„Reden Sie, reden Sie nur, ich höre.“

„Ihm ward auch noch das höchste Glück zuteil. Er war der Freund des großen Kaisers. Kein anderer von allen seinen Marschällen hatte das Glück, dem großen Manne Freund zu werden. Einzig der Marschall Lannes ward dieser großen Ehre gewürdigt. Als er auf dem Schlachtfelde für sein Vaterland fiel ...“

„Nun ja, ein Geschoß zerschmetterte ihm beide Beine.“

„Mßjö, mßjö! Gestatten Sie doch, daß ich es selber sage,“ rief der Invalide mit fast klagender Stimme. „Sie wissen das vielleicht schon ... Aber so lassen Sie es doch auch mich erzählen!“ – Der wunderliche Alte wollte sich schon gar zu gern reden hören, auch wenn wir alles bereits wußten.

„Als nun der Marschall im Sterben lag,“ fuhr er also von neuem fort, „für sein Vaterland, auf dem Felde der Schlacht, da kam der Kaiser, aufs Tiefste erschüttert und schmerzlich beklagend den großen Verlust ...“

„Um Abschied von ihm zu nehmen,“ plagte es mich wieder, ihm ins Wort zu fallen, aber ich fühlte sogleich, daß es häßlich von mir war; ich schämte mich sogar.

„Mßjö, mßjö!“ sagte der Alte, sah mir mit traurigem Vorwurf in die Augen und schüttelte langsam sein greises Haupt. „Mßjö! Ich weiß, ich bin überzeugt, daß Sie alles das wissen, vielleicht besser wissen als ich. Aber Sie haben doch selber die Führung mir überlassen; also erlauben Sie, daß ich jetzt rede. Es ist auch nicht mehr viel zu sagen ... Da kam der Kaiser, aufs tiefste erschüttert und schmerzlich beklagend den großen Verlust, den er, die Armee und ganz Frankreich erlitten, an das Sterbelager des Marschalls und linderte durch diesen letzten Abschied die grausamen Qualen des vor seinen Augen hinscheidenden Heerführers. – C’est fini, monsieur,“[43] fügte er mit einem vorwurfsvollen Blick auf mich hinzu und ging weiter.

„Und hier sind dann noch ein paar Särge: das sind so ... quelques sénateurs,“[44] bemerkte er gleichmütig, mit einer nachlässigen Kopfbewegung auf die übrigen Sarkophage deutend, die in der Nähe standen. Seine ganze Redekunst hatte sich für Voltaire, Jean Jacques und den Marschall Lannes verschwendet. Das war nun schon ein unmittelbares, ein sozusagen volkliches Beispiel der Liebe des Franzosen zur schönen Redekunst. Sollten wirklich alle die Reden der Redner ihrer Nationalversammlung, des Konvents und der Klubs, an denen das Volk doch fast unmittelbaren Anteil hatte und wo es doch förmlich umerzogen wurde, nur eine einzige Spur in ihm hinterlassen haben – die Liebe zur Redekunst um der Redekunst willen?

Achtes Kapitel.
Bribri und Mabisch.

