt nicht von jenen Russen, die dort in Europa geblieben sind, und auch nicht von jenen einfachen Russen, deren Name fünfzig Millionen ist und die wir, wir hunderttausend Menschen, noch immer höchst ernsthaft für niemand halten und über die unsere tiefsinnigen satirischen Zeitschriften sich noch bis heute lustig machen, weil sie sich die Bärte nicht scheren. Nein, ich rede jetzt lediglich von unserem privilegierten und patentierten Häuflein. Ist doch alles, entschieden fast alles, was es bei uns an Entwicklung, Wissenschaft, Kunst, Bürgersinn, Menschlichkeit gibt, alles von dort hergekommen, alles aus eben diesem Lande der heiligen Wunder! Hat sich doch unser ganzes Leben schon von unserer ersten Kindheit an nach dem europäischen ABC aufgebaut. Hätte denn überhaupt jemand von uns diesem Einfluß, diesem Ruf, diesem Druck standhalten können? Wie war es nur möglich, daß wir uns nicht endgültig in Europäer verwandelten? Denn: daß wir uns nicht verwandelt haben – das werden, denke ich, alle zugeben, die einen mit Freuden, die anderen natürlich mit Ärger darüber, daß wir eben nicht so weit herangewachsen sind. Doch das ist eine Frage für sich. Ich will hier nur die Tatsache hervorheben, daß wir uns nicht verwandelt haben, sogar trotz so unwiderstehlicher Einflüsse, und diese Tatsache kann ich eigentlich selbst nicht recht verstehen. Es sind doch nicht immer unsere Kinderwärterinnen und Ammen gewesen, die uns vor der Verwandlung bewahrten, wie es mit Puschkin geschah ... Sollte es denn wirklich eine solche chemische Verbindung des Menschengeistes mit der Heimaterde geben, daß man sich doch nicht endgültig von ihr loszureißen vermag, oder wenn man es versucht, dann doch immer wieder zu ihr zurückkehren muß? Der Slawophilismus ist bei uns gewiß nicht vom Himmel herabgefallen und wenn er auch in der Folge die Gestalt eines Moskauer Einfalls angenommen hat, so ist die Grundlage dieses Einfalls doch etwas breiter als die Moskauer Formel und ruht vielleicht in manchen Herzen viel tiefer, als es auf den ersten Blick scheint. Vielleicht ist das auch bei den Moskowitern selber der Fall. Man bedenke nur einmal, wie schwer es doch ist, sich gleich beim ersten Mal klar auszudrücken, sogar wenn man es nur für sich selbst zu tun versucht. Manch ein lebenszäher, starker Gedanke kommt denn auch in drei Menschenaltern nicht klar zum Ausdruck, sodaß das Finale manchmal dem Anfang völlig unähnlich ausfällt ...

Alle diese müßigen Gedanken belagerten mich nun unwillkürlich im Waggon auf meiner Fahrt nach Europa, zum Teil übrigens aus Langeweile und infolge des Nichtstuns. Seien wir doch aufrichtig! Über solche Gegenstände pflegen bei uns bis jetzt nur diejenigen nachzudenken, die nichts zu tun haben. Ach, wie ist es langweilig, müßig im Waggon zu sitzen! – wirklich auf ein Haar so, wie es bei uns in Rußland ohne eigene Arbeit langweilig zu leben ist. Wenn man auch gefahren wird, wenn auch für einen gesorgt wird, ja wenn man auch manchmal so eingelullt wird, daß einem, wie man meinen sollte, nichts mehr zu wünschen übrig bleibt, die Langeweile, die Langeweile ist dennoch da, und zwar gerade deshalb, weil du selbst nichts tust, weil andere sich schon gar zu sehr um dich bekümmern, du aber sitze da und warte, bis man dich endlich hingeschafft hat. Weiß Gott, manchmal wäre ich wahrhaftig am liebsten nur so hinausgesprungen aus dem Waggon und seitwärts neben der Maschine auf meinen eigenen Füßen gelaufen. Mag es so auch schlechter gehen, mag ich auch aus Ungeübtheit ermüden, mich im Wege versehen, darauf kommt es nicht an! Dafür gehe ich selbst, mit meinen eigenen Beinen, dafür habe ich eine Aufgabe für mich gefunden und tue sie selbst, dafür werde ich, wenn es geschieht, daß die Waggons zusammenstoßen und kopfüber hinabsausen, nicht mehr mit gefalteten Händen eingeschlossen sitzen und mit meinen Körperseiten fremde Schuld bezahlen ...

