Das vierte
und für Reisende nicht überflüssige Kapitel.

(Die endgültige Entscheidung der Frage, ob der Franzose wirklich „keine Überlegung hat“.)

Doch nein, wieso, warum soll denn der Franzose keine Überlegung haben? fragte ich mich, während ich die neuen Mitreisenden betrachtete, vier Franzosen, die soeben in unser Abteil eingestiegen waren. Es waren das die ersten Franzosen, die ich auf ihrem Heimatboden sah, wenn ich die Zollbeamten in Erquelines, das wir gerade verlassen hatten, nicht mitrechnete. Diese Zollbeamten waren überaus höfliche Leute, machten ihre Sache schnell ab, und als ich einstieg, war ich mit meinem ersten Schritt in Frankreich sehr zufrieden. Bis Erquelines waren in unserem Abteil von den acht Plätzen nur zwei besetzt gewesen: von mir und einem Schweizer, einem schlichten und bescheidenen Menschen in mittleren Jahren, einem sehr angenehmen Gesellschafter, und wir hatten uns an die zwei Stunden aufs beste unterhalten. Jetzt waren wir zu sechs im Abteil und mein Schweizer ward zu meiner Verwunderung in Gegenwart der vier anderen plötzlich ungemein wortkarg. Ich wollte natürlich unser unterbrochenes Gespräch fortsetzen, doch er beeilte sich geradezu auffallend, es abzubrechen, antwortete ausweichend, trocken, fast geärgert, wandte sich zum Fenster und begann hinauszuschauen, und schließlich zog er seinen deutschen Reiseführer hervor und versenkte sich voll und ganz in dessen Inhalt. Ich ließ ihn selbstredend sofort in Ruhe und begann mich stumm mit unseren neuen Mitreisenden zu beschäftigen. Das waren eigentlich seltsame Leute. Sie reisten so wie sie gingen und standen, hatten weder ein Bündel, noch einen Koffer bei sich, ja sie trugen nicht einmal Kleider, die an Reisende erinnert hätten. Alle vier hatten nur leichte Röcke an, die bereits schrecklich abgetragen waren, kaum bessere als die, die bei uns Offiziersburschen zu tragen pflegen oder die Hofleute auf den Gütern mittlerer Gutsbesitzer. Ihre Wäsche sah schmutzig aus, die Halstücher waren sämtlich äußerst grellfarben und gleichfalls sehr schmutzig; der eine hatte sich um den Hals eines jener Seidentücher gewickelt, die ewig getragen werden und schließlich, – nach fünfzehnjähriger Berührung mit dem Halse des Trägers, mit einem ganzen Pfund Fett durchtränkt sind. Derselbe Mitreisende hatte zudem Hemdknöpfe mit falschen Brillanten von der Größe einer Nuß. Übrigens hielten sie sich alle mit einem gewissen Chic, ja sogar verwegen. Alle vier schienen im gleichen Alter zu stehen – fünfunddreißig oder so – und ohne in den Gesichtszügen einander ähnlich zu sein, sah doch der eine wie der andere aus. Es waren zerknitterte Gesichter mit französischen Beamtenbärtchen, die gleichfalls eins wie das andere aussahen. Jedenfalls merkte man es den Leuten an, daß sie bereits mit allen Wassern gewaschen waren und sich schon für immer den – etwas sauren – Gesichtsausdruck gedanklich überaus beschäftigter Leute angewöhnt hatten. Es schien mir auch, daß sie einander kannten, doch ich erinnere mich nicht, ob sie während der ganzen Fahrt auch nur ein Wort miteinander wechselten. Uns, d. h. mich und den Schweizer, schienen sie irgendwie seltsam-merklich überhaupt nicht sehen zu wollen. Ungeniert pfeifend, saßen sie nachlässig auf ihren Plätzen und sahen die ganze Zeit zum Fenster hinaus. Ich zündete mir eine Zigarette an und da ich nichts zu tun hatte, betrachtete ich sie. Mir kam, ich muß gestehen, flüchtig der Gedanke: was sind das nun eigentlich für Leute? Arbeiter – und doch keine Arbeiter; Bourgeois – und doch keine Bourgeois. Sollten es am Ende verabschiedete Militärs sein – irgend so etwas à la demi-solde[18] oder ähnliches? Übrigens zerbrach ich mir ihretwegen nicht allzu sehr den Kopf. Nach etwa zehn Minuten, als wir die nächste Haltestelle erreichten, sprangen sie alle vier einer nach dem anderen aus dem Wagen, schlugen die Tür zu und wir sausten weiter. Auf dieser Strecke hält der Zug kaum zwei Minuten an den Stationen, höchstens drei, und schon fährt man wieder. Man fährt vorzüglich, das heißt außergewöhnlich schnell.

Kaum waren wir allein geblieben, da klappte der Schweizer seinen Führer zu, legte ihn beiseite und sah mich sehr zufrieden an, sichtlich mit dem Wunsch, unser Gespräch fortzusetzen.

„Die sind nicht lange bei uns geblieben,“ bemerkte ich, indem ich ihn einigermaßen verwundert betrachtete.

„Ja, die stiegen doch nur für die Fahrt bis zur ersten Haltestelle ein.“

„Sie kennen sie?“

„Diese? ... Das waren doch Polizeileute ...“

„Wieso? Was für Polizeileute?“ fragte ich verwundert.

„Ja-ja ... ich merkte vorhin schon gleich, daß Sie es nicht errieten.“