Und nun die Epousen. Die Epousen führen ein glückseliges Leben, wie gesagt. Übrigens: Sie werden mich gewiß fragen wollen, weshalb ich anstatt „Frauen“ hier immer „Epousen“ sage? Aus Gründen des Stils, meine Herrschaften, nur aus Gründen des Stils. Der Bourgeois pflegt nämlich, wenn er sich vornehm ausdrücken will, stets „mon épouse“[45] zu sagen. Und wenn auch die anderen Klassen, ganz wie überall in der Welt, einfach „ma femme“[46] – meine Frau – sagen, so erscheint es mir doch richtiger, dem nationalen Geist der Mehrheit und der höheren Ausdrucksform zu folgen. Es ist charakteristischer. Im übrigen aber gibt es auch noch andere Benennungen. Zum Beispiel, wenn der Bourgeois gefühlvoll wird oder seine Frau betrügen will, so nennt er sie stets „ma biche“.[47] Und die liebende Frau wiederum nennt in Augenblicken graziöser Tändelei ihren lieben Bourgeois: „bribri“ – womit der Bourgeois seinerseits sehr zufrieden ist. Bribri und Mabisch stehen zwar immer in Blüte, gerade jetzt aber blühen sie üppiger denn je. Ganz abgesehen davon, was nun einmal nach allseitiger (und nahezu stillschweigender) Übereinkunft festgestellt ist, nämlich: daß Mabisch und Bribri in unserer vielgestaltigen Zeit das Musterbeispiel der Tugend, Eintracht und des paradiesischen Zustandes der gegenwärtigen Gesellschaft sind, letzteres besonders zur Widerlegung aller schändlichen Faseleien der unsinnigen Kommunistenvagabunden, – also ganz abgesehen davon, und überdies wird Bribri jetzt noch mit jedem Jahre nachgiebiger in Fragen des Ehestandes. Er begreift bereits, daß, mag man auch noch so viel reden oder noch so viele Vorkehrungen treffen, Mabisch doch nicht zu halten ist, daß die Pariserin nun einmal für den Liebhaber geschaffen ward, daß es für einen Ehemann eben ganz unmöglich ist, der Kopfzier zu entgehen, und so schweigt er denn wohlweislich, allerdings nur so lange wie er erst wenig Geld erspart hat und noch nicht viele Sachen und Sächelchen[91] besitzt. Sobald aber sein Besitzstand sich in der einen wie in der anderen Richtung abzurunden beginnt, wird Bribri sogleich bedeutend anspruchsvoller, sintemal er sich dann selber ungemein zu achten anfängt. Nun und dann beginnt er auch den Gustave anders zu beurteilen, namentlich wenn dieser zum Überfluß noch irgendso ein armer Schlucker ist, der nichts weniger als viele Sachen und Sächelchen besitzt. Überhaupt wird ein Pariser, der heiraten will und selber Geld hat, sei es auch noch so wenig, unbedingt eine Braut mit Geld heiraten. Ja, die Mitgift ist für ihn sogar unbedingt die erste Frage und nur wenn es sich herausstellt, daß die Franken und Sachen auf beiden Seiten in gleicher Zahl vorhanden sind, dann erst, aber auch nur dann wird geheiratet. Das pflegt zwar überall vorzukommen, hier aber ist es schon zu einem Gesetz von der Gleichheit der Geldbeutel, ist es zu allgemein anerkannter Sitte geworden. Hat z. B. die Braut nur ein wenig mehr Geld, so wird sie dem Bewerber, der weniger hat, nicht mehr gegeben, sondern es wird für sie ein besserer Bribri gesucht. Liebesheiraten werden immer unmöglicher und gelten fast schon für unanständig. Diese vernünftige Sitte der unbedingten Gleichheit der Geldbeutel oder der Verheiratung des einen Kapitals mit dem anderen Kapital wird nur äußerst selten nicht befolgt, ja, ich glaube, in Frankreich viel, viel seltener als gleichviel wo in der übrigen Welt. Und das Verfügungsrecht über das Vermögen der Frau hat der Bourgeois ganz vortrefflich zu seinen Gunsten festzusetzen verstanden. Das ist denn auch der Grund, weshalb er in vielen Fällen sich dazu versteht, bei Abenteuern seiner Bisch ein Auge zuzudrücken, durch die Finger zu sehen und manche ärgerlichen Dinge nicht zu bemerken, da bei einem Zerwürfnis die Frage der Auszahlung ihrer Mitgift doch recht unangenehm wäre. So kommt es