Weiß Gott, was alles einem beim Nichtstun manchmal in den Sinn kommt!

Inzwischen begann es schon zu dunkeln. In den Waggons wurde das Licht angezündet. Mir gegenüber saß ein Ehepaar, schon bejahrte Leute, Gutsbesitzer; ich glaube, gute Menschen. Sie reisten nach London, nur auf ein paar Tage, um sich die Weltausstellung anzusehen, die Kinder aber hatten sie zu Hause gelassen. Rechts neben mir saß ein Russe, der aus kommerziellen Gründen seit zehn Jahren in London lebte, jetzt nur auf zwei Wochen Geschäfte halber nach Petersburg gekommen war und, wie mir schien, bereits jede Vorstellung von Heimweh vollständig verloren hatte. Links saß ein echter, ein Vollblut-Engländer, rotblond, mit einem englischen Scheitel und von betontem Ernst. Während der ganzen Reise sagte er zu keinem einzigen von uns auch nur das kleinste Wort, gleichviel in welcher Sprache, am Tage las er unausgesetzt in einem Buch von jenem kleinsten englischen Druck, den nur Engländer ertragen können, ja sogar noch wegen der Bequemlichkeit loben, und abends zog er, sobald es zehn Uhr wurde, sogleich seine Stiefel aus und Schuhe an. Wahrscheinlich hatte er das in seinem Leben einmal so eingeführt und seine Gewohnheiten wollte er offenbar auch auf der Reise nicht ändern. Bald schlummerten alle ein; das Pfeifen und Stampfen des Zuges trieb einen unwiderstehlich in irgend so einen Schlummerzustand. Ich saß, dachte, dachte, und ich weiß eigentlich selbst nicht, wie mir plötzlich jener Satz einfiel: „Überlegung hat der Franzose nicht“, womit ich dieses Kapitel begann. Aber wissen Sie: es unterspült mich etwas und treibt mich, Ihnen diese meine Überlegungen im Eisenbahnwagen mitzuteilen, so lange wir uns noch auf der Reise nach Paris befinden, einfach so ... oder meinetwegen auch im Namen der Humanität: hatte ich doch Langeweile im Waggon, also mögen Sie sich nun gleichfalls langweilen. Doch übrigens, um andere Leser davor zu bewahren, werde ich alle diese meine Überlegungen absichtlich in ein besonderes Kapitel einschließen und dieses ein überflüssiges nennen. Sie, meine Freunde, können sich durch dasselbe durchlangweilen, die anderen aber können es, als ein überflüssiges, auch überspringen. Mit dem Leser muß man nun einmal vorsichtig und gewissenhaft umgehen, mit Freunden aber – nun, da geht’s auch so. Also:

Das dritte
und vollkommen überflüssige Kapitel.