denn, daß, wenn Mabisch sich manchmal eleganter kleidet, als ihre Mittel es gestatteten, Bribri sich innerlich damit zufrieden gibt, selbst wenn er alles bemerkt hat: verlangt sie doch in dem Falle von ihm weniger Toilettengeld. Auch ist Mabisch dann bedeutend verträglicher. Und schließlich, da die Ehe doch größtenteils nur eine Verbindung seines und ihres Geldes ist und man sich um die gegenseitige Zuneigung recht wenig kümmert, so ist auch Bribri nicht abgeneigt, trotz seiner Bisch sich nach anderen Seiten hin umzusehen. Und somit tut man am besten, wenn man sich gegenseitig nicht stört. So gibt es auch mehr Eintracht im Hause und das zärtliche Geflüster der lieblichen Namen Bribri und Mabisch kommt dann zwischen den Gatten viel häufiger vor. Und schließlich, wenn man schon alles sagen soll: auch in dieser Richtung hat Bribri wunderbar für sich vorgesorgt. Der Polizeikommissar steht jeden Augenblick zu seiner Verfügung. So bestimmen es die Gesetze, die er selbst für sich zurecht gemacht hat. Im äußersten Fall, d. h. wenn er die Liebenden en flagrant délit[48] ertappt, kann er sie beide sogar totschlagen, ohne sich dadurch auch nur der geringsten Strafe auszusetzen. Mabisch weiß das und ist damit durchaus einverstanden. Durch lange Vormundschaft hat man Mabisch soweit gebracht, daß sie nicht einmal murrt oder unzufrieden ist, geschweige denn davon träumt, wie es in manchen barbarischen und komischen Ländern geschieht, z. B. irgend etwas zu lernen, an Hochschulen zu studieren, an Sitzungen teilzunehmen, einem Klub anzugehören und in Ausschüssen zu sitzen, oder gar Abgeordnete zu werden. Nein, Mabisch zieht es vor, in ihrem gegenwärtigen luftigen und sozusagen kanarienvogelmäßigen Stande zu verbleiben. Sie wird geputzt, sie wird behandschuht, sie wird auf die Promenade geführt und spazieren gefahren, sie tanzt, sie nascht Zuckerwerk, äußerlich wird sie wie eine Königin empfangen und äußerlich liegen die Männer vor ihr einfach im Staube. Die Form dieses Verhältnisses ist bewundernswert geschickt und anstandsgemäß durchgebildet. Mit einem Wort, die ritterlichen Formen werden gewahrt, also was will man mehr? Gustave wird ihr ja nicht genommen! Irgendwelche sittlichen, höheren Lebensziele usw. usw. braucht sie nicht: im Grunde ist sie genau so eine Kapitalistenseele und genau so geldgierig wie ihr Mann. Wenn die Kanarienvogeljahre vorüber sind, d. h. wenn sie sich schon auf gar keine Weise noch irgend etwas vortäuschen, wenn sie sich also wirklich nicht mehr für einen Kanarienvogel halten kann und wenn der Gedanke an einen neuen Gustave selbst bei üppigster Einbildungskraft und höchster Eigenliebe schon völlig aussichtslos wird, – dann pflegt Mabisch sich plötzlich, in kürzester Zeit und ganz greulich zu verwandeln. Koketterie, Putzsucht, Munterkeit verschwinden spurlos. Sie wird meistenteils so böse! wird zu einer solchen Wirtschafterin! Sie geht in die Kirchen, spart mit dem Manne Geld und ein eigentümlicher Zynismus schaut auf einmal von allen Seiten hervor: plötzlich stellen sich eine gewisse Müdigkeit, Verdrossenheit, rohe Instinkte ein, hinzu kommt eine Zwecklosigkeit des Daseins, kommen zynische Reden. Sogar in ihrer Kleidung werden manche von ihnen nachlässig und schlampig. Selbstverständlich ist das nicht immer und bei allen der Fall, es gibt natürlich auch andere, lichtere Erscheinungen, o, und selbstredend gibt es auch anderswo, gibt es überall ebensolche gesellschaftlichen Verhältnisse, aber ... aber bei den Franzosen ist das alles bodenständiger, ist es gewissermaßen das Original selber, ist ursprünglicher, ausgeprägter, kurz, alles das ist in Frankreich nationaler. Hier ist die Quelle, ist der Keim jener bourgeoisen gesellschaftlichen Form, die jetzt in der ganzen Welt herrscht – in Gestalt ewiger Nachahmung der großen Nation.