Übrigens waren das weniger Überlegungen, als gewisse Betrachtungen, wahllose Vorstellungen, sogar Träume „von dem sowohl als wie von jenem, zumeist jedoch von Null und Nichts“. Zunächst kehrte ich auf dieser Gedankenreise in der Vergangenheit ein und begann damit, daß ich über diesen Menschen, der obenerwähnten Aphorismus über die französische Überlegungskraft in die Welt gesetzt, ins Nachdenken geriet. Dieser Mensch war zu seiner Zeit ein großer Liberaler. Aber wenn er auch sein Lebelang aus unbekannten Gründen einen französischen Rock auf seinem Körper und Puder auf dem Kopfe trug und hinten einen Degen baumeln ließ, zum Zeichen seiner ritterlichen Herkunft (die es bei uns überhaupt nicht gegeben hat), sowie zur Verteidigung seiner persönlichen Ehre im Wartezimmer Potjomkins, begann er sich doch, kaum daß er die Nase ins Ausland gesteckt hatte, im Nu mittels aller biblischen Texte von Paris loszubeten und loszusagen und fällte auch schon sein Urteil über den Franzosen, dem er die Gabe der Überlegungskraft ohne weiteres absprach, ja, der nach diesem Urteil ihren Besitz sogar als ein Verderben für sich ansehen würde. – Doch um mich zu vergewissern: am Ende denken Sie jetzt gar, ich hätte den baumelnden Degen und den französischen Samtrock Vonwisins in tadelndem Sinne erwähnt? Keineswegs! Er hätte doch nicht einen Bauernkittel tragen sollen, und das noch damals, wenn sogar heute manche Herren, um Russen zu sein und sich mit dem Volk verbunden zu fühlen, keinen Bauernkittel angezogen, sondern eine Art Ballettkostüm für sich erfunden haben, an welchem nicht viel fehlt, um dasselbe Kostüm zu sein, in dem die Helden unserer historischen Opern auf der Bühne erscheinen, à la Ruslan, dessen Ludmila denn auch dementsprechend als Kopfschmuck den Kokoschnick trägt. Nein, der französische Rock war dem Volk doch verständlicher. „Da sieht man gleich den Herrn,“ hieß es dann, „ein Herr kann doch nicht wie unsereiner im Kittel gehen“. Vor kurzem wurde mir von einem Gutsbesitzer erzählt, einem Zeitgenossen, der, um mit dem Volke eins zu werden, gleichfalls ein sogenanntes russisches Kostüm zu tragen anfing und sich verlocken ließ, in dieser Tracht auch auf den Versammlungen der Bauernschaft zu erscheinen; aber siehe, da geschah es, daß die Bauern, als sie ihn erblickten, unter sich zu einander sagten: „Was schleppt sich denn dieser Verkleidete zu uns?“ Also ist’s dem Gutsbesitzer auf diesem Wege doch nicht gelungen, mit dem Volke eins zu werden.

„Nein, ich für meine Person,“ sagte mir ein anderer Herr, „ich werde nichts abtreten. Ich werde mir absichtlich den Bart scheeren und, wenn es nötig ist, auch im Frack gehen. Die Sache selbst werde ich machen, aber mir niemals anmerken lassen, daß ich ihm, dem Volk, nähertreten will. Ich werde der Herr sein, werde geizig und berechnend sein, ja werde sogar bedrücken und erpressen, wenn es mir ratsam erscheint. Dann achten sie einen mehr. Und das ist doch alles, worauf es ankommt, daß man zuerst eine richtige Achtung durchsetzt.“

„Pfui, Teufel!“ dachte ich. „Das ist ja, als rüsteten sie sich gegen Fremdstämmige. Ein militärischer Rat und nichts weiter.“

„Ja,“ sagte ein dritter zu mir – nebenbei bemerkt: ein überaus lieber Mensch –, „nun gut, sagen wir, ich lasse mich in eine Dorfgemeinde eintragen, plötzlich aber werde ich für irgend etwas von der Gemeindeversammlung zur Rutenstrafe verurteilt. Was dann?“

„Na, und selbst wenn?“ wollte ich schon sagen, aber ich sagte es nicht, denn ich wagte es nicht so recht. – Was ist das doch, woher kommt es, daß wir uns noch immer fürchten, manche Gedanken auszusprechen? – „Und selbst wenn?“ dachte ich bei mir, „selbst wenn du mal Ruten bekämest, was wäre denn dabei? Solche Wendungen der Dinge heißen bei den Professoren der Ästhetik das Tragische im Leben, und damit ist’s erledigt. Soll man denn wirklich nur deshalb gleich von allen abgesondert leben? Nein, wenn man schon mit dem Volke eins sein will, dann sei man es auch ganz und mit allen, wenn man aber ein Mensch für sich sein will, dann sei man aber auch wirklich und vollkommen abgesondert. Anderswo ist noch ganz anderes ertragen worden und noch dazu von schwachen Frauen und Kindern.“